Rezensionen 2007

Peter Oberdörfer, Gischt.
Roman.
Bozen: Edition Raetia 2005


Gischt erzählt vom Scheitern von Beziehungen, von Liebe und von Langeweile. Es erzählt die Geschichte einer Dreiecksbeziehung, die oft genug schon Thema von Literatur, Filmen und Musik war. Und trotzdem lieben wir diese Geschichten über l’amour à trois.
„ich liebe es, / liebe zu machen / am liebsten zu dritt / das ist total out / das ist hippieshit / aber ich sag es laut / ich liebe liebe zu dritt // es ist sexy, ekstatisch / tierisch, animalisch / crazy, romantisch / es ist kommunistisch.“ (Françoise Cactus, Stereo Total)
Willi und Hansi sind die besten Freunde und verlieben sich in Claudia. Die aber kann oder will sich nicht zwischen den beiden entscheiden und schlägt ein interessantes Experiment vor. Eine Beziehung mit beiden Männern – gleichberechtigt und ohne Eifersucht. „Verliebtheit, Intimität. Diese ganz besondere Zweisamkeit zwischen Menschen, die man Liebesbeziehung nenne. [...] Zu dritt.“ Die Männer, die beide nicht von ihr lassen möchten, lassen sich auf dieses Spiel ein und wagen den Schritt in die Liebe zu dritt. Keine der drei Hauptfiguren muss sich somit entscheiden, weder die Männer für oder gegen ihre Freundschaft, noch die Frau für einen der beiden Männer.
Die Figuren stellen in einer bestimmten Art und Weise Prototypen der heutigen Gesellschaft dar. So viele Möglichkeiten gibt es, so viele Wege, die man gehen kann, so viele Entscheidungen, die man treffen muss. Auch, was die Partnerwahl anbelangt. Sich nach hinten zu lehnen und gleichzeitig ins Leben zu stürzen, das macht den Reiz der beschriebenen Konstellation und dieser Geschichte aus. Claudia liebt Willi, Willi liebt Claudia, Claudia liebt Hansi, Hansi liebt Willi. Willi liebt Hansi. Hansi liebt Claudia. Während anderswo Männerfreundschaften an der Liebe zu einer Frau zerbrechen, versuchen die drei einen anderen eigenen Weg – einsam, zweisam, dreisam.
Es gibt anfangs Diskussionen, wie das funktionieren soll, Möglichkeiten werden durchgespielt und wieder abgetan, wohlwissend, dass eine solche Liebe nicht funktionieren kann. Und die vermeintlich richtige Entscheidung wird erst getroffen, als einer der Dreien nicht mehr mit dieser l’amour à trois zurechtkommt. Willi verlässt die beiden, weil er seine Liebe nicht mehr teilen möchte. Und Claudia wird so erstmals wirklich vor die Wahl gestellt, zu wem der beiden sie denn tatsächlich gehört bzw. gehören will. Willi geht. Claudia geht mit ihm. Und Hansi bleibt alleine zurück.
Dass das schon von Anfang an das Richtige gewesen wäre, davon ist der Leser/die Leserin überzeugt, auch davon, dass Claudia zu feige gewesen ist, eine Entscheidung zu treffen. Aus Angst, einen Fehler zu begehen, aus der Unfähigkeit, zu jemandem zu stehen, aus dem Gefühl heraus, auf nichts verzichten zu wollen, oder aus dem Wunsch, gesellschaftlichen Konventionen zu entgehen. Trotzdem endet das Buch, so wie es begonnen hat. Mit drei Personen, die miteinander verbunden sind und doch alleine.
Acht Jahre nach ihrem Experiment sitzt Claudia zu Hause und wartet auf Willi, der zwei Tage vorher verschwunden ist aus ihrem gemeinsamen Leben, das in halbwegs geregelten Bahnen verlaufen ist: Er lebt mit Claudia, die er schon in Schulzeiten kennengelernt hat, allerdings mit einer ungewissen beruflichen Identität. Willi ist Journalist, offenbar kein besonders guter bzw. kein wirklich gefragter. Die Themen, die ihn interessieren, sind für die Öffentlichkeit ohne Belang. Seine Liebe gilt den Filmen des Hollywood der 30er, 40er und 50er Jahre. Er schreibt über Ruhm und Scheitern der alten Hollywoodgrößen, deren exzessives, rauschhaftes Leben er selbst gerne führen würde. Ihm bleibt aber nur der Alltag mit einer halbwegs erfolgreichen Künstlerin. So geht er weg, verschwindet spurlos und findet sich selbst bei einem Ausflug wieder, während welchem er versucht, sich einer unbekannten Schönheit zu nähern. Hansi, mittlerweile Vater eines Mädchens und eingebettet in eine Familienidylle, wird aus seinem biederen Leben herausgerissen, als Claudia ihn anruft, um ihn nach Willis Verbleiben zu fragen, aber sogleich wieder auflegt. Alle drei sind immer noch miteinander verbunden und doch wieder so sehr voneinander entfernt, wie sie es schon immer gewesen sind.
„Ja Gischt war das passende Wort für das flüchtige Leben […]. Gischt, gut, gut, ein lautmalerisches Wort, Gischt, schäumendes Wasser, Wasser in Ekstase, aber schön wie eine Blüte, wie eine Wolke […]. Und das Rauschen gischtenden Wassers war das schönste Geräusch der Welt.“
Die Geschichte der drei Liebenden ist durchaus interessant. Sprachlich allerdings präsentiert sich der erste Roman des Südtiroler Autors und Theatermachers eher durchschnittlich. So reihen sich brave Sätze an noch bravere Sätze. Durchaus reizvoll wiederum ist der Aufbau der Geschichte. Die Leser erhalten Einblick in die Leben dreier Menschen, erzählt aus drei Perspektiven und auf drei Zeitebenen. Zusätzlich werden die Abschnitte durch Auszüge aus Hansis Tagebuch, Postkartengrüßen und Briefen von Claudia, Hansi und Willi sowie Texten über Hollywood bereichert. Überflüssiges ist allerdings auch hier wieder unangenehmes Beiwerk.
Interessant wiederum ist der Umgang mit der Musik, die sich durch das Buch zieht, Musikstücke , deren Titel erwähnt und deren Texte zitiert werden. Musikgeschichte der 80er und 90er Jahre.
„And maybe Marlon Brando / Will be there by the fire / We’ll sit and talk about Hollywood / And the good things there for hire / Like the Astrodome and the first teepee / Marlon Brando, Pocahontas and me / Marlon Brando, Pocahontas and me.“ (Neil Young)
Und Hollywood ist ebenso wie die Musik der rote Faden, der die Geschichte vorantreibt und bereichert. Das Leben der Hollywood-Figuren bildet einerseits den Gegenpol zum Alltag der drei Hauptfiguren und gilt andererseits als Vorlage, als Wunschvorstellung für deren Leben. Zumindest haben die Figuren probiert, ein Leben zu leben, das unkonventionell ist, anders und aufregend.
Das Hollywood-Thema drängt uns aber auch den Blick hinter die Kulissen auf. Hollywood mit seiner Schönheit, seinem Glanz und Glamour – unerreichbare Dinge üben ja bekanntlich ihren Reiz aus. Stürzt man sich hinein und schaut man dahinter, trägt einen eine Welle weit hinaus, auf viele Höhen. Aber auch, und das scheint die Moral des Romans zu sein: Die Welle kann einen auch irgendwann einmal niederreißen.

Verena Zankl

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