Rezension 2011

C. W. Bauer, mein lieben mein hassen mein mittendrin du
Innsbruck-Wien: Haymon Verlag, 2011

Mein lieben mein hassen mein mittendrin du markiert eine erstaunliche Wende in C. W. Bauers poetischer Entwicklung.

Die lyrische Begabung des Autors überzeugte von Anfang an, seine stilistische Sicherheit, seine unübersehbare Freude an sprachexperimentellen Kapriolen (und Brüchen) waren sein Markenzeichen. Und doch umfing seine Verse bisher eine eigentümlich ambivalente Aura: zum einen ist es unmöglich, sich dem Sprachsog der Bauerschen Verse zu entziehen. Er ist die poetische Folge einer inneren Unruhe (1000 Wahrnehmungen in 4 Versen), einer unüberhörbaren (sich lässig gebenden) Musikalität und einer ziemlich verspielten formalen Virtuosität. Zum anderen halten die Verse die Lesenden auf Distanz, vermeiden (wo immer es geht) logische Zusammenhänge, machen sich Anleihen bei der literarischen Tradition und der Popmusik, um sie sofort so gründlich zu verfremden, dass eine Identifikation, auch nur ein intellektuelles Nachvollziehen (also ein erleichtertes Innehalten) unmöglich werden (fast). Zum dritten gibt es plötzliche Augenblicke intensiver Emotionalität, doch so zart und scheu, dass man sie fast überliest. Passiert Letzteres, so scheinen die Verse selbst zu erschrecken, der Zauber zieht sich sofort zurück, verschwindet im nächsten Vers hinter sprachlichen Verrätselungen und einer überbordenden Gelehrsamkeit. Nichts war eindeutig gewesen bisher: die Liebe in fontanalia ist ein überaus virtuoses Vexierspiel mit ironischen Herzensverneigungen à la Troubadour einerseits und einer plötzlichen Innigkeit andererseits, deren Verhaltenheit und sprachliche Noblesse berühren. Welchem Aspekt ist mehr zu glauben? Es ist dem Autor ein spürbares Anliegen, dies auf keinen Fall zu verraten. In supersonic wiederum zog Bauer, um sich dem Thema Tod und Schmerz zu nähern, buchstäblich die gesamte literarische Tradition zu Rate (und mehrere Fremdsprachen gleich dazu inklusive Latein), nahm sich (wo immer er sie finden konnte) Bilder, Metaphern, Wortklänge, um das Hinabstürzen der Zeit, das Hineinrasen in das schwarze Loch, sprachlich zu umkreisen. Doch auch hier erwischt die Lesenden ein plötzlicher intensiver Schmerz, hinter aller Gelehrsamkeit verbirgt sich eine Trauer, die nicht gelehrt ist.

Und nun (wiederum plötzlich) mein lieben mein hassen mein mittendrin du. Mit einem Nachwort von Niklas Holzberg (dem Catull-Experten schlechthin). Also diesmal Catull. Der Titel des Bandes, die vielen Zitate, der zyklische (an antiken Modellen sich orientierende) Aufbau, das Nennen sämtlicher Größen der antiken erotischen Literatur (und auch späterer Jahrhunderte), alles sagt: hier wird rezipiert, hier kennt sich einer aus, hier ist einer seinen Vorbildern gewachsen. Einsprengsel aus der Popmusik, und überhaupt ein gewisser salopper Sprachduktus geben dem Ganzen eine sehr jetztzeitige Couleur. Auch hier wieder (wie schon in den vorausgegangenen Lyrikbänden) ein selbstironisches, sein Leben und Lieben im Schreiben reflektierendes Ich. Wir erkennen an den Versen die stilistische und prosodische Meisterschaft, den Witz, die Liebe des Autors für die Antike.

Aber die Größe dieses Buchs liegt woanders. Sie liegt in einer bisher nicht dagewesenen Fokussierung des Blicks. Die ganze Welt reduziert sich plötzlich auf die Spanne zwischen Ich und Du, zwischen aneinandergekauert und so circa fünf frauen nach dir. Auf die Spanne zwischen dem Glück in Florenz (auf einer fahrt nach florenz du/ schläfst und ich folge deinen/ atemzügen) und dem von allen Worten verlassenen Unglück im Supermarkt (ein brennen plötzlich auswippend in wut/ dass wir einander gehen ließen/ ohne widerstand). Verschwunden jede sprachliche Ambivalenz, hinter sich gelassen die literarischen Versteckspiele, zusammengefügt die Brüche. (Sie tauchen nur vereinzelt noch im Mittelteil des Bandes auf als Spiegel der sich zeigenden inneren Brüche.) An ihrer Stelle Worte von großer Klarheit und Einfachheit. Verse, die sich hineinbegeben in das Herz der Liebe und der Dunkelheit. Die Verse weisen die Leser nicht mehr ab, sie holen sie herein in ihr Zentrum, in ihr eigenes Herz. Die Dinge dürfen (sprachlich) sein, was sie sind: die Magie des Anfangs, das neugierige wilde Glück, die Qual der Distanz, die Irritationen, die verbalen Verletzungen, das Verstummen, die Sehnsucht. Nicht die formale Vollkommenheit dieser Gedichte ist es, was diesen Gedichtband vor den vorausgegangenen heraushebt, nicht die literarische Gebärde, nicht die Verschmelzung von antikem Modell und Moderne. Es ist die Tatsache, dass hier einer Catull rezipiert, dessen odi et amo (in Übersetzung) auf den Buchdeckel schreibt, und doch (im Innern) (stillschweigend) das odi streicht. Denn für sein Lieben findet das lyrische Ich tausend Register, für sein Hassen kaum eines. Die Besonderheit (und Schönheit) dieser Catull-Rezeption liegt darin, dass hier ein lyrisches Ich geschaffen wurde, das imstande ist, seine Liebe hinüberzuheben über das Ende. Nicht Hass steht am Ende, am Ende stehen Sehnsucht und Bedauern. Kein geschwafel und kokette[s] lamentieren, im Gegenteil: aus den Seiten spricht wehmütige Akzeptanz.

Mit vorliegendem Band beweist C.W. Bauer einmal mehr, dass seine eigentliche Stärke im Lyrischen liegt. Er beschenkt uns mit einem meisterlich komponierten, einem liebevollen Buch.

Eleonore De Felip 

 

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