Rezensionen 2004

Christoph W. Bauer, Fontanalia. Fragmente. 
Innsbruck: Haymon, 2003. [limitierte Auflage mit 499 Stück]

Das Buch wäre schon ein Kunstwerk, wenn auch nichts drinnen stünde. Als bibliophiles Leporello bietet es den adäquaten Untergrund für Christoph W. Bauers poetische Auseinandersetzung mit dem Thema Wasser, besonders der Fassung des Wassers in Brunnen, im Fluss durch die Literaturgeschichte und unter Einfluss bestehender Brunnengedichte. Der gefaltete Papierbogen als Kern erzeugt zum einen beim Blättern eine Art Wellengang, zum anderen liegt das Buch in der Hand wie ein Schiffchen, das den Wogen nachgibt und vom Wellengang getragen wird. Auf beiden Seiten bedruckt, wird das Leporello zum Doppelbuch, das mit zwei identischen Covers versehen ist. Auf der einen Seite wird der Lyrikreigen entfaltet, wird das Paddel gewendet und umblätternd weitergeschlagen, zeigt sich überwiegend in Prosa ein erläuternder Kommentar zum Gedichtzyklus – oder umgekehrt: je nachdem, wie man das Buch zufällig in der Hand hat.
Beginnen wir aber mit der Lyrik: 15 Gedichte umfasst der Zyklus und sie sind mit Zitaten aus Brunnengedichten von der Antike bis in die Neuzeit eingeleitet oder durchsetzt, die dann poetisch reflektiert werden. Programmatisch und ein Paradigma setzend ist gleich das Zitat am Anfang des ersten Gedichtes: „fontanalia a fonte in fontes coronas iaciunt / et puteos coronant“. Es stammt, wie im Prosateil zu erfahren ist, vom römischen Polyhistor Varro und beschreibt die Fontanalia, das römische Fest zu Ehren des Brunnengottes Fontus, bei dem die Brunnen mit Kränzen geschmückt wurden. Ebenso präsentieren sich die 15 Gedichte wie Kränze, die um tiefe Brunnenschächte, im übertragenen Sinne: um die Überlieferung der poetischen Zeugnisse gelegt werden. Durch die versetzte Zeilenanordnung erinnern die Strophen an antike Strophenformen und vermitteln den Eindruck von Kaskaden. Markant sind die in unterschiedlicher Dichte auftretenden Auslassungspunkte. Vexierbildhaft vermitteln sie im Verbund mit den Wörtern einerseits Flüssigkeit, den Lauf des Wassers, das Tröpfeln, Plätschern und Rinnen, andererseits verweisen sie auf Festes, Gefäße, Formen, letztlich die Strophenformen und ihre Sprünge, Brüche und Scherben – Fragmente eben, unterstrichen dadurch, dass die Punkte an keiner Stelle über das exakte Schema des Drei-Vers-Schrittes hinausreichen.
Die Spanne von mehreren tausend Jahren Motivgeschichte wird in den 15 Gedichten fokussiert auf drei Stunden und sechs Melange-Längen (vgl. xiv) in einem „unter altstadtlauben verkrochnen café“ (i und xv), das Meer spiegelt sich sozusagen in einem Tropfen, der von Strophe zu Strophe, von Schale zu Schale weiterrinnt. Wasser und Gefäße prägen die Lexik der Gedichte, beispielsweise: „tassenrand“ (i), „wallend“ (i), „strömt“ (i), „becken“ (ii), „scherben“ (ii), „zungenzerkübelt“ (iv), „zerfliessen“ (v), „becher“ (vi), „gischtwirbel“ (ix), „scherbenhaufen“ (ix), „aschenbechern“ (ix), „schwüregeschäum“ (xi), „brunnenschalen“ (xiv), „schalen“ (xv).
„This one goes out to the one I...”  prangt groß als Motto über dem Titel des Buches, ein Song von R.E.M., und wo nach dem “I” Auslassungspunkte ein Abreißen und eine Lücke signalisieren, folgt im Song: “love”. Das Du im Da spielt in den Gedichten eine entscheidende Rolle – ja die Liebe: Beispielsweise heißt es in iv: „liebe quillt“ oder in v: „mein blick gleitet um dein becken“, in viii erscheint ein „salamander“ und eine „salamandrina“, in xii ist vom „brauchdichgezwitscher“ die Rede. Der Prosateil verrät, dass hinter den Brunnengedichten Minnedichtung steckt, „eine Form von Liebeslyrik“, „Gedichte, die das Unaussprech-“.
Essentiell ist weiters, dass oft das Artikulieren, das Rudern der Zunge im Mund, schließlich die Sprache selbst thematisiert wird und Welt als Sprache auftritt, zum Beispiel in vi: „becher der grammatik“ oder in vii: „mir halswärts hüpft im silbenrauch metaphernrausch“. Die Gedichte präsentieren sich somit als literarische Übersetzung von Sprache und Literatur, als Reflexion, Verarbeitung und Weiterbauen des poetischen Brunnens. Dabei findet Bauer in bewährter Weise immer wieder zu spannungsvollen Wortbildungen wie in vi: „blaupausenduktus“ oder in xii: „sekundenmäander“.
Kehrtwende: Kopfüber weitergeblättert kommen wir zum Buch im Buch bzw. zum Buch über das Buch: Im Prosateil wird der Gedichtzyklus als „Bündel von Papieren, das eine anthrazitfarbene Mappe zusammenhielt“ beschrieben, ein Findling anonymer Verfasserschaft im Studio des Musiker-Freundes Christian Martinek, den er an Christoph W. Bauer weitersandte. Es bildet den Anlass zu einer Recherche-Reise durch die Literaturgeschichte, die unter anderem von Sappho, Catull, Ovid, über Snorri Sturluson, die Trobadore des Mittelalters, Walther von der Vogelweide bis zu Flaubert, Hofmannsthal, Celan und Paz führt.
Hier wird das „ad fontes ire“ sehr deutlich, von der Bibliothek bis zur Buchhandlung wird den Versen auf den Grund gegangen, Hinweise von Freunden werden eingeholt. Leitmotivisch wirken die Fragen: „Ist nicht jeder Text, jedes Gedicht ein Fragment?“ Und an anderer Stelle: „...sind nicht in jedem Gedicht auch die vielen anderen, schon geschriebenen zu lesen?“
Im Gedichtteil wird genau der Moment des Verarbeitens bestehender Gedichte im Dichten gleichsam fotografisch festgehalten, assoziative Gedankenflüsse werden dokumentiert einschließlich der Lücken und Pausen. Verdichtung durch Zurücknahme und semantisches Aufladen, so erfolgt der dichterische Dialog mit den Quellentexten.
Nicht allein Brunnen, die Form ganz allgemein wird schließlich zum Gegenstand des Interesses, hier taucht die lateinamerikanische Dichterin Alejandra Pizarnik (1936 – 1972) auf und ihr Gedicht „Formas“, in dem es heißt: „tal vez oral como una fuente tal vez juglar“, eingeflochten in das Gedicht xi.
Im prosaischen Teil entfaltet Bauer sein poetologisches Programm: „...denn für mich ist Dichtung immer eine Art Fortschreibung und nichts andres als ein Anknüpfen an bereits Geschriebenes, eine Variation und bei aller Ernsthaftigkeit im Umgang mit dieser ein Spiel auch und somit ein Vergnügen“. Vorgeführt wird dies an Hand von acht Seiten Lyrik, die sich auch in diesem Teil finden: Ausgehend von der Trobadorlyrik Guihelms und dem Vers „ein liedchen wollt ich machen rein aus nichts“, wird „in alter Manier“ gereimt und fortgeschrieben, bis im Pastiche plötzlich „abceliche träume“ auftauchen, Kontraste werden erzeugt: „dass dies liedchen in wahrer aufrichtigkeit gesungen / auch noch den letzten eurer zweifel fragmentiert / bis ihr vom selben verlangen wie ich verschlungen“.
Dass das Wasser sein Element ist, zeigte Bauer schon mit dem 2001 bei Haymon erschienenen Lyrikband „die mobilität des wassers müsste man mieten können“ und das darin als Motto enthaltene Zitat von Octavio Paz, „das Gedicht fließt“, gilt auch für „fontanalia.fragmente“. Es könnte weiter variiert werden zu: Sprache fließt. Und der Fluss, in den man steigt, ist nie ganz der gleiche. Das beweisen Bauers Texte im besten, somit poetischen Sinne.

Günter Vallaster