Rezensionen 2002

Martin Pichler, Lunaspina.
Roman.
Innsbruck: Skarabaeus, 2001, 260 Seiten.

Ein aufregendes Debüt. Eine aufregende Familiengeschichte aus Südtirol.
Die Geschichte einer Mutter, die sorgsam die ihr immer schon vertraute, ihr liebgewordene Ordnung hütet und gerade mit dieser ihr eigenen Beharrlichkeit sich selbst in eine mehr und mehr bedrohliche Situation hineintreibt. Die Geschichte eines Vaters, der sich in einer ungemein engen Welt, in einer eng begrenzten Gedankenwelt behaglich einrichtet, indessen, sobald es darauf ankommt, die Grenzen dieser Welt resolut öffnet und überschreitet. Die Geschichte schließlich eines Sohnes, der sich von der ihm viel zu kleinen Welt der Eltern löst, mehr und mehr entfernt und ihr zugleich doch immer nahe bleibt. Eine verwickelte, vertrackte Familiengeschichte, weil sie jede Eindeutigkeit in dem spannungsgeladenen Dreiecksverhältnis von Vater-Mutter-Kind meidet, weil sie das gute alte Schwarz-Weiß, das vor allem Vater-Romane gerne auszeichnet, einfach über Bord wirft und weil sie die Beziehungen zwischen den Figuren als permanent sich ändernde, als veränderbare Beziehungen sichtbar und durchschaubar macht.
Aufregend ist schon die Figurenkonstellation dieses Romans. Allen autobiographischen Bezugnahmen zum Trotz, die in dieser Konstellation aufgeschrieben und aufgehoben sind, unverkennbar ein Konstrukt, das an eine stattliche Reihe bekannter Vater-Geschichten erinnert, von Kafka bis Innerhofer, Schutting, Hotschnig und Josef Winkler, und sich doch wieder absetzt, entschieden abhebt von dieser Reihe, und zwar keineswegs nur, weil es der Mutter gewidmet ist, vielmehr weil es alle Orientierungsmuster, die sich auf das Fest-Stellen, das Fest-Schreiben familiärer Beziehungen konzentrieren, hartnäckig untergräbt.
Aufregend ist die Handlung. Was immer sich in dem hier dargestellten privaten Kosmos zuträgt, was immer Magda Stofner, der ersten Hauptfigur dieses Romans, auch zustößt, es bringt nicht nur ihre eigene Weltordnung gehörig durcheinander, es rührt weit darüber hinaus an alle Tabus, die in ihrem sozialen Umfeld noch scheinbar unumstößlich fest verankert sind. Kein Wunder demnach, daß es ihr schwer fällt, beinahe unmöglich ist, über jene Erfahrungen zu sprechen, die sie am allermeisten quälen: die Krankheit, die ihren Körper zerstört, das Auseinanderklaffen der erträumten und der erlebten Welt, mit dem vor allem ihr Mann kaum mehr zu Rande kommt, und schließlich, als wäre das alles nicht genug, die immer deutlicher zutage tretenden homosexuellen Neigungen ihres Sohnes. - Dieser, Michael, die andere Hauptfigur des Romans, versucht alles, was in seiner Macht steht, um sich aus den Fesseln der brüchigen Ordnung der Welt seiner Eltern, seiner ohnmächtigen Eltern zu befreien. Wo sie es sich angewöhnt haben wegzuschauen, dort schaut er hin. Wo sie es sich angewöhnt haben zu schweigen, dort beginnt er, voll darauf vertrauend, Wörter würden alles ihm erschließen, zu reden. Wo sie es sich angewöhnt haben sich einzusperren, dort zerreißt er die auch für ihn wie selbstverständlich vorgesehenen Ketten der kulturellen, der religiösen, der sexuellen Sozialisation.
Aufregend ist die Handlungsführung. Auch sie folgt, wie die Zeichnung der Figurenkonstellation, in keiner Passage dem Muster des konventionellen autobiographischen Erzählens, noch weniger den Schienen der dokumentarischen Literatur. Fiktion ist nämlich für den Erzähler alles andere als Schein, Täuschung, Lüge. Fiktion ist ihm ein Raum, in dem er Alternativen durchspielt, die zu erleben die Realität ihm oft genug verwehrt. Demnach nimmt er wohl zahllose Erinnerungsfragmente auf; aber im Akt des Schreibens führt er sie weiter, weit über den Erfahrungshorizont hinaus und hinein in erfundene Welten, um von dort her das Verlogene und das Falsche der realen Welt scharf auszuleuchten. Ganz konsequent kommt der Roman dann auch nicht ohne weiteres an ein Ende. Der erste Schluß wird revidiert und durch einen zweiten, radikal anderen Schluß ersetzt.
Aufregend ist es schließlich zu verfolgen, wie der Erzähler zu seiner Sprache findet. Wie sich insbesondere das Aufdecken des seit jeher Tabuisierten, namentlich der Homosexualität, in einer Sprache äußert, die von der vorsichtigen Umschreibung, von auffallend kurzen oder auch auffallend weitläufigen Sätzen, von poetisch aufgeladenen und überladenen oder gar ausgeliehenen, nämlich übersetzten Wörtern sich weiterentwickelt zu einer selbstbewußten, nichts mehr verhüllenden, nichts mehr verdrehenden, nichts mehr kaschierenden Schrift. Der Titel des Romans deutet das schon an.
Martin Pichler, das ist hier einzuflechten, hat Germanistik und Religionspädagogik, später dazu auch Romanistik studiert, und zwar in Innsbruck, und er hat daneben, seit 1994, in Südtirol an verschiedenen Mittelschulen immer wieder auch schon unterrichtet. In seiner Diplomarbeit über Josef Winkler, "Die Neu-Schrift der eigenen Biographie" (Oktober 2000), einer Arbeit, die es ebenfalls verdienen würde, möglichst bald gedruckt zu werden, vermittelt er nicht nur eine dichte, die dichteste Analyse der großen Trilogie "Das wilde Kärnten", sondern mittelbar auch einen Kommentar zu seinem eigenen dichterischen Werk, zu "Lunaspina".
"Lunaspina" gehört tatsächlich in die erste Reihe der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, in jenes Regal, auf dem schon Winklers Bücher stehen. Denn dieser Roman knüpft an die von Winkler fortgeführte Tradition, über Themen zu sprechen, über die nicht gesprochen werden soll, in vielem an, ohne dabei allerdings jemals Gefahr zu laufen, ins Epigonale abzurutschen. Ganz im Gegenteil: Pichler präsentiert eine unverwechselbare, eine ganz eigene Handschrift, eine Schrift, als deren aufregendstes Charakteristikum wohl die Imaginationskraft des Erzählers gelten darf. Eine Imaginationskraft, die grundsätzlich zu ihr sympathischen Perspektiven ohne weiteres auch einmal auf Distanz geht und gleichzeitig ihr eher fremden Perspektiven, auch fremd gewordenen Perspektiven nicht selten wieder ganze nahe kommen kann. Allein der letzte Satz dieses Roman bietet dafür ein anschauliches Beispiel; es ist überhaupt einer der schönsten Schlußsätze der zeitgenössischen Literatur.

Johann Holzner