Rezensionen von Birgit Holzner

    

 
Verein für Kultur Inzing (Hg.), andernWOrts
Skarabaeus 

“Where does it hide itself / like an unknown place of fairy tales / on which page of time?” (S. 36), heißt es in der Anthologie mit dem viel versprechenden Titel andernWOrts, die im EU-Jahr des interkulturellen Dialogs 2008 erscheint. Der bibliophile Band vereinigt Texte dreier in Wien lebender AutorInnen mit migrantischem Hintergrund, die auf Einladung des Vereins für Kultur Inzing drei Wochen in diesem Tiroler Ort verbrachten und Blicke von außen auf die Dorfgemeinschaft werfen sollten.
Die aus Istanbul stammende Seher Çahır schafft in ihrer Kurzgeschichte Vertraut nie einer Frau die Vision eines ausgestorbenen Dorfes, das im Wesentlichen einen Bäcker, einen Friedhof und eine Kirche zu bieten hat, abends die Gehsteige hochklappt, und den Protagonisten Bernhard König zusammenbrechen lässt: „Er konnte nicht aufstehen, weil sich ihm der Kopf einem Karussellritt gleich drehte.“ (S. 15) Die minutiöse Beschreibung der beklemmenden Erlebnisse Bernhard Königs erinnert motivisch an Thomas Glavinics Arbeit der Nacht, endet jedoch versöhnlich, denn der Leser wird damit überrascht, dass alles nur ein Traum war.
Interkulturell relevante Themen wie Heimatlosigkeit, Mehrsprachigkeit oder die Sicht auf die alte und neue Heimat spielen in Sarita Jenamanis Beitrag eine Rolle. Die indische Lyrikerin hat für die Anthologie einige eindrucksvolle und bilderreiche Gedichte in englischer Sprache geschrieben, die auch in deutscher Übersetzung abgedruckt wurden und dazu beitragen, die Sprachwelten anderer besser zu verstehen und die eigenen zu entdecken. Auch Jenamani ist beeindruckt vom Friedhof in Inzing:  „Church bell tolls / at midnight / for those who are already / sleeping peacefully in the yard.” (S. 30), und den ihr gebotenen Naturschauspielen: „Sky gets broken / like an eggshell.“ (S. 33) Zwei in Hindi beziehungsweise Oriya abgedruckte Gedichte sorgen für interkulturelle Atmosphäre, zeugen von Spracherwerb und Sprachverlust, vom Verdrängen der einen durch die andere Sprache oder vom Pendeln zwischen ihnen, ohne ihre Herkunft zu verleugnen.
Zuletzt wirft der im Iran geborene Architekt und Autor Sina Tahayori in seiner hintergründigen Erzählung Weiden unter dem Baum der Trauer einen fremdkulturellen Blick auf den Ort, in dem sich Kultur- und Stadt-Land-Differenzen auftun: „Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. In Wien ist man selten auf der Straße allein, sinniert er. Obdachlose und Junkies sorgen dafür, dass man sich nicht einsam fühlt.“ (S. 60) Und berichtet von einem menschenleeren Labyrinth, das neben Bäcker, Friedhof und Kirche aber noch einige versteckte Plätze zu bieten hat. Darin liegt der Reiz dieser Erzählung: Denn hinter den Klischees von „Mir kommt vor, die Berge wachsen hier jede Nacht um einen Meter“ (S. 67), Landluft und unzähligen Augenpaaren, die den Protagonisten Navid, einen ausländischen Architekten verfolgen, verbirgt sich eine homoerotische Liebesgeschichte, deren Schauplätze spannende Einblicke gewähren: ein nächtliches Schwimmbad, ein täuschend echter Bulle aus Metall, eine Maisplantage neben der Autobahn, eine Sitzbank am Innufer, eine Hinterbühne, auf der all jene zerbrechen, die nicht ins Dorfidyll passen.
Interessant ist auch Verena Teissls kulturwissenschaftlicher Abspann zur interkulturellen Literatur: Sie fasst zum einen das Verhältnis okzidentaler zu nicht okzidentaler Literatur in der humanistischen Fremdkulturvermittlung und der selbstgerechten Reiseliteratur des 17. – 19. Jahrhunderts zusammen, das mit dem Topos vom „Guten Wilden“ fremdkulturelle Stereotypen bekräftigte. Erst im Zuge der Gastarbeiterbewegung und der Entstehung des Massentourismus in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts kommen die Kulturen miteinander in Berührung, taucht damit erstmals ein Korrektiv auf. Zum anderen beleuchtet sie die wirtschaftlichen Aspekte von Migration und Tourismus, der mit seiner „vorauseilenden Anpassung“ (S. 85) auch in der Alltagskultur der Bereisten seine Spuren hinterlässt.
Das Projekt des Vereins für Kultur Inzing kann also ein beachtliches Ergebnis vorweisen. Ob mit solchen kurzfristigen Projekten ein Beitrag zum interkulturellen Dialog erbracht werden kann, bleibt – und dies lassen vor allem die solipsistischen Vorwörter des Buches vermuten – fraglich. Die Künstlichkeit des gut gemeinten Vorhabens erinnert an eine reality soap, wenn die zweifelsohne engagierten Veranstalter beispielsweise einer „möglichen Fraternisierung“ (S.8) der Gäste vorbeugen wollen oder schon im Vorhinein eine Antwort auf Was ist dieses Inzing für ein Raum? mit den Klischees Berge, Eingesperrtsein und keine Horizonte präsupponieren. Die AutorInnen verweisen denn auch auf die Engstirnigkeit da und dort, berichten von einer „Herzlich willkommen, aber „mir san mir“-Gesellschaft, in der für die Integration fremder Kulturen wenig Raum bleibt.
       

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Elmar Drexel,
 Die silberne Gasse
Hohenems: Edition Portus-Bucher, 2007 

„Die Erfahrungen der frühen Jugend lebten zwar in mir fort, aber irgendwo sehr gut versteckt, auf dem vollgestellten, verstaubten Dachboden der Erinnerung, wo man selten hinkommt“, schreibt Andrzej Szczypiorski einmal über seine Jugenderinnerungen. Und: Was auf dem Dachboden gelagert wird, existiert dort „unbemerkt, schweigend über die Jahre, nicht benötigt.“ Genau über dieses Thema wagt sich Elmar Drexel, bekannt als Theaterleiter, Regisseur und Schauspieler, in seinem ersten schmalen und bibliophilen Erzählband: drei Erinnerungen an verschiedene Lebensstationen eines draufgängerischen Er-Erzählers.
Mit Karina taucht der Leser in die Studienzeit des Erzählers ein, die atmosphärisch an Norbert Gstreins Anderntags denken lässt. Anlass ist das spurlose Verschwinden seiner Freundin Karina, einer schönen Germanistikstudentin, deren Lebenskonzept sich grundsätzlich von dem des Erzählers unterscheidet. Während er in seinen Liebesbeziehungen Freiheit und Sex sucht, träumt sie von Romantik und Eigenheim. Sollte sie sich das Leben genommen haben?
Das gebrochene Herz erzählt die Geschichte eines jungen Herzpatienten, der sich einer Operation durch seinen ehemaligen, zunächst geliebten, später gehassten Schulkollegen Gustav T. unterziehen muss. Ausgerechnet jener Mann, der schon in der Pubertät sein Herz zum Pochen und Bersten brachte, soll dieses nun heilen. Dies lässt unvermeidlich Jugenderinnerungen an das ausgeprägte Ich- und Selbstbewusstsein Gustavs hochsteigen, das dem Erzähler in ebenso ausgeprägtem Maße fehlt.
In der Silbernen Gasse schließlich steht der Erzähler etwas unbeholfen einer Erbschaft gegenüber, dem großelterlichen Landhaus samt Innenleben, einem Erbe, mit dem er nicht viel anzufangen weiß. Außer, dass das Erbe Kindheitserinnerungen heraufbeschwört, an turbulente Familientreffen mit einer alles dominierenden Großmutter und deren sechs bienenfleißigen Töchtern („Aufgemerkt wurde derjenige, der vergaß, selbst der liebe Gott, wenn er sich nicht an ein Geschäft hielt, das man mit ihm abgeschlossen hatte“), an geschäftige Theaterabende („die Wohnung seiner Eltern war der Beginn dieses Theaters“) oder an die Rodeltage mit dem Großvater: „Ein frischer Luftzug ließ ihn frösteln. Er blickte auf die Seite zur Straße und wieder fielen ihm die Winterbilder ins Gedächtnis. Die Rodelschlange, wenn sie auf dem Bauch liegend, die Rodeln mit den Füßen eingehängt, mit viel Geschrei den Bichl hinunterschlingerten. Der hohl klingende und knirschende Schnee, wenn ihn der Großvater über den Holzsteg, der den Inn überspannte, zum Bahnhof brachte. Am liebsten kehrte er von einem Rodeltag nach Hause, wenn es schon dunkel wurde und die Straßenlaternen ihr warmes helles Licht auf die verschneite Gasse warfen.“ Mit braunen Vorhängen wollen die Großeltern sich und ihre Habseligkeiten angeblich vor der Sonne schützen, doch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es mehr zu verbergen gilt. Ein dumpfes Leben nämlich, zwischen Holzspreißln, Apfelkiachln und Bleistiften, die so lange gespitzt werden, bis sie wirklich nicht mehr zu gebrauchen sind; Als-ob-Realitäten sollen einen Status nach außen hin vermitteln. Die silberne Gasse ist denn auch eine Aneinanderreihung von Redensarten und Familienanekdoten (der Onkel „pflegte die Frage, was er denn trinken wolle – Bier, Wein, Cognac oder Schnaps – lachend zu beantworten ‚Genau in dieser Reihenfolge!’“), die Einblick in ein Stück Innsbrucker Zeitgeschichte geben.
Das Gedächtnis dieses Erzählers erinnert an Szczypiorskis Dachboden: unordentlich, vernachlässigt und verstreut liegen die Gegenstände dort herum. Wie das Gerümpel existieren seine Erinnerungen in einem Zwischenzustand, aus dem sie entweder ins Dunkel vollständigen Vergessens absinken oder ins Licht der Wiedererinnerung heraufgeholt werden. Von ein paar Stamperln Schnaps angeheizt und aus Wut auf die knauserige, herrische Großmutter, die selbst noch verbietet, von den Himbeeren zu naschen, weil jedes Jahr „heuer eh so wenig sind“, verwüstet er, der sich seit seiner frühesten Kindheit in der Kunst des Sich-in-Luft-Auflösens geübt hat, das gesamte Haus – und ist erlöst.
      

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Kurt Lanthaler, Das Delta 
Roman
Innsbruck: Haymon 2007 

Kurt Lanthaler zeichnet in Das Delta ein ganz außergewöhnliches Italienbild: Es ist ein Italien, wo sich der Nebel zur Tür der Osteria Zum halbierten Christus hereinmacht, langsam die Treppe herabschleicht und sich wie ein alter Bekannter niederlässt, knapp den Hut hebt, um zu grüßen und für den Rest den Mund hält. Als ob die da drin nicht schon genug vernebelt wären von dem Wein, dem Schnaps und ihren Geschichten. Fulminant auch der Auftritt Lanthalers Helden: Als der skurrile Fedele Conte Mamái nach vierzig Jahren keck die Piazza des kleinen Dorfes Maierlengo betritt, verzieht sich der Nebel zunächst einmal in die anliegenden Gassen: „Sag ich’ s doch, sagte ich. Und sah ich mich um.“ Doch als er dem Pappdschungelkämpfer des Videoverleihs vors Schienbeintritt, geraten beide ins Wanken. Piazza, Kiosk, Wind, Deich, Kanäle und Osteria haben sich während seiner Abwesenheit nicht verändert, alles ist beim Alten geblieben. Und doch ist auf den zweiten Blick alles anders: Keine Blumentöpfe, keine Wäsche, die Läden verriegelt, mit Ketten gesichert, als sollten sie einen Schiffsanker heben, der Zettel mit der Aufschrift torno subito – bin gleich zurück, längst verblasst, Maierlengo ein Geisterdorf.
Fedele Conte Mamái wächst als Findelkind des wortkargen Flussschiffers Bombolo im Delta des Po auf, bringt sich an Bord einer chiatta selber Sprechen, Sprichwörter und Geschichtenerzählen bei, trägt seinen Hut auf kurz nach halbelf. Mit zwölf Jahren wird er wegen Aalwilderei zum ersten Mal verhaftet. Als der Appuntato der Carabinieri ihm empfiehlt zu gehen, wohin er will, bloß einen großen Bogen um den Fluss, die Aale und den allergrößten um ihn selbst zu machen, will er nur noch weg. Weg vom Delta, vom Land des Wassers, il paese dell’ acqua, wo der große Fluss nicht mehr ist, wo man die Hand ins Wasser halten und schmecken kann, ob es schon Salzwasser ist oder noch süß, oder beides. Seine drauffolgenden Wanderjahre gleichen dem Leben eines Aals, der es auch kaum schätzt, wenn man ihn schweigend speist, sich lieber unterhält, nach der langen Stummzeit gern Wasser rauschen hört und im Gerede plätschert.
„Einmal Saragossasee hin und retour. Geburt in zweitausend Meter Tiefe. Reise im Larvenstadium, fünftausend Kilometer in drei Jahren. Aufstieg in die Flüsse. Aufwuchs und Fettwerdung. Runde zehn Jahre später schließlich Geschlechtsreife. Folgt Abreise Richtung Saragossasee zwecks Ablaichen. Vorzugsweise bei herbstnebligem Schlechtwetter.“
Als Ingegnere lernt er ein neues Delta kennen, das ∆ der Differenz zwischen Plan und Produkt, Kopierstift und Konstrukt, verbautem und verrechnetem Zement; wieder ist das ∆ sein A und Ω. Später verdient er sich Lohn und Brot als Saraffo im Lunapark, wo er – als ginge es um sein Leben – Eintrittskarten für den halbseidenen Pavillon der Wunder zu kaufen vorgibt, indem er in den Bergen eine Brauerei demontiert, die ein zwielichtiger Geschäftsmann als neuwertig weiterzuverkaufen gedenkt, zu seinen besten Zeiten ist er Schrottsammler, Bastler, Kleinerfinder und Gaswilderer in einem. Erst die Lust auf frischen Aal führt ihn und seinen mit babà, bresaola, baccalà und bottarga bestückten Koffer wieder ins Dorf hinter dem Deich zurück, nach Jahren der Reise zwischen Meer und Bergen:
„Das war kein gutes Erwachen gewesen. Ihr habt es euch so vorzustellen: Hast nicht allzuviel geschlafen, gehst, noch trüben Auges, ans Fenster, öffnest es, du zuckst kurz zusammen unter der Kälte, die auf dich einfällt, und siehst dann das. Siehst erstmal nichts. Nur diese Wand vor dir, anders und größer als jede Wand. Nichts, das du dir wegdenken könntest. Du reckst den Hals aus dem Fenster, wirst wach und wacher und glaubst zunehmend mehr, dir träumte, und reckst dich und versuchst zur Seite zu sehen und etwas anderes, du siehst wieder nichts als eine Wand, leicht schräg diese, aber dunkler als dunkel.“
Die Geschichten, die Lanthalers halbstarker Protagonist dem Leser in diesem kurzen, atmosphärischen Roman mit zweisprachiger Färbung andreht, sind witzig, sprühend und charmant; an Pointen und trockenem Humor mangelt es ihnen jedenfalls nicht. Sein sympathischer Schelm Fedele Conte Mamái hat freilich mit den Grafen des Mittelalters wenig zu tun, er ist ein Aufschneider und Übertreiber in der Manier des Münchhausen, der mit der Welt auch die Zeit verschwinden lässt.
 
    

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Helene Flöss, Der Hungermaler
Erzählung
Innsbruck: Haymon 2007
 
 
Helene Flöss reiht in ihrer knappen Erzählung Der Hungermaler einen Mosaikstein an den anderen. Dabei entsteht das steinbruchartige Bild des Malers Piero, dessen Leben sich zunächst auf die Mutterküche, dann auf deren Schlafzimmer und schließlich, nachdem er seiner Mutter geholfen hat zu sterben, auf eine Gefängniszelle beschränkt („Auch das Erdloch im Friedhof würde ihm also groß genug sein“). Der Strich seiner Zeichnungen ist wie ein endloser Faden, der aus Ariadnes Hand rinnt. Seine Kompositionen hält er, der für klassische Musik schwärmt, nicht für ausgereift, seine Bilder halten die Versprechen, die in sie gesteckt werden, nicht ein. Nichtsdestotrotz lobt der Wärter seine Seiltänzerin ohne Netz in Punkto Perspektive, Berechnung der Schatten, Lichteinfall und Spiegelung als vollkommen, doch der zum Übersetzer gewordene Dichter und Hungermaler, der früher bis zur Sperrstunde im Kunsthistorischen Museum von Tizian, Caravaggio und Cranach Kopien angefertigt hat, glaubt längst auch ohne Perspektiven auszukommen: denn nichts sei peinlicher als ein misslungener Selbstmord. Ob sein Glück, wie er es verspricht, auf seine Penelope, die Weberin Magdalena zurückfallen würde, bleibt fraglich, denn „was ist von einem Glück zu halten, das nur lebt, wenn ein anderer der eigenen Begehr entspricht?“
Auch Magdalenas Welt entsteht aus der Linie, sie denkt in Farben und verwebt Seidenfäden zu erlesenen Tapisserien, ihre Arbeiten sind fließende Traumwelten aus Formen und Farben. Sie lässt sich von Piero aber nicht nach dessen Vorstellungen formen, „es ist wie bei einem Ornament: Ändert man ein Motiv, ist die Übereinstimmung gebrochen.“ Erst wenn auch alle vorhergehenden und nachfolgenden Elemente geändert werden, erhält das Muster wieder seinen Zusammenhang. Ihr Beisammensein beschränkt sich längst auf das abendliche Hören von Ö eins, zu dem sie, auf Pieros Vorschlag hin, getrennt und doch gemeinsam einschlafen. Ihr Versuch, Piero aus den Fängen seiner pflegebedürftigen Mutter, die von ihrem Leben noch so manches einzuklagen hat, zu befreien, bringt ihn ins Gefängnis. Im Alter starrsinnig geworden, kühlt die Mutter im Winter Milch und Butter trotz Pieros Behauptung, es mache dem Kühlschrank nichts aus, neben Zander und Blunzn auch noch Milch zu kühlen, vor dem Fenster, und sie gäbe im Zweifelsfall vor ihren osteuropäischen Pflegerinnen noch dem Tod den Vorzug.
Helene Flöss sagt in Der Hungermaler nur das Nötigste, ihre Erzählung kommt ohne Erzähler aus, ihre Sprache ist karg, aber lyrisch, ihre Sätze einfache Fäden in einem Wandteppich, bunte Mosaiksteine, die sich der Leser selbst Stein für Stein, Wort für Wort zu einem Bild fügen muss. Dann gibt es allerdings viel zu entdecken in dieser modernen Version des Penelope-Stoffs, vor allem die Kritik an einer Gesellschaft, die ihre Kinder in Horte, ihre Alten in Heime steckt. Helene Flöss’ kurze Erzählung ist raffiniert, farbenprächtig und harmonisch: „Harmonie, diese schlicht gebändigte Sehnsucht, sie singt und trauert so vor sich hin.“
    

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Paul Flora,  Wie's halt so kommt

Erinnerungen aufgezeichnet von Felizitas von Schönborn
Zürich: Diogenes-Verlag 2007
 

Raben. Venedig. Ein Paar auf einem Felsen. Der Betrachter sieht nicht, ob die Frau den Mann zurückhält oder in den Abgrund stürzt. Gezeichnet in originellem Strich. Das ist sein unverkennbarer Stil. Der 1922 in Glurns geborene Paul Flora ist der nachlässig-elegante, melancholische Hausherr der Hungerburg, während des Zweiten Weltkriegs studiert er an der Kunstakademie München, wo die Weiße Rose Widerstand gegen das Regime leistet. Von 1957 bis 1971 zieren seine politischen Karikaturen wöchentlich das Titelbild der Zeit, ihr Erfolg basiert auf einer Mischung aus angelesenem, fundiertem Weltwissen, distanzierter Wahrnehmung und zeichnerischem Können. Und Marion Dönhoff wundert sich in der Hamburger Redaktion der Zeit, wieso Flora auf seinem Berg sitzend immer weiß, was in der Welt vor sich geht. So zeichnet er im Stand der Unschuld 3500 Beiträge für die Zeit, die er wöchentlich in gelben Kuverts nach Hamburg schickt, wofür er mehr verdient als ein österreichische Minister, und deren Nachdrucke unter anderem in der Times, im Observer und in der New York Times erscheinen.
In seinen Gesprächen mit Felizitas von Schönborns gibt sich Flora lokalverbunden: „Ich bin ein Tiroler, wenn auch kein lustiger, um einem weitverbreiteten Gerücht entgegenzutreten. Außerdem bin ich ein Anhänger der Provinz. Es ist mir lieb, wenn Gesellschaften aus nicht mehr als sechs Personen bestehen, und ich gehe gerne im Wald und im Gebirge spazieren. Bei einer Umfrage nach drei Dingen, die mir gefallen, antworte ich: Provinz, Oktober, Trompetenblasen.“ Schönborn zeichnet diese Gespräche auf und fasst sie in Memoiren zusammen, beschreibt Flora als gutmütigen Misanthropen, der niemals so weit ginge wie Karl Kraus, der angeblich jeden Menschen, den er nicht kennen lernte, für einen Gewinn hielt, oder wie jener Universitätsprofessor, der auf die Frage nach der schwarzen Fahne auf der Universität geantwortet haben soll: „Mir ist jeder recht“, der aber vielleicht doch Karl Valentins Einsicht teilen würde, dass früher sogar die Zukunft besser war. Daraus entsteht nicht nur die Lebensgeschichte Floras, sondern auch ein Portrait seiner Zeit, das mit originellen Fotos, die ihn mit seinem großen Vorbild Alfred Kubin, mit Erich Kästner, Ernst Krenek, Federico Fellini, Friedrich Dürrenmatt und Kaiser Franz Joseph zeigen, abgerundet wird.
Flora verband mit Ludwig von Ficker eine lange Freundschaft, auch mit dem Diogenes-Verleger Daniel Keel, der den dienstältesten Autor des Verlages als scheu, zugleich als Barockschrank von einem Mann beschreibt, oder mit Loriot, von dem folgende Anekdote beim gemeinsamen Büchersignieren erzählt wird: Während Loriot zweihundert Bände identisch signiert, versieht Flora jedes Buch mit einer individuellen Zeichnung auf Wunsch. Loriot neigt zwar nicht zu Depressionen, meint aber, solche Erfahrungen können einen doch in der charakterlichen Entwicklung um Jahre zurückwerfen, und tröstet sich im Stillen mit der Tatsache, fast die ganze Auflage signiert zu haben. Dazu Paul Flora: „Ein von Loriot nicht signiertes Buch ist eine bibliophile Kostbarkeit.“
Freilich sind solche Erinnerungen, wie André Gide einmal festgestellt hat, immer nur halbwahr, so groß das Bemühen um Wahrheit auch sein mag: Alles ist immer viel komplizierter, als man es sagen kann, und Nathalie Sarraute meinte in ähnlichem Zusammenhang einmal: „Je n´ai aucune confiance dans les autobiographies, parce qu´on s´y décrit toujours sous un jour..., on veut se montrer sous un certain jour. Et puis c´est toujours très partial – enfin, moi, je n´y crois jamais. Ce qui m´ intéresse toujours quand je lis les vraies autobiographies, c´est de voir‚ah bon c´est comme ça qu´il voulait qu´on le voie’.“1 

 


1 „Autobiographien traue ich nicht, weil man sich darin immer in einem bestimmten Licht darstellt, man will sich in einem bestimmten Licht darstellen. Zudem sind es immer nur Bruchstücke – kurzum ich traue ihnen nicht. Was mich an Autobiographien immer zu lesen interessiert, ist: Ah, so will er sich also gesehen wissen.”
   

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Sabine Gruber, Über Nacht

München: C. H. Beck, 2007
 

Unser Lebensfaden hat eben eine andere Farbe, heißt es in Sabine Grubers neuem Roman, und: besser eine andere Farbe als schlecht gewoben. Über Nacht ist die Geschichte zweier Frauen, der über aussterbende Berufe forschenden, allein erziehenden Mutter Irma und der Altenpflegerin Mira, deren Lebensfäden in Wien und Rom ganz erstaunliche Parallelen aufweisen: Beide sind überzeugt, dass wir durch glückliche oder unglückliche Fügungen geboren werden, und dass es manchmal sogar der Zufall ist, der uns auslöscht. Beide leiden unter brüchigen Beziehungen (in der Liebe kann man keinen Fehler machen), haben einen homosexuell veranlagten Freund (eine gut gebundene Krawatte ist der erste ernsthafte Schritt ins Leben), legen ihr Handy beim Autofahren zwischen die Beine und haben ein auffallendes Faible für Vögel (ursprüngliche Lauftiere, die mit Sprüngen und Flattern versucht haben, schneller zu werden und nur durch Zufall das Fliegen erlernten). Irma und ihr Geliebter Rino zählen auf dem Weg durch die Stadt die Vögel; der Sieger, so wird vereinbart, darf den Ablauf des Abends bestimmen, während Mira mit einem alten Mann im Pflegeheim über die Summe der Stare um Zigaretten wettet.
Für Irma war das Glück schon unglaubwürdig geworden, sie wollte dem Tod noch einen Sinn abtrotzen. Entgegen den Mahnungen ihrer Mutter, wer in der Nacht anrufe, könne nur der Tod persönlich oder dessen Botschafter sein, erhält sie ausgerechnet eines Nachts den erlösenden Anruf aus dem Krankenhaus: „Wir haben eine Niere für Sie“. Seit ihrer Nierentransplantation hat sich ihr Sterben auf Raten in ein Leben auf Raten verwandelt.  Doch sie wird immer wieder daran erinnert, dass sie ihr Leben einem fragwürdigen Tod, nämlich jenem eines Fremden verdankt, sie hat immer wieder das Gefühl, als hätte ihr Blick sich nach der Operation verändert, als schauten noch ein Paar andere Augen aus ihr heraus, die nicht ihre eigenen wären. Auf der Suche nach Unfallopfern durchblättert sie den Chronikteil der Zeitungen. Um mit der Ungewissheit und dem fremden Organ besser leben zu können, um ihrer Spenderin das Leben zurückzugeben, erfindet Irma eine Tote.
Mira ist alten Männerkörpern gegenüber längst abgestumpft, sorgt sich vielmehr über ihre Soll-Ehe mit Vittorio, den philosophischen Möbelhändler, der mit seinen Kunden den Stuhl, das stützende Skelett zwischen Himmel und Erde, mit ihr den Tisch teilt, der per se alles zweiteilt, da er Unterleib, Beine und Füße dem Blick entzieht. „Ein Mann, der keinen Sessel hat, hat nichts“, klebte jahrelang auf seinem Schaufensterglas. Mit Rino versucht sie sich über die Männerbekanntschaften ihres Mannes hinwegzutrösten; sie spazieren an einem Drehorgelspieler mit entstelltem Gesicht vorbei, der sich einen Karton umgehängt hat, auf dem zu lesen steht: Spenden Sie für meine Operation.
Nach Die Zumutung, deren Heldin Marianne an einer schweren Nierenkrankheit leidet und einen Wettlauf gegen die Zeit führt, in dem sie ein verändertes Körperbewusstsein, eine neue Auseinandersetzung mit der Umwelt an den Tag legt und den Tod abzulenken versucht, lässt Sabine Gruber Marianne in ihrem dritten Roman immerhin noch eine Nebenrolle spielen und wagt sich ein zweites Mal an das umstrittene Thema. Spätestens die Gesichtstransplantation nach einer Kampfhundattacke in Frankreich hat wieder eine mediale Debatte um Organtransplantationen ausgelöst, die bis zum Vorwurf des Kannibalismus reicht. Werde die Frau das transplantierte Gesicht behalten, einer Toten wie aus dem Gesicht geschnitten sein? Was den Tod ausmache, könnten nicht die Ärzte entscheiden, lautet das Argument derer, deren Leben nicht an einem seidenen Faden hängt. In Österreich gilt wie in vielen europäischen Ländern die Widerspruchslösung; jeder ist ein potentieller Spender, nur dem, der sich schriftlich dagegen verwahrt, werden keine Organe entnommen.
Über Nacht ist ein canone inverso, ein Spiegelkanon, sprachlich brillant und sehr poetisch, ein ungemein atmosphärischer Roman, der sich zusehends zuspitzt. Sabine Gruber paart wie Vögel in der Luft Raum und Zeit, erzählt ein Leben in den Wolken, zwei Biographien, ohne Distanzen und Lügen, ohne unwichtige Details auszulassen, und vermag dadurch eine ungeheuere Nähe herzustellen. Was verbindet Irma mit Mira? Wo ist der Knopf im Lebensfaden? Ist es der römische Möbelhändler mit den zwei Eheringen, bei dem Irma das schwarz gerahmte Foto jener jungen Frau entdeckt, deren Bild ihr noch einmal im Altersheim begegnet, oder Rino, der sich mehr für Filmfehler, verschwindende Requisiten und historische Unmöglichkeiten interessiert als für die eigenen Lebensfehler? Sabine Gruber verspinnt einmal in der ersten Person, einmal in der dritten Person die beiden Frauenschicksale, führt den Leser auf eine falsche Spur und erzeugt dadurch ungemeine Spannung: Denn warum die beiden Protagonistinnen Irma und Mira aus gleichem Holz (und den gleichen Buchstaben) geschnitzt sind, das erfährt der Leser erst auf der allerletzten Seite.
   

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