Rezension 2011

C. H. Huber, die poesie der waschstraße. Gedichte
Skarabaeus Verlag 2011 

anderswie, so lautet das erste der sechs Teilkapitel von C. H. Hubers neuem Gedichtband die poesie der waschstraße. anderswie – auf verschiedene Weise streift C. H. Hubers Blick durch ihre Umgebung, durch den Tag, durch die Zeit, in der wir leben.
Die Gedichte sind rechtsbündig platziert, die Titel sind, wie auch im letzten Gedichtband von C. H. Huber, unter die Gedichte gesetzt. In den „Untertiteln“ kann man vielleicht das fehlende Puzzlestück finden, das einem bei der Erschließung des Gedichts helfen kann (wie z.B. bei orgelprobe, S. 11). Nicht immer gelingt das Spiel der Autorin, beispielsweise, wenn sich die nachgestellten Titel wie Zusammenfassungen der Gedichte lesen und den – im vorhergehenden Text aufgebauten – Fluss der Worte stören. Durchaus gelungen zeigt sich diese Form aber beispielsweise im Gedicht weitersagen (S. 36), in dem der unten angeführte Titel eine ironische Wendung des Gelesenen herbeiruft, da es zunächst im Text darum geht, etwas eben nicht weitersagen zu wollen.
In ihrer Lyrik zeigt sich C. H. Huber immer wieder als genaue Spracharbeiterin. Sie spürt den Worten nach, zerlegt sie, arbeitet mit Zeilensprüngen und bringt auf diese Weise ihre Gedichte in eine passende Form. Das Gedicht aushäusig kann als Beispiel für ein gelungenes Zusammenspiel von Form, Sprache und Inhalt gesehen werden: Es stellt den im Gedicht erwähnten Vogelschwarm auch formal dar.
Will man C. H. Hubers Gedichte einordnen, so kommt man vielleicht auf die Begriffe Alltagslyrik, Naturlyrik oder Gedankenlyrik. Mit C. H. Hubers Gedichten kann man buchstäblich in den Tag hinein leben: hundstag, fabelhafter tag, sautage, diagnosetag oder indian summer´s day, so untertitelt die Autorin.
Es sind Momentaufnahmen der Natur (häufig die Übergangszeiten, in denen man z.B. den Sommer noch erahnen kann, bevor es Herbst wird), Stimmungen und Gemütszustände die C. H. Huber in diesen Gedichten einfängt. Der/die Leser/in begleitet ein sich immer wieder infrage stellendes lyrisches Ich oder ein lyrisches Wir, das sich meist über Infinitivkonstruktionen äußert. Es geht um das Gefühl, sich vielleicht doch im falschen Leben zu befinden, oder um den Wunsch, etwas an sich zu ändern, wenn man eben nur wüsste wie.

manchmal perlen
unter säue werfen
ohne möglichkeit
das zu ändern in
bezug auf sich selbst
und die verbleibende zeit
[…]
sautage (S. 10)

Vielleicht steckt hier auch ein bewusstes Innehalten dahinter, ein Bilanz Ziehen und Nachdenken über die verbleibende zeit (S. 10). Aber es ist nicht ausschließlich ein Reflektieren, dem C. H. Huber in ihren Gedichten nachgeht, es ist auch ein Zelebrieren der freudigen Momente im Leben, wie die letzten Sonnenstrahlen im Herbst oder das Gefühl, einfach nur den Wellen des griechischen Meeres zu lauschen.
Ihrer zweiten Heimat Griechenland widmet sich die Autorin auch in diesem Band wieder ausführlich, und zwar unter dem Teilkapitel anderswo. Da folgt C. H. Huber mit ihrer Sprache der Brandung oder findet Metaphern für die schäumenden Wellen:

[…] blaue pferde
mit weißen mähnen

galoppieren zum strand
verlieren sich

linaria/kalymnos I (S. 20)

In diesen Gedichten kann man sich einerseits von pinienduft (S. 20) umfangen oder von Frühlingsstürmen treiben lassen andererseits gibt es aber auch den kritischen Blick auf den Urlaubsort, der für gestrandete Flüchtlinge zum Albtraum werden kann (afrikanischer regen oder lentas XV, S. 29).
In den Kapiteln die späte oder in ständiger begleiter macht sich wiederum jene Ernüchterung breit, wie man sie schon aus dem ersten Kapitel kennt. Hier kommt man dem lyrischen Ich näher, Personalpronomen werden eingesetzt.

[…]
auch du
an vielen tagen
gekühlt
an freundschaft
getröstet
geklammert
[…]
diese eine (S. 33)

C. H. Huber begibt sich auf die Spuren der Angst, sei es jener vor dem Alleinsein, vor dem Älterwerden oder jener nie wirklich wegzudenkenden vor dem Tod. Zur Überwindung der Angst bietet die Autorin eine Zwischenlösung an, die Melancholie. In die ergeht sich das lyrische Ich, wenn es eine späte Liebe erfährt, auf die es nicht weiß wie reagieren.
Liebe und Sehnsucht – auch das sind Themen in C. H. Hubers Gedichten; besonders stimmig umgesetzt im Gedicht ufos (S. 37):

jedes mal verliert ihr
euch ein stück an die abwesenheit
an deine und seine welten
dabei wart ihr euch so nah gewesen
geöffnet waren euren
raumschiffen rampen zum flug
auf bewohnbare planeten
wo werdet ihr nun wieder landen
ufos ihr zwei

ufos

Untrennbar mit C. H. Hubers Gedichten verbunden ist ein Augenzwinkern oder ein Aufblitzen der Ironie. Dem Tod, dem ständigen begleiter (S. 75) hat die Autorin Lebenslust und vor allem Humor entgegenzusetzen. Wenn die Lyrikerin von den großen Fragen ablässt, entstehen Gedichte von besonderer Unbeschwertheit, wie z.B. im titelgebenden Gedicht poesie der waschstraße (S. 47) nachzulesen, in dem der schaum/feuchte Weg der rotierenden Bürsten der Waschanlage poetisch in Szene gesetzt wird.
Die Natur – ein immer wiederkehrendes Thema in C. H. Hubers Lyrik; der Abschnitt mit munde, in dem die Hohe Munde, ein Berg am Ostende der Mieminger Kette in Tirol, aus verschiedenen Blickwinkeln beschrieben wird, unterscheidet sich von den übrigen Naturgedichten, in denen die Veränderungen z.B. der Jahreszeiten in subtilen Bildern dargestellt werden. Die Bilder der Munde-Gedichte hingegen erscheinen manchmal sehr massiv, der gewohnt reflexive Blick der Beobachterin verliert sich.
fehlende spielanleitung (S. 3), so lautet das erste Gedicht des Bandes. Um C. H. Hubers Gedichten nachzugehen kann man auf eine Spielanleitung gerne verzichten. Folgt man nämlich ihrem Spiel der Worte, dem Fluss und der Bewegung ihrer Gedichte, fühlt man sich mitgenommen und aufgehoben. C. H. Huber legt einen abwechslungsreichen Band vor, der die Balance hält zwischen Leichtigkeit und Schwere und in den man sich immer wieder neu vertiefen kann.

Mag. Gabriele Wild, geb. 1982
Studium der Germanistik, 2007-2009 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut f. Germanistik in Innsbruck, seit 2010 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Brenner Archiv und im Literaturhaus am Inn (Programm-Assistenz)

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