Rezensionen von Beatrix Kramlovsky


 

 

 
Erika Wimmer, Nellys Version der Geschichte.
Roman.
Innsbruck: Limbus 2014

       Gewagt eröffnet Erika Wimmer ihren Roman über Freundschaft, Liebe und Liebesvermögen: der Filmemacher Sturm beobachtet Publikum, Menschen, die zur Präsentation von Buch und Film kommen. Er denkt sich seinen Teil, er hofft auf manche Gesichter, er wartet, bis der Saal voll ist und alle da sind, auf die seine Frau Nelly, die Schriftstellerin, besonderen Wert legt. Sturm ist ein komplexer Mann, aber das verrät die Autorin noch nicht. Auf den ersten Seiten wirkt er pedantisch, distanziert, lehrerhaft, während er die wichtigsten Personen der Geschichte so en passant vorstellt. Sieben Seiten, deren Lektüre die Irritation über den Mann Sturm verstärkt, scheinen keine verführerische Einleitung für einen Roman zu sein. Aber Erika Wimmer macht es so geschickt, dass klar wird: es gibt einen guten Grund für diese Art von Eröffnung – und man möchte ihn kennen.
       Sturm scheint nur eine Art Chronist zu sein, interessiert an Ursachen und Folgen, ein Stiller mit unpassendem Namen, auf eigene Art verwickelt in das Drama. Sturms Frau Nelly hat seit Jahren nicht mehr geschrieben. Doch das Material, das Sturm zu Valerias Freunden gesammelt hat, erwies sich als Damm brechend.
       Was hat es also mit dieser Gruppe auf sich? Was passierte, als Valeria vor rund fünfzehn Jahren starb, während ihre Freunde die letzten Wochen bei ihr verbrachten, sie pflegten, ihre eigenen Tagesabläufe nach den Bedürfnissen der Kranken richteten, miteinander auskommen mussten, trotz aller Missverständnisse, trotz Verrat, trotz Lügen und schmerzlicher Erkenntnisse? Valeria starb und das Leben der anderen veränderte sich, teilweise massiv.
       Svea, die Südtiroler Freundin Valerias, ist nun nicht mehr verheiratet, hat ein neues Glück gefunden und wieder verloren, und ein anderes Leben weit weg von daheim begonnen, als Zugereiste in einem Dorf, in jeder Hinsicht selbständig. „Am Ende hat meine angebliche Unabhängigkeit mich auf eine Insel ohne Anlegeplatz verbannt.“ Ihr neues Zuhause wird der Treffpunkt, wo sich alle nach vielen Jahren wieder treffen und unter Sturms sanft leitender Hand den unterschiedlichen Wahrheiten ins Gesicht schauen. Svea kann Neugierde nicht verhehlen. Aber auch nicht ihre Nervosität. Denn sie wird Julia wiedersehen, damals noch sehr, sehr jung, die mit  Sveas Mann David eine Affäre hatte. Außerdem gab es ihren Schützling Hanna, schrecklich kompliziert und geschädigt. Hanna liebte offensichtlich David ebenfalls, verzweifelt und Besitz ergreifend. Sie war Schuld, dass Svea genug hatte, nicht länger mit Scheuklappen leben wollte. Und David wird kommen, der alleine lebt und sich als Verlassener begreift, bis er versteht, dass der Fehler auch bei ihm liegt: „Um die Verwüstung, die ich zurückließ, hab ich mich nicht mehr gekümmert. So hab ich das in meinem Leben immer gemacht. Und am Ende hat es mir nichts eingebracht. Gar nichts.“
       Valerias Zeit des Sterbens war für sie alle eine Auszeit und ein Neubeginn, und von allen ungeplant und ungewollt. Erika Wimmer macht das sehr schnell klar und baut eine Spirale wachsender Gewalt und Spannung auf. Packend stellt sie Erfahrungen einander gegenüber: Sveas und Hannas Kindheit haben wenig gemeinsam und doch gibt es eine Art von Gewalt, die beiden innewohnt. Es gibt Druck, den die Eltern ausüben. Aber Svea und Hanna entwickelten unterschiedlichen Strategien, um damit leben zu können. Und sie lernen beide, das, was sie für Liebe halten, zu verstehen und zu überwinden. 
       Das Streeruwitz'sche Stilmittel der Kürzestsätze mit Punkten, die zusätzliche Pausen und Unterbrechungen im Lesen einfordern, wird manchmal ein wenig oft eingesetzt, denn Wimmers dramatische Schlüsselszenen leben ohnehin schillernd von punktgenau richtig gewählten Worten.
Die Vielschichtigkeit des Textes erfordert aufmerksame Lektüre, entspannender Freizeitroman ist das keiner. Aber die Leserin wird mit einer Fülle von Bildern belohnt, von anekdotischen Szenen, die zum Nachdenken einladen.           
       Erika Wimmer schildert in diesem ruhig beginnenden Roman großartig komplexe Charaktere. Und sie schafft es, einen Rückblick so in die Gegenwart einzubauen, dass die Spannung nie abflaut. Ohne zu verwirren, gleitet die Geschichte zurück zu Valeria und wieder Jahre der Gegenwart entgegen. Der Ton der einzelnen Erzählerinnen ist ihrem Charakter angepasst, das stark visuelle Element wird immer wieder von lustvollen Beschreibungen der gemeinsamen Essen unterbrochen, den einsamen Spaziergängen im Wald, der kollektiv erfahrenen Angst, als klar wird, dass die Dorfbewohner Anteil an diesem Treffen haben, ebenfalls Einfluss nehmen.
       Nellys Version der Geschichte ist ein wunderbar irreführender Titel, denn es geht der Autorin um viel mehr als eine Verflechtung mehrerer Biografien. Die schlicht wirkende Sprache täuscht, erst im Nachhinein wird klar, wie hinreißend manche Sätze konstruiert wurden.
       Valeria hatte nicht nur Glück mit diesen Freunden, die eigentlich gar keine Freunde waren. Sie erschuf eine Gemeinschaft, die sich ihrem Leiden unterwarf, und ihr Tod stellte alles in Frage. Sogar noch Jahre später schafft es die Erinnerung an sie, dass sich neue Freundschaften bilden, dass die Anekdoten rund um sie zum Kitt für neue Beziehungen werden. Wie das funktionieren kann, hat Erika Wimmer in eindrucksvoller Weise beschrieben. 

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Lina Hofstädter, Er und Sie,
Doppelerzählung.
Innsbruck: Limbus Verlag 2013 

Verdrängte Wahrheit – ein Spiel um zertrümmerte Liebe

       Leo folgt stur seiner täglichen Route, die fortführt aus der vereinsamten Wohnung zum Café, eine bestimmte Straße entlang, zum Recyclinghof, der ihm ein Geländer der besonderen Art geworden ist. Hier beobachtet er Entsorgungsvorgänge und Verdichtungen von Schrott, und sinniert dabei über den Sinn seines Lebens, über das Schicksal, das ihn so hart getroffen hat.

      Wenn man keine Zukunft hat, sollte man wenigstens Vergangenheit besitzen. Kann es sein, dass man das Erinnern verlernt, wenn man es nicht übt?, fragt sich Leo, der in seinem Alleinsein dringend Orientierung braucht. Seine Frau Sanna hat der Krebs vernichtet, noch während ihres Monatelangen Sterbens, als ihnen beiden das Ende schon klar war, wurde Leo ein Kündigungsopfer der Finanzkrise. Sanna hat er nicht davon erzählt, für sie hielt er die Joblüge aufrecht. Sanna liegt nun auf dem Friedhof, aber Leo geht immer noch den Weg zur Bank, seiner ehemaligen Arbeitsstelle, geht vorbei, folgt der Strecke, die früher lang genug war, um ihn aus dem Haus zu halten, weg von der Sterbenden.

      Einmal, auf dem Recyclinghof, glaubt er, von einer Fremden gegrüßt zu werden, fragt sich, warum ihm das Gesicht bekannt vorkommt, obwohl ihm kein Name dazu einfällt. Wieder erfährt er diesen Mangel an Erinnerungen als Manko. Als jedoch sein ehemaliger Chef, der ihn gekündigt hat, vor der Filiale erschossen wird, und ihm klar wird, dass die Witwe diese Frau ist, drängen plötzlich mit Macht Erinnerungsfetzen hoch. Leos Leben bekommt einen Sinn, die Leere in ihm füllt sich mit vergessenen Bildern.

      Lina Hofstädter gelingt dieses Porträt eines schwierigen Versagers mit leichter Hand und elegant verführerischem Strich. Einen Leo haben wir alle im größeren Bekanntenkreis, einen, der sich schwer tut in Allem, der sich jedoch bemüht, und der, beschäftigt man sich näher mit ihm, sich als großer Egozentriker entpuppt. Empathie mit Leo wird schnell wach – und bald vermischt mit einem unguten Gefühl: denn Leos Besessenheit, zu helfen, für einen anderen Menschen da zu sein, ist Mittel zum Selbstzweck. Auch wenn ihm die Wahrheit bruchstückhaft klar wird, verbiegt er sie zu der Lüge, die ihm hilft, sich selber auszuhalten. Perfekt führt Hofstädter den Leser bis zu einem dramatischen Höhepunkt – und wendet sich der Frau zu, der Geschichte auf der anderen Seite des Spiegels.

      Mo hat aufgrund ihrer Biografie gelernt, sich zu verschließen, zu taktieren, zu planen. Die einzige Schwäche, die gleichzeitig ihre Stärke ist, ist die Liebe zu ihrer kleinen Tochter Isa. Isa wird von Anfang an das Leben führen, nach dem sie als Kind gegiert hat, das sie sich hart erarbeiten musste und für das sie alle Illusionen verloren hat.

      Lina Hofstädter macht zwar schnell klar, dass Mo eine berechnende Ehefrau ist, eine, die wenig Grund hat, um ihren erschossenen Mann zu trauern, aber großartig beschreibt sie, wie diese neue Einsamkeit Mo bedrängt und erschreckt. … so wanderte sie, wenn die Polizisten sie endlich alleinließen, unruhig von Zimmer zu Zimmer und versuchte, da eine Ritze in den Fensterläden, dort eine Spalte zwischen den Vorhängen besser abzudunkeln. Überlegte, wie sie ans Oberlicht über der Treppe herankommen könnte. Jeder kleinste Sonnenstrahl eine Tortur.

      Das Kind ist ihre Stütze, so wie der tägliche Weg Leos Schutz ist. Dem Kind gilt ihre Liebe, so wie Leo davon überzeugt ist, dass seiner toten Frau all seine Liebe gehörte.

      Die Polizei rätselt, ermittelt im Hintergrund. Mo weiß nicht genau, was sie schon alles aus der Vergangenheit ihres toten Mannes herausgefunden haben, ist aber fast sicher, dass sie selbst unantastbar bleibt. Sie hat vorgesorgt, sie lebt für die Zukunft. Natürlich hat sie Leo erkannt. Und bald bemerkt sie, dass er vor ihrem Haus auftaucht, sie begleitet, nicht aus den Augen lässt. Was ihr zuerst wie eine vertraute Situation aus ihrer Kindheit erscheint, wird jedoch zunehmend bedrohlich.

      Spannend rollt Lina Hofstädter auf, was Mo bewusst nie vergessen wollte, was Leo an Erinnerung verloren gegangen ist, und beschreibt in faszinierender Dichte die Prägung zweier Leben, die ein Zufall wieder zusammenführt. In überraschenden Sprachbildern und sensibel gewählten Details erklärt sie ihre Figuren, komponiert einen stringenten Spannungsbogen, bricht an den richtigen Stellen ab und vermittelt eine Fülle von Information mit gekonnt  spielerischer Leichtigkeit. Die überraschende Wende im Geschehen könnte zwar von versierten Krimiliebhabern vorausgeahnt werden, aber wie Hofstädter die Handlung zum fulminanten Ende bringt, eine Atem beraubende Lösung präsentiert, macht ihr so schnell niemand nach.

      Die Bezeichnung Doppelerzählung stellt sofort den Aufbau der Geschichte und die zwei Perspektiven vor, „Er und Sie“ ist bewusst allgemein gehalten. Alles könnte in diesem schmalen Roman mit diesem Titel enthalten sein. Lina Hofstädter hat sich entschieden, dramatisch das Unvermögen zu lieben vorzuführen, und das ist ihr glänzend gelungen.  

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