Rezensionen 2006

Arthur Staudacher / Gerhard Moser / Teresa Staudacher (Hrsg.), Unsichtbares Innsbruck.
Innsbruck: édition foulland 2005.



Wie unsichtbar ist Innsbruck?

Ein Stadtführer, der den unbeachteten Seiten dieser Stadt ein größeres Augenmerk schenkt

Das Inhaltsverzeichnis offenbart es bereits: bestimmte Namen und Orte sind auf Grund ihrer Geschichte Unorte. Es werden „einerseits übersehene und in Vergessenheit geratene Orte beleuchtet, andererseits Plätze einer kollektiven Tiroler Erinnerung im Licht einer geschichtskritischen und literarischen Aufarbeitung enthüllt“.

Der Idee dieses Stadt-Führers liegt unter Umständen der Begriff von Edward Said zugrunde: imaginative geography. Der Betrachter, der Gast, selbst der Bewohner eines bestimmten Viertels erdichtet seine persönliche, subjektive Annäherung an diesen, seinen Ort. So wird eine individuelle StadtAnamnese geschaffen. Aus der politische, soziologische, ökonomische, philosophische, psychologische Lebenszeichen zu erwarten sind.

Der Reiseführer umfasst fünf „Reiserouten“ mit interessanten Blickwinkeln und Zugängen: die „OlympischeTour“, den „Pfad der Erleuchtung“, die „jiddische Versprengung“, „der gemeinsame Weg“ und „Abreise und Ankunft“.
Aber während die Herausgeber zwar eine echte emotionale Annäherung an die „jidishe farshpreytung“ erreichen, so ist – die Höttingergasse aufwärts bei den diversen „Sehenswürdigkeiten“ am Pfad der Erleuchtung – ein leiser, abwertender Unterton nicht zu überhören.

Man kann der Kirche auch die nächsten zweitausend Jahre die Hexenverbrennungen, die Kinderkreuzzüge, den Antisemitismus (der keine katholische Erfindung ist), die Doppelmoral, den Missbrauch Minderjähriger usw. vorwerfen. Damit wird der Inhalt – der mit der jüdischen Geschichte untrennbar verbunden ist - den sie vertritt, nicht weniger oder unwahr.
Abraham deswegen als Metzger zu sehen, weil die Metzger-Zunft von damals ein Glasfenster stiftete, ist für einen seriösen Stadtführer eine sträfliche Verdrehung und Irreführung. (Schlagen Sie das nach im Buch 1. Mose 12,1)
Und das Abprüfen katholischer Glaubenswahrheiten und der Hinweis auf die AntimodernismusDebatte (bei der Niederlassung der Priesterbruderschaft Pius X), entbehren nicht einer gewissen Ironie, aber auch einer herablassenden Geste.
Die Kirche ist, wie jede andere Institution, weil in ihr Menschen leben und arbeiten, auch mit Schwächen, Fehlern, Mängeln und Irrtümern behaftet. Und man trifft selbstverständlich alle Charaktere in ihren positiven wie negativen Erscheinungsformen an.
Der Antimodernismus war eine verständliche, mit Angst vor der neuen Zeit behaftete, offenbar unvermeidliche religionsgeschichtliche Fehlleistung. Sie musste kommen aus der Sicht der Entwicklung der Gesellschaft, der Technik, der Industrie, der Wirtschaft, der Politik.
Obwohl Papst Johannes Paul II den Eid noch geleistet hat, war sein Pontifikat die Verabschiedung dieser Zeit. Das beweisen die Vielzahl der Themen und Dokumente. (Schlagen Sie das nach unter www.vatikan.va). Kein Papst vor ihm hat in solcher Intensität, Offenheit und solchem Weitblick der Welt die Tore der Botschaft Christi geöffnet.
Und die Probleme des modernen Menschen sind ja nicht zu leugnen: die Frage nach den ethischen und sozialen Koordinaten der Würde und Einzigartigkeit des Menschen (als Ebenbild Gottes), die Gefahr der Selbstauslöschung des Menschen (Bewahrung der Schöpfung), die unabsehbaren Konsequenzen von Gentechnik, Klonen, Präimplantationsdiagnostik, Stammzellenforschung und die daraus folgenden Euthanasiedebatte (die Beurteilung: Was ist „unwertes“ Leben?), das Thema „Abtreibung“ unter religiösen, moralisch-ethischen und demografischen Gesichtspunkten usw.

Den Hintergrund der Olympischen Spiele näher zu beleuchten ist nobel. Besonders der Hinweis auf die in Griechenland während der Spiele ausgerufene fünftägige „ekecheiria“, eine allgemeine Waffenruhe gegenüber Reisenden und Athleten, in der auch keine Todesstrafe vollstreckt werden durfte. Dass Olympische Spiele zu einem Olympischen Frieden hochstilisiert wurden, ist eine Erfindung der Neuzeit. Und weil diese Spiele zu Ehren des Zeus abgehalten wurden, wurden sie unter Kaiser Theodosius I, der zum Christentum konvertierte, als heidnische Veranstaltung eingestellt.

Man darf davon ausgehen, dass den meisten Bewohnern Innsbrucks nicht bekannt ist, dass es auch so etwas wie einen Olympischen Kunstbewerb gab, beginnend mit den Olympischen Sommerspielen 1912 in Stockholm. Hier wurden Medaillen für künstlerische Leistungen vergeben. Kriterium: die Arbeiten aus Städtebau, Bildhauerei, Malerei und Graphik, Literatur und Musik mussten Bezüge zum Sport aufweisen.
Nach den Olympischen Spielen in London 1948 wurden jedoch die Kunstbewerbe aus dem Programm gestrichen.

1964 sollten bestimmte Kategorien der Kunstbewerbe außer Konkurrenz wieder aufgenommen werden, aber das IOC entschied sich dagegen. Einige der bereits eingereichten Kunstwerke sind im Olympischen Dorf zu sehen. Nicht mehr als eine dekorative Fremdheit, der man aus Respekt vor der Kreativität einen Park-Platz zur Verfügung stellt.
Etwas, das heute undenkbar geworden ist.

Das Kapitel „Der gemeinsame Weg“ illustriert an fünf Stationen (Am Haydnplatz – Am Scheiterhaufen – Das Frauenhaus – Zur Hinrichtung – Im Integrationshaus) die Passion unserer Gesellschaft. Und führt auf das Kapitel „Abreise und Ankunft“ hin, welches das Programm dieser Publikation ist: acht Schicksale als Sinnbild für das unsichtbare, weil vergessene Innsbruck. Ergreifend, auf die Vergänglichkeit des Lebens hinweisend und – wenn es gestattet ist – dem vielleicht uneingestandenen, unerfüllten Wunsch, von den Leiden, Enttäuschungen, Schmerzen, Einsamkeiten erlöst zu werden.

Ob dieses Buch den Anspruch eines Stadtführers erheben darf, ist – trotz interessanter Details und Hinweise – nicht eindeutig zu beantworten. Aber „das Unsichtbare“ ist allemal lesenswert.

Hans Augustin

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