Rezension 2011

primär & sekundär

Andreas Erb (Hg.): HändlKlaus: Auf Umwegen
Duisburg-Essen: Universitätsverlag Rhein-Ruhr 2011

 

Die Herausgabe von Büchern, die sowohl Primär- als auch Sekundärtexte enthalten, ist meist nicht ganz unproblematisch, finden solche Publikationen doch nicht ohne weiteres das „richtige“ Leserpublikum. Die einen wollen nur belletristische Texte lesen. Andere befassen sich beruflich mit Literatur, sie suchen nach dem für die eigene Arbeit passenden „Stoff“, ihnen ist ein literarisch-essayistischer Band womöglich zu wenig stringent. Auch bei dem hier zu besprechenden Buch stellt sich die Frage: Für wen ist es gedacht? Werden Händl-Leser, Händl-Kenner oder allgemein an neuer Dramatik Interessierte angesprochen – und ist es überhaupt das Drama, das Bühnenstück, das in diesem Band im Vordergrund steht oder geht es ganz allgemein um ungewöhnliche literarische Verfahrensweisen, exemplarisch vorgeführt anhand eines sprachreflektierenden Autors? Der Tiroler Händl Klaus ist zwar vorwiegend als Dramatiker bekannt geworden, schreibt aber auch Prosa, die ihrerseits etwas mit Lyrik zu tun hat, außerdem verhält er sich auch in seinen Stücken nicht herkömmlich dramatisch…

Wie auch immer: Der im Universitätsverlag Rhein-Ruhr erschienene Band würdigt ganz einfach einen Autor, er würdigt Händl als „Poet in residence“ an der Universität Duisburg-Essen im WS 2009/10 und als Träger des „Kunstsalon-Autorenpreises 2011 für das Schauspiel Köln“, er tut dies anhand von Händl-Texten wie auch anhand von acht Essays und einer Laudatio. Das ist so nachvollziehbar wie legitim, die Frage nach dem Zielpublikum mag zweitrangig gewesen sein. Trotzdem: Will man ganz einfach Händls Schreibweise kennen lernen, wird man wohl enttäuscht sein – nicht eigentlich von den Texten selbst, obwohl diese nur in Ausschnitten gedruckt sind, die Bühnenstücke zumal, daneben finden sich noch einige bisher unveröffentlichte Prosatexte. Enttäuscht ist man wohl aber vom Stellenwert, der den Primär-Texten in dem Buch unausgesprochen zukommt: Sie wirken wie „Proben“ aus der Werkstatt, wie Beispieltexte, und das ist eigentlich schade.

Als Literaturwissenschaftlerin durchforstet man jedoch mit Interesse die im zweiten und etwas umfangreicheren Teil gereihten Essays über Händls Literatur, verfasst von Theater- und Universitätsleuten. Mag man Händls Prosa und Dramatik, so liest man gespannt nach, was andere davon halten und wie sie ihre Einschätzungen begründen. Man lässt sich gern von den dargebotenen Textauslegungen, von Thesen und interpretatorischen Ergebnissen wie auch von literaturwissenschaftlichen Thesen anregen, bringt das Gelesene in Verbindung mit bereits gefassten Eindrücken und freut sich über die eine oder andere neue Sichtweise. Interessante Einblicke ergeben sich bereits dann, wenn die Literaturwissenschaftlerin einige Tage lang den Band auf dem Nachtkasten liegen hat und jeweils vor dem Einschlafen ein wenig darin liest.

Wirklich Feuer fangen wird man aber wohl erst dann, wenn man zielgerichtet nach diesem Buch greift, etwa weil man als Literaturforscher gerade an einem verwandten Thema, über einen vergleichbaren Autor oder eine ähnlich gelagerte literarische Situation arbeitet. Vor allem, wenn man sich textkritisch und ganz konkret mit Händl Klaus beschäftigt, wird  man sehr angetan sein. In einem solchen Fall ist die Lektüre des Bandes Auf Umwegen unbedingt zu empfehlen: Die Essays zeigen, dass ein Diskurs über Texte und deren Ästhetik, dass also Literaturwissenschaft angenehm ungezwungen betrieben werden kann und ohne allzu viel hochgestochene Diktion auskommt, ohne dabei ins Seichte abzurutschen. Die publizierten Essays – besonders erwähnt sei jener des Herausgebers Andreas Erb und ein Aufsatz über Händls Poetik von Fabian Lettow – zeugen in Summe von beachtlicher Kompetenz und vor allem auch von Zuneigung für den Autor und seine Texte. Es sind Essays, die der Eigenart, dem nicht leicht zu Fassenden, Bruchstückhaften und Zerfallenden (siehe Prolog von Händl Klaus), zugleich scheinbar Unbekümmerten, darin aber durchaus Heimtückischen  (siehe Andreas Erb, S. 78) in Händls Schreiben gerecht werden. Abgesehen von seinen Qualitäten steht der Band aus Duisburg ohnehin ziemlich einzigartig da, literatur- und theaterwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Händl sind bislang nicht eben zahlreich und insofern steht das Buch am Anfang einer längeren Entwicklung, in der hoffentlich viele weitere literaturwissenschaftliche Auseinandersetzungen folgen werden.

Denn Händls Poetik ist für die Gegenwart relevant und wird dies wohl bis auf Weiteres auch bleiben: „Dramenpoetik – in meinem Fall ist das Zerfall, mir zerfällt alles, und am Ende ist es ‚in sich zerfallen‘, und das ist auch schon alles. Ich muß dauernd Umwege gehen, weil mir, wovon ich ausgehe, als ginge einem die Sonne auf – so sonnenklar, so stark steht es doch vor mir –, zerfällt, sobald ich es hinsetzen will.“ Er, so Händl, gehe Umwege und umkreise nur, er mache eine Art Gipsabdruck, den Schauspieler und Regisseur aufsprengten, und ihm sei schließlich, „als hätte sich das Eigentliche doch noch sagen oder sonstwie mitteilen lassen…“ (Prolog).

Eine ähnliche Arbeit, wie sie die Theaterleute, die Händls Texte aufsprengen müssen, leisten, haben auch die Literaturwissenschaftler auf sich zu nehmen, auch sie müssen diese Texte erst aufschlüsseln. Und letztlich gilt dasselbe auch für alle anderen Leser (und Theaterbesucher), denn Händl bedient auch sie nicht mit Bekanntem oder Gewohntem, er überrascht, er irritiert, er bleibt stets sperrig, oftmals rätselhaft und in jedem Fall absolut offen. Andreas Erb formuliert es treffend: „Händl Klaus lesen heißt, beunruhigt sein.“

Im Kern der Sache treffen sich also alle Rezipienten ­– Wissenschaftler, Leser und Theatermenschen – auf einer Ebene. Womit die eingangs gestellten Fragen nach dem Zielpublikum eines solchen Bandes vielleicht doch überflüssig sind…

Erika Wimmer

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