Rezensionen 2004

Matthias Schönweger, Türe zu.
Bozen: Edition Raetia, 2003.


Es geschehen noch Zeichen und Bücher. Türe zu gehört zu diesen und das Schild „Türe zu“ und der Verfassername auf dem Cover müssen eigentlich nur zusammenhängend gelesen werden: Es ist eine Türe zu Matthias Schönweger. An die 600 Seiten stark, ein kiloschwerer Ziegel, ausgestattet mit allen Farben dieser Welt. Wie in Flügelverleih (Edition Raetia 2000) durchzieht Biographisches den Band, „msch“ und seine Umgebung, „Gott und die Welt in Meran“, wie es im Klappentext heißt, als Kunstprojekt. Flügelverleih schließt mit einem Schild „Ausgang“, von „msch“ ergänzt mit „ungewiss“. Türe zu schließt an diesen Ausgang an, das „Biabl“ auf dem Umschlag will auf einem Stockerl stehend eine Tür öffnen und dem Leser und der Leserin gehen durch das Aufschlagen, Blättern und Lesen laufend Türen, Tore und Portale wie Lichter auf. Das Stockerl dazu stellt „msch“ bereit, als Angebot, Konventionen zu hinterfragen und Möglichkeiten zu entdecken, hinter verbotene oder noch nicht gesehene Türen zu blicken, ob sie nun zum Medium Buch oder zum Medium Sprache führen. Der Maßstab wird durch das Buch der Bücher gesetzt: Türe zu wirkt wie eine pracht- und prunkvolle Bibel, wobei der Titel und das Biabl die Bibel konterkarieren, gewissermaßen auf den Boden holen. Von den philosophischen Grundtugenden Staunen, Zweifel und Neugier geleitet wird ein kindlich unbefangener Blick auf die Dinge hergestellt und ein Katechismus des Alltagslebens gestaltet. Immer wieder tauchen Devotionalien auf, Heiligenbilder, Adam und Eva als Ken und Barbie, Jesus, der die Arche trägt, dazwischen priesterlich „msch“ selbst auf Fotos aus dem Familienalbum und von verschiedenen Kunstaktionen. Als bunte und prächtige Gobelins sind seine Texte eingewoben. Sie sind aus dem Leben, aus der Sprache gegriffene Psalmen und Stoßgebete. „Jesus / stirbt / 33  / Jahre / nach / Christus“ (S. 66). „Ich verspreche bei / allem / was mir / heilig / ist / nichts / ist / mir heilig bei / allem / was ich / verspreche“ (S. 130). „Ich bin wie / geschaffen / für / dieses Leben“ (S. 195).
Die Welt wird als Ready-made ins Buch geholt, einschließlich Leserin und Leser: So ist ein Gästebuch eingebaut (S. 174 ff.), das nicht nur eine Einladung ins Buch ist, sondern auch ein Hinweis darauf, dass man – schon im Buch – dort sehr willkommener Gast ist. Durch die künstlerische Umkontextualisierung ist gar nicht mehr notwendig, es tatsächlich zu beschreiben. In der Serie Einsicht/Aussicht (S. 480 ff.) kann durch Guckfenster, die in die Seiten geschnitten sind, Einsicht in die Welt genommen werden. Die Seite wird so zum Rahmen, in weiterer Folge zum Zeichen, das sich situativ mit denjenigen Bildern füllt, wohin der Leser es gerade wendet. Die große Einsicht wird zum Hinweis, dass sie so groß nicht ist und wenigstens zur guten Aus-Sicht aus Sicht des Lesers und der Leserin.
Die Wörter beim Wort nehmen, den Wörtern auf den Grund gehen – das ist die frohe Botschaft dieses Buches. Schönweger zeigt Seite für Seite auf sehr vergnügliche Weise, was in den Wörtern steckt: Der „Stammhalter“ ist ein Äffchen, das sich an einen Ast klammert (S. 48). Die Wörter „Kürze“ und „Länge“ sind gleich lang (S. 55).
Natürlich kann das Buch wie jedes andere Buch linear von vorne bis hinten gelesen und betrachtet werden, aber es gibt noch mindestens 360.000 weitere Möglichkeiten, das Buch zu lesen und man liest immer richtig.
Auf der letzten Seite findet sich wieder das Schild „Türe zu“, das Biabl aber fehlt. Die Tür wird geschlossen, das Buch wird zugeklappt mit dem Wunsch, dass das Biabl in einem nächsten Band wieder erscheinen und der Sprache viele Streiche spielen möge. Das PS im Impressum (S. 575) lässt diesbezüglich hoffen: „Als Fortsetzung folgt dem Schluss als Schluss der Schluss / zum Schluss / kann gegackert werden / denn wieder ist ein Ei gelegt“. Und dieses Ei aufzuschlagen, sei allen anempfohlen!

Günter Vallaster

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