Rezensionen von Friederike Gösweiner
  

 

 
Markus Koschuh, Voulez-vous KOSCHUH avec moi?

Innsbruck: Haymon, 2012

Lackmustest bestanden
„Voulez-vous KOSCHUH avec moi?“ zeigt Koschuh als Spoken-Word-Poet ersten Ranges


 
Buchtitel können ganz schlimm sein. Sie können in die Irre führen, sie können viel zu gewollt sein und manchmal versprechen sie einfach viel zu viel. Selten treffen sie den Nagel auf den Kopf. Im Falle von Markus Koschuhs gesammelten Poetry-Slam-Texten, die jetzt im Haymon Verlag erschienen sind, ist das anders. Gut, der Autor, der auf dem Cover in weißem Feinripp-Unterhemd und offener Jacke schief in die Kamera blickt, sieht ein wenig fertig aus. Davon darf man sich nicht irritieren lassen, das Stilmittel heißt Ironie, das ist Teil der Inszenierung. Er soll nicht so aussehen, wie man sich einen Mann vorstellt, der sagt, was der Titel sagt: „Voulez-vous KOSCHUH avec moi?“ Das sitzt. Und zwar tatsächlich, denn schließlich geht es bei Poetry Slams ja genau darum, die „Gunst“ des Publikums zu erwerben, das Publikum zu „verführen“ – zu applaudieren, mehr als bei den anderen literarischen Mitwerbern, sodass man am Ende siegt.
Das hat Markus Koschuh, Spoken-Word-Insidern besser bekannt als „Der Koschuh“, in den letzten Jahren mit seinen Texten zigfach geschafft. 2010 und 2011 war er österreichischer Poetry-Slam-Meister, 2011 gar Vize-Europameister im Poetry Slam, nebenbei ist er auch noch Mitglied der Innsbrucker Lesebühne „Text ohne Reiter“ und hat sich als Kabarettist in den letzten Jahren einen veritablen Ruf erspielt.
Für Koschuh-Fans oder solche, die es noch werden wollen, gibt es jetzt die schriftlichen Texte der mündlichen Performances also zum Nachlesen. Im Falle von Spoken-Word-Poetry entsteht ja nicht das Buch zuerst, aus dem dann vorgelesen wird, wie das für gewöhnlich der Fall ist, nein, der Text wird zuerst performt und dann irgendwann, vielleicht, zum Nachlesen publiziert. Und hier kann – ähnlich wie bei der Buchtitelwahl – mitunter wiederum ein Problem lauern. Man könnte auch sagen: Das nachträgliche schriftliche Printprodukt wird zum Lackmustest der mündlichen Wortperfomances. Was einen als Hörer einmal im Moment gefallen hat, noch dazu live performt, muss einem als Leser zuhause mit viel mehr Distanz ja noch lange nicht überzeugen. Insofern gilt tatsächlich: Es ist auch ganz schön mutig, verbale Momentkunst schriftlich gesammelt abzudrucken. So wie manche Titel Büchern schaden können, können manche Anthologien wohl auch dem Ruf des Poeten mehr schaden als dass sie ihm nützen. Im Falle von Koschuhs verbal-literarischen Poetry-Slam-Ergüssen gilt das – wie bei der Titelangelegenheit – jedoch wiederum nicht. Was da schwarz auf weiß gedruckt steht, hält auch Stand.
Natürlich würde man sich – wenn man Koschuh live erlebt hat – manchmal wünschen, er würde die Texte vorlesen oder viel eher live performen, während man sie liest. Das ist auch der Grund, warum solche Textsammlungen immer wieder auch mit Audio-CD publiziert werden. Das kostet allerdings Geld, das muss der Verlag bezahlen (können). Es fehlt etwas, wenn der Vortrag wegfällt. Denn man merkt den Texten ja auch an, dass sie für den Vortrag konzipiert sind. Aber gerade weil da nur mehr der nackte Text abgedruckt steht, fallen einem vielleicht auch mehr Details auf, das Bild, das sich aus den Texten ergibt, wird dadurch genauer. Und noch etwas leistet so eine Text-Zusammenschau: Man überblickt die ganze Bandbreite des Spoken-Word-Poeten, sieht, wie weit sein thematisches Spektrum reicht (oder auch nicht) und wie facettenreich er mit Sprache umgehen kann (oder nicht).
Sowohl inhaltlich wie auch sprachlich hat das kleine Koschuh’sche Brevier hier einiges zu bieten: In erster Linie ist Koschuh komisch. Das war zu erwarten, das weiß man, das mag man. Das genießt man auch beim Lesen, wenn eine Pointe die nächste jagt oder ein Text am Ende noch eine ganz unerwartete Wendung nimmt. Koschuh kann aber auch lyrisch sein und herrlich mit Sprache spielen, zeigt der Band. Natürlich finden sich auch selbstreflexive Texte in der Anthologie, schließlich leben wir im Zeitalter der Selbstreflexion, wobei dazu auch amüsante Texte über den Autor selbst zählen, der sich als leicht hypochondrisch entpuppt, Texte, die unmittelbar Bezug nehmen auf das, was im Jahreslauf so passiert (Weltuntergang am 20. Dezember, Frühlingserwachen, Advent), Texte, in denen er Kollegen humorvoll porträtiert oder seine Probleme mit Wurstfachverkäuferinnen thematisiert. Auch die Zeugen Jehovas und die Schützen kommen bei Koschuh nicht so gut weg, ganz zu schweigen von KHG oder einer schwarzen Katze, die das Asylwerber-„Vogele“ aus dem Kosovo kurzerhand abmurkst …
Am stärksten ist Koschuh vielleicht dann, wenn er nicht nur blödelt, parodiert oder mit Sprache herumtollt (obwohl er auch das alles glänzend beherrscht), sondern in der verbalen Blödelei jenes Quäntchen trauriger Wahrheit versteckt, das einem komischen Text den Tiefgang verleiht, den er braucht, um nicht nur purer Klamauk zu sein. Es ist schon eine Kunst, harsche Gesellschaftskritik so zu verpacken, dass man sie deutlich wahrnimmt und die Stirn runzelt und man gleichzeitig aber immer noch lachen kann, ja, muss. Das gelingt nur, wenn man als Autor die schwere Kost den Lesern, den Zuhörern, so serviert, das sie die bittere Pille bereitwillig schlucken. Dass Koschuh das kann, spricht sehr für seine sprachlichen Verführungskünste. Manchmal halten Titel eben doch, was sie versprechen. 

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Selma Mahlknecht, Vom großen Ganzen
Innsbruck: Edition Laurin, 2012 

Das große Ganze in Mutters Marmelade
Selma Mahlknecht s Erzählband „Vom großen Ganzen“ nähert sich den existenziellen Fragen auf märchenhafte, zuweilen allzu rührselige Weise
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Über einen Erzählband ein Urteil zu fällen, ist meist nicht ganz einfach, weil man nur schwerlich allen einzelnen Erzählungen des Bandes gerecht werden kann. Selma Mahlknechts Erzählband Vom großen Ganzen ist da keine Ausnahme. Die sieben Geschichten, von denen drei sehr lang und die restlichen vier unverhältnismäßig kurz ausfallen, sind von unterschiedlicher Qualität, nicht alle überzeugen inhaltlich, vor allem die Auflösung der durchaus originellen Situationen, die Mahlknecht erfindet, wirken gelegentlich banal und unpassend.
Vom großen Ganzen, in der edition laurin erschienen, versammelt Geschichten, die um so große Fragen wie jene der menschlichen Existenz, um den Sinn des Lebens und den Tod kreisen – eben um „das große Ganze“. Ihre Hauptfiguren sind entweder junge Menschen, die sich noch nicht in ein Leben gefunden haben und deren Gedanken um eine Zukunft kreisen, die manchmal nicht zuletzt aufgrund äußerer Umstände höchst ungewiss erscheint, oder alte, die am Ende ihres Weges auf ihr Leben zurückblicken – ein wenig unglücklich, teilweise auch resigniert sich gedanklich mit dem Tod beschäftigen. So richtig im Leben stehen Mahlknechts Figuren dagegen nie, ihre Position ist eher die am Rand, von Beobachtern.
Eröffnet wird der Band von jener Erzählung, die titelgebend wirkt und mit Abstand die längste des gesamten Bandes darstellt, sie umfasst rund ein Drittel der insgesamt 150 Seiten. Ein pubertierendes Mädchen, das sich durchs Leben schnorrt anstatt zur Schule zu gehen oder zu arbeiten, erzählt von ihrem Leben im Dorf, von einer Bekanntschaft mit einem Obdachlosen, einem Ausflug in die Disko samt anschließendem Autounfall, der jedoch glimpflich ausgeht. Über allem schwebt die Frage, die sich das junge Mädchen im Innersten immer wieder stellt, nämlich was „das große Ganze“ ist. Die Antwort, die sie am Ende auf diese höchstkomplexe Frage nach dem Sinn des Lebens findet, ist mehr als simpel: „Und vielleicht, vielleicht ist das das große Ganze: Dass alles noch einmal gut gegangen ist und diese Einfachheit und dieser Frieden und Mutters Marmelade …“ – Man könnte nun sagen, diese banale Antwort sei noch dem Alter der erzählenden Figur geschuldet. Doch scheint das flach-rührselige Ende der ersten Geschichte bezeichnend für den gesamten Erzählband. Der Ton von Mahlknechts Erzählungen ist stets ein versöhnlicher, die großen Fragen, die aufgeworfen werden, lösen sich auf in (allzu) gefällige, naiv-simple und zuweilen geradezu kitschige Antworten; höchst traurige, dramatische Ereignisse lassen die Figuren nie völlig verzweifelt zurück, immer findet sich am Ende ein Hoffnungsschimmer, an dem sich Mahlknechts Figuren – und die Leser – aufrichten können.
Es hat etwas Erfrischendes, wenn nicht alles immer düster enden muss und unversöhnlich nebeneinandersteht. Allzu gewollte, herbeigezauberte Happy Ends bergen allerdings schnell die Gefahr, zu flach zu werden und ins Banale abzugleiten. Das passiert etwa in der letzten Geschichte, „Manfred in der Kiste“, in der sich ein Mann in einem Sarg wiederfindet und verständlicherweise in Panik gerät (die psychologisch in keiner Zeile überzeugend geschildert wird), am Ende jedoch erlöst wird und tatsächlich „aufersteht“: „Was für ein Himmel. Riesig, freundlich. Wie schwerelos es sich darin fliegen lässt. Und nun füllt er sich allmählich mit Licht, oder ist das die Liebe?“ – Man möchte solche Sätze gern ironisch lesen, doch finden sich für eine solche Lesart insgesamt zu wenige Indizien. Eher umweht Mahlknechts Geschichten die Aura des Märchenhaften, Magischen, nicht alles muss mit rechten Dingen zugehen und am Ende kann sich schon einmal ein Wunder wie eine plötzliche Auferstehung aus einer Holzkiste ereignen.
Stärker sind daher jene von Mahlknechts Erzählungen, in denen sie der Versuchung eines allzu glatten, schönen Endes widersteht und wenigstens eine kleine Dissonanz bestehen bleibt – und auch jene, in denen sie die kindliche Perspektive wählt, zu der das Märchenhaft-Magische, die naiv-staunende Sichtweise, die die Autorin propagiert, sehr viel besser passt. Die Geschichte, in der sich das zweifellos vorhandene Erzähltalent der Autorin am deutlichsten zeigt, ist daher auch „Marseille“, die von einem unheilbar kranken Jungen berichtet, der – obwohl er weiß, dass er bald sterben wird – trotzdem lesen und schreiben lernen möchte und sich nichts sehnlicher wünscht als einen Fußball. Einfühlsam und poetisch zeichnet Mahlknecht hier das Bild eines starken, reifen Kindes, das zwar ständig mit dem Tod konfrontiert wird und sich doch seine Kindlichkeit bewahrt und immer noch staunen kann über die kleinen Dinge dieser Welt, den Mond oder einen Fußball.
Den hauptsächlichen Reiz von Mahlknechts Erzählungen macht sicher diese Aura des Märchenhaft-Fantastischen aus, eine Naivität, die man, wenn man möchte, als mutig deuten kann. Aber die allzu leichten, platten Schlüsse, mit denen Mahlknecht ihre Erzählungen über die schwerwiegenden Fragen der menschlichen Existenz, über „das große Ganze“, versieht, verstören den erwachsenen Leser dann doch. – Es sei denn, er glaubt selber womöglich an Auferstehungen aus Holzkisten und daran, dass „das große Ganze“ in Mutters Marmelade enthalten ist.

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