Rezensionen 2004

Markus Köhle, Letternletscho – ein Stabreim-Abcetera.
Klagenfurt: Sisyphus, 2004.


Man argumentiert richtigerweise kaum unlustig, sollte Kein ödes hunde-leben entstehen, wenn Markus Köhle aus dem Lettern-Salat der deutschen Umgangssprache Sprachgebäude zimmert. Ich selbst fühle mich in die Achtziger des vorigen Jahrhunderts zurück versetzt, als mein Lieblingssänger Fabrizio de André, dem bisher italienische Lyrik, aufrichtige Schicksalsbeschreibungen und sarkastische Gesellschaftskritik wichtig waren, plötzlich in den Walzer-Minnesang verfiel, ausschließlich strenge Stabreime produzierte und dazu in einem selbst erfundenen Tirolerisch jodelte. Aber auch Ernst Jandl pocht an die Erinnerungstür, und Markus tut gut daran, wenn er seine Sprachschnipfel nicht nur niederschreibt, sondern auch in die hohle Gasse oder von der Bühne brüllt, wobei ihn improvisierende Trompeter und Saxophonisten inbrünstig begleiten sollten.

Aber auch zum Lesen ist sein im Sisyphus-Verlag erschienenes Werk Letternletscho, ein Stabreim-Abcetera bereits unterhaltsamer als so mancher Kabarett-Abend. Welcher Heini hat in irgendeiner Sprache überhaupt die Buchstaben erfunden? Der Autor des gegenständlichen Kurzbuchs gibt’s ihm ordentlich. Er hat sicher selbst seine Hetz gehabt, Anselms Absichten, Beichtvater Bernhards Begierden oder Unilateraler Umsturz aus der formalen Vorgabe heraus zu komponieren, jedes verwendete Wort mit demselben Buchstaben beginnen zu lassen. Was tun aber bei jenen Lettern, die nicht so viele Wörter hergeben? Er kreiert ein Wort, zerschnipfelt es in seine Buchstaben oder Wortteile und lässt diese wie von selbst die Worte finden wie in China, Quart, Tivoli, Xeno oder Yeti. Tivoli alt und neu übrigens, denn Markus Köhle ist sportlich ganz gut drauf, und so ergibt sich zumindest in den Überschriften so manche Gesellschafts- und Literaturkritik wie Ötztaler Rebellieren und Stadtschreiber stört. Was aber ganz toll ist, die gewürfelten Wörter ergeben immer Geschichten, so wie ein geschütteltes Kaleidoskop Ornamente ergibt. Manche sind zwar nicht so leicht bis zum Ende zu lesen, weil sie auf Dauer quer stehen wie eine Gräte im Hals, andere jedoch rinnen wie wohliger Wein in die Lesekehle und man würde sich gerne weiter einschenken, wenn die Flasche sprich Geschichte nicht schon fertig wäre. Extrem ist dem Markus die DT-Kombination Dany und Danone, aber auch die E-Geschichte Erotikexkret: Entzückende Eichelspiele gelungen. So muss es wohl Ovid gegangen sein, als er zu sprechen anhob und Hexameter seinem Mund entschlüpften. Sogar zwei Dramolette mit den Buchstaben P und V verließen Markus’ Feder bzw. Computer klopfende Finger. Wer will, kann sich auch an den Mathematisierungen der Sprach-Bauteile ergötzen. Herzerfrischend ist auch die Story von Herta Hummel hund Hartmut Hecht, exakt Hohllipppen-Heckflossen-Heckmeck. Schließleich muss man eingestehen, Grenzfurtner ging’s ganz gut, gleichwohl grübelte Grass-Leser Grenzfurtner gelegentlich. Gute Unterhaltung!

Otto Licha