Rezension von Ingrid Fürhapter

 
 

Magdalena Kauz, wortgestöber. [Juli 2005]
Innsbruck: Skarabaeus, 2005. 125 S. 

Es heißt, Lyrik solle man ein paar Tage absinken lassen, um nachher den Bodensatz zu verkosten, ob er wohl noch genießbar sei.
Die gebürtige Luzernerin Magdalena Kauz, Jahrgang 1963, die in Innsbruck, Basel und Zürich lebt, lässt in ihrem Lyrikband den Leser in ein „wortgestöber“ hineinschauen, das zuweilen so dicht ist, dass man die eigene Hand vor dem Gesicht nicht mehr zu sehen glaubt: „worte / jagen über / seiten / prallen an / ränder / schnellen ins / weiss /   kann sie nicht halten / schiessen los / machen flecken / als wüssten sie schon“, heißt es im ersten Gedicht. In den darauf folgenden knapp gehaltenen lyrischen Skizzen klart es nach ungestümem Sprachtreiben immer wieder auf. Farbflocken leuchten kurz auf, die man rasch mit der Zunge von der Haut leckt, bevor sie zergehen. Nicht nur in den Kapitelüberschriften lässt sich eine subjektiv getönte Farbskala entdecken („durch grün“, „manche schwarz“, „heft rot“, „staub gelb“, „alles weiss“, „gezückte röte“, „kleines blau“, „ohr rosen“, „ocker stein“), Farbstimmungen ziehen sich auch durch die Verse. Manchmal verdunkelt von Schatten, wenn „relative vergangenheit“ zu Tage tritt, manchmal erhellt von einem jähen Schlaglicht, wenn nach  „dem sturz der türme“ der „betrachtungswinkel“ ein anderer ist.
Kauz ist Fernsehdramaturgin, Filmemacherin und Mitorganisatorin des Literaturfestivals „Sprachsalz“ in Hall in Tirol. Literarisches hat sie bislang in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Mit „wortgestöber“, das sich auch als Stöbern in der Welt der Worte oder als ein mit Worten in der Welt Stöbern lesen lässt, hat sie ihren Bucherstling vorgelegt. Dem lyrischen Ich, das darin sporadisch auftaucht, hat sie eine Vorliebe fürs Zugfahren verliehen. Jenes beobachtet gerne „mitreisende“ und versteht sich als „grenzgängerin“: „im zug / rückwärts / über die grenze / von zuhause weg / nach hause“. Kauz’ Gedichte sind aber keine Ruhekissen, an die man sich anschmiegt, um Erschütterungen beim Bahnfahren zu dämpfen, sondern sie markieren irritierende Momente aus dem Wahrnehmungsraum einer Reisenden, die innehält, um zweimal hinzuschauen. Sei es in der eigenen oder in der fremden Fremde: in Innsbruck, in der Ostschweiz, im Schwarzwald, in München, Rom, Paris oder Tokio; im Zugabteil oder auf einem Wasserturm, in der Sauna oder auf der Kirchenbank. Eine nüchterne Hinwendung zur banalen Lebenswelt - dennoch „beinahe abergläubisch“ und in der Hoffnung auf „1 zeichen & 1 wunder“ - lässt sich ausmachen. Da sind Erinnerungen an eine Mutter, „wie sie da steht und winkt“ oder wie sie sich auf dem Bett weich geschlagene Kohlblätter gegen die Schmerzen im Knie umbindet oder wie sie vor Jahren den gleichen Bergweg am Säntis gegangen ist: „meine heimat / ihre heimat / unser kissen / aus steinbrech“. Da ist die Annäherung an einen „vater, verloren“, der nie von der Seite weicht. Ein sachte Sehnsucht nach den zarten Schwingungen der Liebe macht sich zwischen den Zeilen bemerkbar: „licht fleckt / auf mein kissen / eine stunde / glück / ohne mühe“ – ohne Scheu vor heftigem Zugriff im „tango“: „mich / dir in den schritt / spreizen / und / dich / herzen / ja immer / wieder / herzen“.
Kauz scheint gegen „sprachlosigkeit“, so der Titel eines Gedichts, anzuschreiben, wenn die Worte „in / mir wie die haken einer angel“ hängen und „meine fische zitterten“, zugleich gegen die elektrisierende Gewalt von Wortströmen: „da haltet ihr still / den eisenmund / der flüsternd / alles beherrscht“. Ihr Schreiben ist wohl auch ein Anschreiben gegen die Unsicherheit der eigenen Emotion, das „mein herz versichert“. Der ab und an allzu beherzte Versuch, die „stimmen / in meinem herzalbum“ mit „herztinte“ festzuhalten, setzt sich fort bis zum letzten Gedicht des Lyrikbandes, wo es heißt: „letztendlich / ruhig geworden / unruhe ans herz gebettet“. Das Nachwort,   vielmehr: wörter kleingeschrieben in 1 größeres der w:orte, hat José F. A. Oliver verfasst, u.a. Chamisso-Preisträger 1997.

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