Rezensionen 2004

Annemarie Huber, Alles Liebe.
Bozen: Raetia, 2004.


Eigentlich müsste es heißen: alles Liebe von Annamarie Huber und Thea Blaas, denn während Erstere die Gedichte dieses gut 90 Seiten schlanken Bandes geschrieben hat, stammen von Frau Blaas die Künstlerfotos, die ein wichtiger Bestandteil des Buches sind.
Der Titel ist in jedem Sinne aufzufassen: es wird nicht nur alles Liebe gewünscht (einem anderen und sich selbst), sondern ganz prinzipiell ist hier alles Liebe. Seelische wie körperliche, uneingeschränkt.
Dies drückt bereits das erste Gedicht aus, Sehnsucht, eines der Sinnlichsten, fast so, als wollte die Autorin gleich klarstellen, dass der Leser hier auch mit sehr intimen Dingen konfrontiert wird. Also, entweder nehmen oder gleich zurück ins Regal stellen. Die Sinnlichkeit ist ebenso in den gelungenen Fotos, wie in den Texten das zentrale Thema so mancher Werke: Tigerin, hautnah, Magdalena oder der Kuss, um nur einige zu nennen.
Doch fast jedes Gedicht berührt das Thema Liebe von einer anderen Seite: In Halleluja heißt es: „die Liebe ist oft von kurzer Dauer / und zwischendurch ein Wahn“. Diesen Gedanken spiegeln mehrere Gedichte wieder. Das Gedicht Verliebt ist eine Art Bewusstseinsbekenntnis dieser Tatsache: drei 4-zeilige Strophen sind eine Hymne auf den Wahn des Verliebtseins, der abschließende 3-Zeiler sagt lakonisch: „Herz, beruhige dich / es warten noch viele / Begegnungen auf dich.“
Diese Eigenironie ist häufig anzufinden: Auch in Halleluja heißt es: „ich möchte, ich wollte / was denn auch / ein bisschen Liebe leben / und Verständnis im Aug’.“
Ein „Auf und Ab“ von romantischem Fühlen und realistischer, selbstkritischer Stimme also.
Wenig davon zu spüren ist hingegen im mädchenhaft verliebten warten auf dich. Oder in Ausflug, einem überaus intensiven Gedicht, das das Gefühl vollkommener Glücksmomente durch Aussparen vermittelt.
Gleichzeitig aber ist der ganze Band von einem – oft bitteren – Realismus durchzogen. Dies gilt nicht nur für die Erkenntnis, dass die Liebe immer wieder vom Verstand auf den Boden zurückgeholt wird (z.B. in vorbei: „Der Herzschlag springt / nicht mehr, / der Verstand hat ihn gefasst“), sondern es wird auch erkannt, dass die Natur der Liebe nicht immer das ist, was wir glaubten. Während das Paar im Aufbruch noch keine Ahnung davon hat, hat die Frau im Prinz dies inzwischen einsehen müssen. Und doch ist hier der bittere Realismus einer Person, die nach vielen Ehejahren erkennen muss, dass nichts sich so entwickelt hat wie erträumt, nicht nur Resignation: Auch wenn das Ballkleid des Traumes entsorgt werden kann, haben die beiden Partner doch gemeinsam ein „selbst gestricktes / grobes und oft geflicktes“ Kleid, was im Grunde auch ein Erfolg ist.
Anders ist Vorschlag: Hier endet das romantische Phantasiespiel des Verliebten, der in der Tasche des Geliebten sein möchte, mit der sarkastischen Pointe: „aus dieser Position könntest du / den Lobbysten die Meinung sagen / hinter der Spitze hervorlugen / die Günstlinge beobachten / ihre Spiele durchkreuzen“.
In Möchtegern ist es die Welt der Worte, die den Mittelpunkt bildet: Hier werden Redewendungen („aus dem Rahmen fallen“, „den Rahmen sprengen“) aufgedeckt, auseinander genommen und analysiert. Seltsamerweise beginnt gerade dieses Gedicht mit einem (liebevoll?) tadelnden „du Schlawiner“ – eines der wenigen Beispiele einer umgangssprachlichen Äußerung.
Manche Gedichte zeichnen sich durch einen sehr intimen und warmen Ton aus: Dies gilt zum Beispiel für umschlugen, überschwänglich, Hände wollen zueinander, Zauberwort und teilweise auch für glückliche Stunde. Hier stört nur die Wortkombination „Charme und Esprit“ ein bisschen, denn der ganze Glückston versetzt einen in eine heitere, spielerische Kinderwelt zurück („goldene Pünktchen / tanzen in deiner Iris, entfachen / Licht in meinen Pupillen // Worte erquicken / laben, nähren/ regen an / schlagen Purzelbäume (…)“. Da sind diese beiden Fremdworte fast zu „erwachsen“.
Absolut gelungen hingegen ist Nacht in Venedig – die gesamte Geschichte von Casanova und der Contessa in 20 Versen: kaum ein anderes Werk, egal wie kurz oder lang, hat dieselbe Atmosphäre der verbotenen Liebe und der Stadt Venedig im Hintergrund so treffend gezeichnet.
Die Gedichte sind in 6+1 Abschnitte unterteilt. Während die ersten sechs Gruppierungen alle mehr oder weniger einen verwandten Ton aufweisen, der zwar mal sinnlich, mal resigniert, mal innig, mal trauernd sein kann, aber immer von ein und der selben Handschrift geschrieben ist, ist die letzte Gruppe aus nur drei Gedichten ganz anders.
Besonders das erste Gedicht („Ohne Titel“) erschreckt, wühlt auf. Es geht hierbei um die Vergewaltigung einer Frau in Bosnien/Serbien. Was am meisten berührt, ist der Versuch der Gehetzten, sich selbst durch andere Dinge (Kornfelder, Vogelgesang, Bienensummen) abzulenken und sich vorzusagen „es dauert nicht lange“. Gleichzeitig aber dringen Dinge wie das gerippte Unterleibchen, der Schweiß und die Leibesfülle des Mannes vordergründig in die Sinne ein. Das weiche, nach der warmen Kindheit klingende Wort Unterleibchen (anstatt des neutralen Wortes Unterhemd) macht klar, dass die Vergewaltigung nicht nur den Frauenschoß, sondern die gesamte Seele (be)trifft – inklusive ihres intimsten, gegenwärtigen, vergangenen und zukünftigen Umfeldes.
Obwohl die beiden nachfolgenden Gedichte einen anderen Inhalt aufweisen, sind auch sie Gedichte einer Frau, die das Gefühl hat, nicht in die Gesellschaft, in der sie lebt, hineinzupassen.
Nicht umsonst ist das „nackteste“, zerbrechlichste Foto das, das diesen Teil einleitet: ein gebogener Frauenrücken, mager, Muttermale.
Das Buch ist sowohl vom Inhalt als auch von der reinen Sprache her eine kleine Perle. Wir dürfen uns hoffentlich auf mehr von Annemarie Huber freuen.

Marlene Kuppelwieser