Rezensionen 2007

Elias Schneitter, Augenblicke einer Biografie, in der Giorgio Voghera schon seine Finger im Spiel hat
Innsbruck: Skarabaeus 2007 

Lasset uns drauflosschreiben! 

Der neue Schneitter ist da, diesmal wieder broschiert und ohne Sonnenbrille und Kopfschmerzen zu lesen, obwohl er wenig „augenfreundlich“ schreibt. Der Titel ist fast titelseitenfüllend, der Text, wie bei allen Skarabaeus-Büchern gewohnt schön gesetzt, die Farbe des Bandes tiefblau, die Prosa flattersatzflott und die Zeichnungen von Hans Pfefferle herzlich willkommene optische Zugabe. Apropos Optik: Das Ich in Schneitters Prosaband leidet unter Diplopie, sieht alles doppelt, doppelte Augenblicke einer Biografie also, außerdem verdrehen im Sinne Oskar Pastiors selig Phonem und Graphem dem Ich den Kopf.

 „und haben sätze ein geschlecht / oder brüste oder einen arsch? / ist der satzbau eine genetische abhandlung? kann man sätze gegeneinander aufrechnen / oder soll man sie einfach schlucken?“ (S. 10) will das Ich wissen und versucht sich so von wirklichen Problemen abzulenken. Denn da schwingt eine Trennung mit, irgendwo im Hintergrund, irgendwo zwischen dem freimütigen Geplauder, das erfrischend anders in Form gebracht wurde. Denn: „wird der satzbau weiterhin verwendet,
kann sich nicht viel ändern.“ (S. 117) 

Vordergründig wird freilich laufend der Ort (Triest, Rom, Wien, Zirl, Lowell Massachusetts) gewechselt – auch das nur eine Möglichkeit der sich zu stellenden Realität vorübergehend zu entkommen:  „aber man reist ja nie allein, / zumindest irgendein alter ego ist immer dabei“ (S. 12) Und überdies wird laufend der Erzählstrang unterbrochen.
„aber zum thema:
wie steht es mit der erzählhaltung:
über den dingen stehend.
die handlung: frei erfunden.
die figuren: sehr komplex, nicht immer authentisch.
die thematik, die motive, die orte der handlung.
alles fein gewoben, wohldurchdacht,
kein buchstabe zuviel,
kein satz zu wenig,
mit einem wort: bezaubernd
alles in allem.
womöglich ein wenig zu sehr über den dingen stehend.
ansonsten ein werk,
das sich nicht zu verstecken braucht.“ (S. 15) 

So viel zu Selbsteinschätzung.
Das Ich versucht seinen persönlichen Trennungsschmerz zu überwinden und weiter zu leben und zwar ganz und gar nicht linear, denn das Leben ist viel eher ein Drunter und Drüber, als reibungslos und durchorganisiert. Warum also nicht einen literarischen Weg einschlagen und versuchen, dieses Auf-ab-kreuz-und-quer-und-alles-immer-gleichzeitig formal umzusetzen? Ja, warum nicht. Der Ich-Erzähler hat eine Möglichkeit gefunden und sagt sich los vom Konventionellen.
„jetzt ist es amtlich,
verkünde ich
auf einer roten parkbank:
ich möchte keine sätze mehr treffen,
schon gar nicht jene,
die lauthals aufmarschieren.
ich benötige kein bauhaus mehr,
kann auf bücherregale verzichten.“ (S. 69) 

Nicht die Geschichte, sondern das Erzählen ist Ziel, wird auf dem Cover postuliert. Der Erzähler hält fest: “ich will keine geschichte erzählen / und weshalb das so ist, / das ist eine eigene geschichte.“ (S. 37) Aber keine Angst, dieser Text ist weder hermetisch, noch fühlt er sich ausschließlich der Form verpflichtet und nein, man muss nicht notwendigerweise wissen, wer Giorgio Voghera ist. Auch nicht wer Jack Micheline, Kathy Acker, Jan Kerouac, Ray Bremser, Richard Brautigan, John Wieners, Gregory Corso, Buk oder Philip Whalen sind. Der Ich-Erzähler hat schlicht eine Schwäche für BeatautorInnen, gibt gerne Unmengen für Bücher dieser Heroinen und Heroen aus, schwatzt aber ebenso gerne mit schreibenden KollegInnen aus der näheren Umgebung (Gert Jonke, Peter Vonstadl, Urs Mannhart, Christoph Simon, Helmuth Schönauer, R. P. Gruber, etc. – zumindest diese AutorInnen sollten einem doch schon untergekommen sein. Vortrefflich die Vonstadl-Episode, in der er in einer Spelunke u. a. die Einsicht „Gedichte kann man nur zulassen“ vom Stapel lässt und damit auf ein neues Bier spekuliert.). Darüber hinaus erlebt der Erzähler beispielsweise unvergessliche Straubengenüsse im Schilcherland, trinkt drittklassigen Schnaps kombiniert mit erstklassiger Unterhaltung auf seiner Terrasse in Zirl.  Denn die Gesprächspartner entpuppen sich stets als weise Bemerkungen absondernde, gut trinkende oder an der Erfindung eines Schreibcomputers herum tüftelnde, also interessante ZeitgenossInnen.
„gefüllte worttöpfe
programmierte satzbaupläne
generiert mit random“ (S. 4) 

Ob das Leben wie eine Geschichte ablaufe oder ob das nur eine Schreibtischfiktion sei, will der alte Freund der Centraldichter, dem es nicht besonders gut geht, wissen, bevor er in die Klapsmühle zu Hall eingeliefert wird. Halten wir dem Wissen aus erster Hand entgegen.
„wenn du gut schreiben willst,
dann musst du mit deinem leben hausieren gehen
und es dafür einsetzen,
sagte bob kaufmann
in der jack-kerouac-school
in boulder colorado.
das hatte zumindest ann waldman
christian ide hintze und christian loidl
am schwechater flughafen erzählt.“ (S. 126) 

Diesem Zitat muss erklärend ein weiteres folgen: „alles, was ich weiß, / weiß ich von anderen. / das steht in einer triestiner familiengeschichte, / aus der claudio magris in gedenken an giorgio voghera vorliest.“ In Schneitters Buch steht das auf Seite 147, also am Schluss und thematisiert nochmals eine Frage, die sich durchs ganze Buch zieht, nämlich: „wenn sich ein satz in einem buch befindet: / wem gehört er dann?“ (S. 7)
Ja, gute Sätze sind wertvolle Funde, auch fremde Sätze, weil um’s „Gehört“, respektive ums „Haben“ geht es dabei ja nicht. Gute Sätze gehören gehört, ist man versucht zu schreiben. Schneitter hat ein sensibles Satzaufspürsensorium und gibt in seinem neuesten Buch großzügig Einblick in seine Funde und von ihm Erfundenes. Ein Buch, das man – auch aufgrund der immer wieder Neues eröffnenden Zeichnungen – immer wieder zur Hand nehmen kann und soll. 

Markus Köhle

Nach oben scrollen