Rezension von Matthias Flatscher

 
 

Margareth Obexer, Das Herz eines Bastards. [Feb. 2003]
Bozen: Athesia, 2002, 120 Seiten.

In dem dünnen Band der Südtiroler Autorin Margareth Obexer sind fünf sehr unterschiedliche, von einander unabhängige Texte und eine italienische Übersetzung des ersten Beitrags von Pierangelo Schiera vereinigt.
Den Auftakt der Sammlung bildet die im italienischen Kulturinstitut in Berlin vorgetragene Rede „Das Herz des Bastards“. In der Form einer Parabel weist die Autorin auf die Vorzüge des (Hunde-) Mischlings hin, der nicht mehr an Ursprünge oder Reinheitsgebote rückgebunden ist, sondern sich losgelöst von den Fesseln der Herkunft in Freiheit zu bewegen vermag. Laut Obexer gelingt es vor allem der Literatur, eine in sich abgeschottete Tradition abzustreifen und so neue, phantastische Welten aufzuschließen. Das engagierte Plädoyer für Toleranz und Völkerverständigung wendet sich mit beißendem Spott gegen die „hasserfüllte Kläfferei“ und das „periodisch anschwellende patriotische Hundegebell“ (S. 20). Das Manifest für eine offene und gleichberechtigte Gesellschaft nimmt mitunter idealisierende Züge an, da es sich nicht mit realen Hindernissen auseinandersetzt und jeder Gegeneinwand als Restbestand der Vergangenheit in die Historie verbannt wird.
Das Gefühl der Ausgeschlossenheit kommt im nächsten Beitrag „Die Wortlose“ zum Tragen. Dieses Konglomerat an Eindrücken, das sich in einer stilistischen Vielfalt Gehör verschafft, bildet den interessantesten Part innerhalb der Sammlung. In kurzen Segmenten und schlichten, dafür aber umso eindrucksvolleren Bildern wird die Erfahrung von Fremdheit im Fehlen von Worten thematisiert. Der Text sucht sich dabei immer neue Wege, auf das Verwiesensein auf Sprache anzuspielen, die längst nicht mehr als abgegriffenes Kommunikationsmittel fungiert, sondern sich ihre eigenen Räume schafft. Obexer versteht es, den LeserInnen ihr poetologisches Konzept anhand einer Dehiszenz von Textsplittern zu veranschaulichen, sie am nicht voraussehbaren Treiben der Sprache und am beständigen Abarbeiten von geläufigen Floskeln, ja an den Wörtern und Sätzen überhaupt, teilhaben zu lassen.

Stilistisch ebenso eigenständig ist die dichte Prosaskizze „Free on Board“, die von der Angst des Scheiterns und von Zukunftssorgen erzählt. Sukzessive gewinnt auch dieser Text ein skurriles Eigenleben, da sich die Hauptfigur, die neben dem negativen Bescheid für eine Jobbewerbung mit chauvinistischen Anflügen ihres vermeintlichen Chefs konfrontiert wird, in Mordphantasien versteigt.

Der Essay „Schweigen der Materie“ schildert in plastischer Weise den Besuch einer Anatomie-Ausstellung. Die Reflexionen über die Vergänglichkeit des Lebens und über die pure Materialität des Körperlichen schlagen unerwartet in eine groteske Szenerie um: die Erzählerin sieht sich plötzlich von der Wärterin vergessen in den Ausstellungsräumen zwischen den anatomischen Präparaten eingesperrt. Die totgesagten Körperwelten erwachen kurz noch einmal zu neuem Leben bevor das phantastische Konstrukt zerbricht und die Erzählerin wieder in die Alltagswelt zurückkehrt.

Der letzte Beitrag widmet sich der Marktgemeinde St. Johann in Tirol. Es wird die trostlose Enge von touristischen Ortschaften und der implizierte Ausverkauf der eigenen Tradition beschrieben. Das hier angewandte deskriptive Verfahren reiht altbekannte Stereotypen aneinander; erst am Ende kommt Obexer zu ihrer Analyse, die ein weit differenzierteres Bild zeichnet: der Tourismus hat ihrer Ansicht nach nicht ausschließlich Verstörung und Entfremdung in die Gebirgstäler gebracht, denn das „hieße nur, demselben Mythos von Echtheit aufzusitzen, der ja schon in der Touristenkultur seinen festen Platz hat“ (S. 95). Genau in diesem Festhalten an einer scheinbaren Ursprünglichkeit sieht die Autorin die Krux der Fremdenverkehrsmaschinerie, die grausam-kitschige Pseudo-Echtheit postuliert und das Potential der Weiterentwicklung und die Zurkenntnisnahme anderer Lebensformen unterdrückt.

Die Stärke in Obexers Schreiben zeigt sich weniger in den politisch-gesellschaftskritischen Essays als in den dichten Prosaskizzen. In ihnen begibt sie sich auf die Suche nach einem eigenständigen Umgang mit der Sprache und experimentiert gekonnt mit einer breiten Palette an Stilformen.

 

Nach oben scrollen