Rezensionen von Christa Kofler

 

Erika Wimmer, Die dunklen Ränder der Jahre
Wien und Bozen: Folio 2009


Mit Erika Wimmers Roman „Die dunklen Ränder der Jahre“ tauchen wir ein in zwei Biografien, die einander bedingen, bewusst wie unbewusst miteinander auf das Engste verwoben sind und die  schlussendlich einander nur für einen ganz kurzen Augenblick berühren.
Da ist ein alter Mann in Südfrankreich, geplagt von den Gespenstern seiner Vergangenheit, der von der Autorin Schritt für Schritt einen Namen bekommt, in eine Landschaft, eine lange Ehe und ein langes Arbeitsleben eingebettet wird. Doch hinter all dem steckt ein anderer Name, andere Landschaften, eine andere, wenn auch nur kurze, im wahrsten Sinne des Wortes flüchtige Beziehung.
Da ist eine Frau - sie weiß es, dass sie seine Tochter ist - mit all den Verwerfungen ihres Lebens, knapp davor, ihr Lebensziel zu erreichen, all ihr Streben, all ihre Erwartungen auf den Punkt zu bringen.
Erika Wimmer setzt die Lebensgeschichten von Jeanluc Cornu, alias Lukas Peer, und seiner Tochter Theresa in behutsamer, kontrapunktischer Erzählstruktur, mit großem psychologischen Einfühlungsvermögen und überzeugender sprachlicher Souveränität in den Kontext historischer Bedingungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Lukas Peer hat sich, als junger Mann aus bürgerlichem Elternhaus, der Einberufung in den Zweiten Weltkrieg entzogen, hat auf seiner Flucht vor den Nazischergen einen Mord begangen, sich kurzfristig in Tirol, in Rinn bei Innsbruck, versteckt und konnte, ausgestattet mit falschen Papieren,  in Südfrankreich im Laufe der folgenden Jahrzehnte als Jeanluc Cornu ein durchaus respektables neues Leben aufbauen.
Das Kind, das er während seines Aufenthaltes in Tirol zeugte, und das er in seinem Bewusstsein nur als unerheblichen Aspekt eines größeren „Missverständnisses“, gar einer „Abwegigkeit“ der entstandenen Situation einordnet, wächst in einem, für landesübliche Verhältnisse ungewohnten sozialdemokratischen Haus auf und schneidert sich in seiner Fantasie eine Vaterfigur, die so gar nicht der häuslichen Ideologie entspricht. Es wird lange dauern, bis Theresa die wahren Beweggründe und den Handlungshintergrund des Vaters erfährt, doch ihr Bestreben ist es, Zeit ihres Lebens, diesen Vater zu finden, in der Erwartung nach „einer Umarmung, ein paar Tränen der Rührung. Er wird sie lieben und damit ist sie frei.“
Vater und Tochter sind über eine Zeitspanne von fast fünfzig Jahren unabhängig voneinander damit beschäftigt, ihre privaten Dämonen, Fixierungen und Schuldgefühle, die Brüche in ihrer beider Leben im Zaum zu halten oder zu überspielen, und das „richtige Leben“ gegen das Vorgestellte oder Vorgeschriebene abzuwägen.
In der überwiegend epischen Struktur der Darstellung, in den äußerst sparsam eingesetzten Dialogen  spiegelt sich die grundlegende Sprachlosigkeit der Figuren, ihre selbstauferlegte und gut eingeübte Schweigsamkeit bezüglich ihrer großen Lebensthemen und Konflikte. Weder Cornus Frau Danielle noch einer der Männer, die Therese in unterschiedlich loser Beziehung nahestehen, konnten daran je etwas ändern.
Die realiter kurze Zeitspanne, in der Erika Wimmer ihren Roman angelegt hat, dehnt sich für beide Protagonisten zu einer intensiven, in die Tiefe der Erinnerung gehenden Reflexion über die entscheidenden Ereignisse ihrer Lebenslinien aus. Theresa steht nun unmittelbar davor, den verzweifelt gesuchten Vater zu sehen; er hat vor, sich der Konfrontation mit einer Österreicherin, die wohl gekommen ist, um ihn „abzuholen“, zu entziehen und bereitet sich auf eine neue Flucht, den Selbstmord vor.
Cornu und Theresa sind in der Enge ihrer Gedankenwelten als tragisch Scheiternde zu sehen, die aus ihren vorgefassten, schon fast wahnhaften und irrealen Gedankenwelten nicht entlassen werden, vielleicht auch nicht entlassen werden wollen.

Für die Leser und Leserinnen ergibt sich aus der Sprachkunst der Autorin ein spannendes Spiel mit den Erwartungen an das Fortschreiten der Erzählung. Manche Informationen sind wie Pinselstriche gesetzt, die erst im Nachhinein ein Bild ergeben. Besonders starke und düstere Töne finden sich in der Darstellung des Mutterhauses, des heimatlichen Umfelds von Theresa, des „Heimatschlamms“, so „klebrig, (...) Aber seltsamerweise gerade deswegen gut“.
Den doch sehr existentialistischen Grundton ihres Romans durchbricht Erika Wimmer immer wieder durch kleine Ausflüge in leichtfüßige Episoden, in denen Nebenfiguren die eng abgesteckten Grenzen der beiden Hauptpersonen relativieren.
Dabei darf nicht übersehen werden, dass es neben Cornu und Theresa eine weitere, sehr dominante, nicht im herkömmlichen Sinne als Romanfigur zu verstehende Protagonistin in diesem Werk gibt: Die vor Hitze flirrende Sommerlandschaft rund um Montpellier. Sie hält den Roman in Atem, ihr gilt die uneingeschränkte Liebe der Autorin.

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Markus Köhle, Couscous à la Beuschl
Innsbruck: Kyrene, 2004

Auf dem Tisch liegt die zweite Produktion aus dem Innsbrucker Kyrene Verlag. Es ist das zweite Buch des Autors, Moderators und Pop-Entertainers Markus Köhle, das innerhalb der letzten zwei Jahre erschienen ist. Den Band der "Reihe junger Autoren" ziert ein gelungenes zweiseitig durchgehendes samtig-sandig-expressives Cover von Christian Yeti Beirer und damit soll aber auch schon Schluss sein mit der Zahlenmystik. Nehmen wir das Buch beim Wort.

Couscous à la Beuschl  lässt anfangs auf eine geo-gastronomische Verwirrung schließen, stammt das Couscous doch aus dem nordarabischen Raum und das Beuschl, wahrscheinlich aus dem Jüdischen kommend, ist in der ostösterreichischen Küche zur Delikatesse geraten. Tatsächlich geht es in dem als Episodenroman ausgewiesenen Werk viel ums Essen und um die darauf folgenden Körperfunktionen und Zustände. Nur, um Couscous geht es nie und Beuschl heißt der Held. Holger Beuschl.

Der junge Mann lebt in Innsbruck, er hat gerade fertig studiert und befindet sich in einem Ausnahmezustand. Er ist unterwegs nach Tunis. Die Reise beginnt im Taxi zum Flughafen München, führt über einen nicht erwarteten Zwischenstopp in Frankfurt, verläuft jedoch ansonsten ohne größere Zwischenfälle. In Tunis wird er als Praktikant in einer Bibliothek arbeiten und Studenten unterrichten. Nach einem zweimonatigen Aufenhalt im Maghrebstaat fährt er wieder heim nach Tirol, von Tunis nach Italien mit der Fähre, bis Imst mit dem Zug und dann mit dem Taxi zur Pitztalbrücke. Dort endet Holger Beuschls Geschichte.

In Tunis findet Beuschl in einer multikulturellen, nach westlichen Maßstäben lebenden Wohngemeinschaft Unterkunft und er bemüht sich redlich, in der Fremde zurechtzukommen. Er will nicht abgezockt werden, will ordentlich essen, Alkohol trinken, will feiern, will mehr Sex, und will etwas vom Land sehen. Nicht alles gelingt ihm, wie er es sich wünscht. Natürlich wird er öfter übers Ohr gehauen, er muß sich mit einer ausgeprägten Fritten-Kultur à la tunisienne auseinandersetzen, die Organisation von Celtia-Bier erfordert außerordentliches strategisches Geschick, die Party des Jahres findet ohne ihn statt, sexuell betätigt er sich meist allein und nicht jeder Reiseführer enthält verlässliche Informationen. Mit der einheimischen Bevölkerung hat Holger wenig Kontakt. Das mag an seinen mangelnden Kenntnissen der Landessprachen liegen, umso eindringlicher beschäftigt ihn die lokale Fauna: der ewig bellende Hund auf der Nachbarterrasse, die Katzen im Haus und in den umliegenden Straßen, die Hammel anlässlich ihres Schlacht-Festes zu Aid el Kebir.

In erster Linie geht es Holger Beuschl um sich selbst und seine Befindlichkeiten. Er führt das "lustigmöglichste" Leben, macht Bekanntschaften, findet Reisegefährten, ist aber nicht wirklich in seinem Element, in seiner Welt. Resümierend wird er in 60 Tagen "verschiedenste Masken aufgesetzt, Rollen gespielt und Bedürfnisse unterdrückt" haben. Der "eigentlich(!)... nicht Ungute" wird in niedergeschlagenem Zustand zu verbaler Aggression und Hasstiraden neigen oder sich in Traumwelten flüchten. In anderen Momenten wird er versuchen, seine Erlebnisse und Gedanken mit dem mitgebrachten und mitgedachten kulturellen Gepäck in Einklang zu bringen oder sie damit auch zu überhöhen. Attwenger und Kierkegaard, Keith Jarret und Borroughs, Lavant und Innerhofer, Paul und Inge, Freddy und Hans Magnus kommen da gerade recht. Selbstbefriedigung mit Glamourama und Weintrinken mit Menschenkind. Wenn Holger Fähre fährt, denkt er immer an Walter Faber, hoch oben am Dromedar dürfen es schon einmal Böll und Wittgenstein sein.

Der "verkopfte Trottel", als den er sich selbst sieht, führt selbstverständlich auch Tagebuch. Es beginnt am 15. 1. 2002 um 8 Uhr 25 zur Stunde 1 der großen Reise knapp vor Wörgl und endet am 16. 3. 2002 als T-T-E (Tunis -Tagebuch-Eintrag) # Dreiundsechzig um 19 Uhr 52 im Imster Stadtcafè.
Diese nicht vollständig übernommenen Tagebuch-Aufzeichnungen des - in  Eigendefinition - "Tunisten" Holger Beuschl machen einen wesentlichen Teil von Köhles Buch aus.
Den Hauptpart der Geschichten und Abenteuer von Holger übermittelt, zwischen die Tagebuchaufzeichnungen hineingeschnitten, ein ungenannt bleibender Erzähler, der aus dem Innersten der Beuschl-Seele zu berichten weiß. Was dieser zu erzählen hat, wurde in den vorangehenden Ausführungen einzufangen versucht .
Wie er es aber erzählt und wie Holger Tagebuch schreibt, ist das Problem des Buches. Alles andere als "Le bess!",  was so viel heißt wie: Keine Probleme.
Markus Köhle hat nicht zuletzt mit Pumpernickel (Skarabaeus, 2003) bewiesen, dass er originell, unterhaltsam, spielerisch, witzig und leicht mit Sprache umgehen und gut strukturierte Texte verfassen kann. Auch in Couscous à la Beuschl finden sich Episoden, die mit gutem Gewissen in diesem Sinne charakterisiert werden können. Nur kann das Genre Episodenroman wohl nicht so gemeint und verstanden werden.
Zu oft geraten Sätze außer Kontrolle, verhaspeln, verkalauern und verkasperln sich. Zwischen "rumpeldipumpel"-Landung,  "blubb-blubber-blubb-blubb"- Sonnenuntergang und "tirilitirilo"-  beziehungsweise "Holladrio"- Heimkehrfreude findet sich ein Slang der manchmal allzu schnoddrig, allzu flapsig und gleichzeitig überkandidelt in Abgründe stürzt. Reisegefährten sprechen wie gedruckte Reiseführer, mäßig originelle Wolf-Haas-Versatzstücke, Köhles heiß geliebte Alliterationen und einige doch fragwürdige Neologismen "duftmarken" den Text. Ein strengeres Lektorat hätte dem Buch viel Gutes tun können.
Auch nicht schlecht wäre gewesen, hätte der Verlag die Fahnen vor der endgültigen Produktion jemand Kompetentem zur Korrektur vorgelegt. So wären Tippfehler nicht zu Druckfehlern geworden und zumindest Roberto Benigni in Starlight Coffee, Nicolas Poussin und Richard Brautigan in der Wüstengeschichte , auch Sidi Abu Said wäre Gerechtigkeit widerfahren. Und vielem anderen in diesem Text.

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