Rezension 2011

Bernhard Aichner, Für immer tot. Ein Max-Broll-Krimi
Innsbruck-Wien: Haymon Verlag, 2011, 238 S.

In siebenundzwanzig Kapiteln gliedert Bernhard Aichner seinen zweiten Max-Broll-Krimi. Der Totengräber Max, der nach dem Tod seines Vaters dessen Geschäft übernommen hat,  und sein Freund, der ehemalige Fußballstar Baroni kämpfen sich nach der Entführung von Max’ Stiefmutter Tilda näher und näher an den Täter heran. Tilda, die selbst bei der Polizei arbeitet, wird von ihrem Peiniger nur mit einem Handy ausgestattet in einer Kiste an unbekanntem Ort vergraben. Als Täter identifiziert sie übers Telefon einen Arzt. Leopold Wagner soll bei künstlichen Befruchtungen sein eigenes Sperma verwendet und seine Frau getötet haben, als diese ihn verraten wollte. Diesen Mann hat Tilda Broll vor Jahren ins Gefängnis gebracht. Obwohl der Autor den Leser von Anfang an darüber im Klaren lässt, wer der Täter ist, gilt es das Rätsel zu lösen, wie er es angestellt hat – er sitzt seit achtzehn Jahren im Gefängnis – und wo sein Opfer zu finden ist.
Max, der schon seine Mutter und seinen Vater verloren hat, will nicht auch noch seine Stiefmutter verlieren. Verzweifelt schlägt er um sich. Er führt einen Kampf, einen Kampf mit Fäusten und Foltermethoden, mit Schweiß und Blut. Aichner schreibt keinen Krimi für Zartbesaitete. Die Ruhe, die man gerne mit Friedhöfen in Verbindung bringt, bleibt aus. Die Suche nach der Vergrabenen zieht sich hin, Max scheut unter der Mithilfe von Baroni nicht vor illegalen Methoden zurück, um dem im Gefängnis sitzenden Wagner dazu zu bringen, ihm den Ort zu verraten, wo Tilda vergraben liegt. Wagner rächt sich dafür und Max steht vor der Leiche seiner Freundin Hanni. Ab diesem Zeitpunkt schlägt Max‘ Aggressivität in Wahnsinn um. Er schlägt um sich, mit Fäusten und Worten.

Max spricht den Namen aus. Wagner. Er sagt der Welt, wer für diese Verbrechen verantwortlich ist. Leopold Wagner.
Mörder, sagt er. Geisteskranker Häftling. Impotenter Scheißkerl.
Max schlägt um sich. Es fallen Worte, von denen Max weiß, dass sie ihn treffen, dass sie ihn aufscheuchen, ihn zu ihm treiben. Unmännlich. Unfähig, Kinder zu zeugen. Größenwahn, Feigling, Schwächling. Max provoziert ihn, beleidigt ihn, kränkt ihn, verletzt seinen Stolz. Er spricht von den unzähligen Kindern, die das Glück haben, ihren Vater nicht zu kennen, er schaut in die Kameras und pinkelt in Wagners Gesicht. Mit Anlauf wirft er sich gegen ihn, reißt ihn um, egal wo er sich versteckt, wo er sich verkrochen hat. Egal was kommt. (S. 161-162)

Aichners zweiten Broll-Krimi könnte man zum ‚roman noir’ zählen, die Trennung zwischen Gut und Böse ist nicht so deutlich wie in klassisch geschnittenen Krimis. Max, der Held, scheut nicht davor zurück, Gewalt anzuwenden. Über rechtliche und humane Grenzen setzt er sich hinweg.

Ein Gegenpol zu dieser hartgesottenen Männerwelt, in der Alkohol in Strömen fließt und Fäuste fliegen, ist die Liebe zur Stiefmutter und vor allem die Liebe zu seiner Freundin Hanni. Kapitel ‚Zweiundzwanzig‘, das einzige, das aus der fortschreitenden Handlung fällt und eine Rückblende auf eine gemeinsame Italienreise mit Hanni beschreibt, ist der Liebe gewidmet. In den Momenten, wo der Held Max den Frauen in seinem Leben nahe ist, ändert sich auch die Sprache. Sie wird rhythmischer und erinnert mehr an die Romane Nur Blau oder Schnee kommt.

Nebeneinander saßen sie an der Theke. Sie küssten sich. Er nahm ihre Wangen und hielt sie, ihr Mund kam auf seinem an. Es war besser als alles sonst. Die Sekunden mit ihr, die Minuten, Stunden, die Tage, er wollte Jahre mit ihr. Mit ihr zusammen sein. Aufwachen, einschlafen, sie halten. (S. 188)

An manchen Stellen häuft Aichner eine seiner sprachlichen Lieblingsfiguren so, dass man als Leser ungeduldig wird. – Wie, wie, immer nur wie.

Immer wenn er die Augen aufmacht. Egal wo er hinschaut. Aus dem Fenster, die Menschen am Friedhof, am Kirchplatz. Wie alles unendlich weh tut. Was er sieht, was er nicht mehr sieht. Ihre Zahnbürste im Bad, ihr Bademantel, alles von ihr. Wie die Tage beginnen. Wie sie aufhören. Wie Baroni ihn zurückholen will und es nicht kann. (S. 233)

Für immer tot entwickelt einen Sog, den ein guter Krimi haben muss. Die Frage ist nur, wie viel von dem schnell gelesenen, vielleicht auch schnell geschriebenen ‚Hau-drauf-Text‘ haften bleibt?

Barbara Hoiß

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