Rezension 2011

Sabine Gruber, Stillbach oder Die Sehnsucht
München: C. H. Beck Verlag 2011

Non gridate piú / Schreit nicht mehr

Eine Frau entdeckt in der Wohnung ihrer plötzlich verstorbenen Freundin Ines ein Roman-Manuskript, das die Geschichte eines ehemaligen Südtiroler Dienstmädchens in Italien, später durch Heirat Chefin eines römischen Hotels geworden, erzählt und zugleich im Rom des Jahres 1978, dem Jahr der Entführung und Ermordung Aldo Moros, spielt. Die Frau, Clara Burger, selbst auch Autorin, soll die Hinterlassenschaft ihrer Freundin regeln, sie trifft dabei Paul, der die Tote gekannt hat: Mit ihm, dem Zeithistoriker, teilt sie das Interesse für die politische Gegenwart, für Faschismus und NS-Zeit in Italien, mit ihm lässt sie eine in die Sackgasse geratene Ehe zurück, um – vielleicht – eine neue Liebe zu beginnen.

Zwei ineinander verzahnte, jedoch parallel erzählte Geschichten werden allmählich entfaltet. Ein Netz von Bezügen und Beziehungen wird gewoben, Spannung aufgebaut und wieder gebrochen. Konventionell erzählt, doch da und dort ungemein poetisch, aufgeladen mit zahlreichen zeithistorischen Informationen wird in diesem Roman von Faschismus und Verbrechen, von Verrat und Liebe, vom Leiden an den Bedingungen und vom Besonderen im ganz normalen Leben erzählt. Jede Figur erhält ihre spezifische Schattierung, von der Autorin sensibel aufgespürt und präzise komponiert, sodass der stark zeithistorisch angelegte Roman doch in erster Linie menschliche Schicksale aufwirft – sie allerdings konsequent im Licht der historischen Ereignisse deutet. Die Autorin hat in römischen Archiven, in der Presse von damals, im Gespräch mit Zeitzeugen genau recherchiert, um ein Stück Geschichte auch ganz präzise erzählen zu können. Stillbach, ein fiktiver Ort in Südtirol, wahrscheinlich im Burggrafenamt, gerinnt dabei zur Metapher für Widersprüche, zu einem Ort also, den man gern hinter sich lässt, mit dem man sich aber dennoch zeitlebens auseinandersetzt, nach dem man sich letztlich sehnt.

Die Grundstruktur des Romans, das erzählte Manuskript einer anderen Person, die Aufarbeitung nach einem rätselhaft bleibenden Tod, das Erinnern und langsame Enthüllen, ist klassisch, jedenfalls hat man solche Sujets schon kennen gelernt. Doch es gelingt Sabine Gruber, die ausgelegten Schablonen mit Leben zu füllen, einem Leben, das nach Wirklichkeit schmeckt, überzeugend ist und doch neue Sichtweisen auf schon Gehörtes anbietet. Die Figuren sind spannend, sensibel und mehrschichtig, gezeichnet, besonders Paul, aber auch Nebenfiguren wie die Köchin des Hotel Manente, eine Faschistin, oder ein italienisches Dienstmädchen, das aus den urbanen Randgebieten stammt und in den späten 1970ern der gewaltbereiten Linken in  Italien angehört. Der Hauptfigur Emma Manente, das zur Hoteliersgattin und Chefin gewachsene Dienstmädchen aus Stillbach, glaubt man nicht immer die breiten Reflexionen über historische Ereignisse, ihr Nachdenken ist wohl eher eine literarische Strategie, damit diese Ereignisse erzählt werden und die Leser erreichen können. Emma bleibt über weite Strecken merkwürdig blass. Doch am Ende, als Clara Burger das Manuskript ihrer Freundin Ines an der Wirklichkeit überprüft und die real existente Frau im römischen Altersheim besucht, wird plötzlich etwas lebendig, entsteht mit einem Mal ein scharfes Charakterbild dieser Frau: Sie eine starke, selbstbewusste und interessante Person, deren altersbedingte Schrulligkeit zu berühren vermag. Die Begegnung zwischen Emma und Clara ist kurz, jedoch meisterhaft erzählt. Und so gibt es in dem Buch viele Passagen, die nicht nur Sabine Grubers politisches Engagement erkennen lassen, sondern sie auch als großartige Erzählerin ausweisen.

Stillbach oder Die Sehrnsucht ist ein Buch, das man mit Vergnügen liest und das einem dennoch, zumal als Tiroler oder Südtirolerin, zahlreiche Facetten der eigenen Geschichte oder Landesidentität eröffnet, ja begreifbar macht. Mit diesem detailreichen und poetischen Roman könnte Sabine Gruber Joseph Zoderer die Rolle des ‚Südtiroler Platzhirschen‘ in der deutschsprachigen literarischen Szene abspenstig machen. Das voran gestellte Gedicht von Giuseppe Ungaretti Non gridate piú, dargeboten im Original wie auch in einer Übersetzung von Ingeborg Bachmann, verweist zudem auf eine literarische Tradition, der sich die Autorin offenbar verpflichtet fühlt: zu Recht.

Erika Wimmer

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