Rezension 2011

Konrad Rabensteiner, Aldo Ricci
Bozen: Raetia, 2010

„Man wird nicht erleuchtet, wenn man sich Lichtgestalten vorstellt“, sagt C. G. Jung, „sondern durch Bewusstmachung der Dunkelheit.“ Auch in seinem zweiten Roman geht es Konrad Rabensteiner um die Erforschung von Schattenphänomenen, um deren Definition, um die Erkundung ihres Wesens und ihrer Wirkung. Er gestaltet dies in komplexer und faszinierender Weise auf drei Ebenen: auf der individuell-persönlichen seiner Hauptfigur Aldo Ricci, auf einer kollektiven und auf der literarischen.

Ein seiner Hauptfigur wohlwollend nahestehender Erzähler berichtet von Aldo Riccis nur halb freiwilliger Übersiedlung, die eine endgültige werden sollte, von seinem Heimatort nahe Legnago an der Etsch im Nordosten Italiens hinauf ins fremde Bolzano, in die zweisprachige Stadt Bozen, in die terra incognita Südtirol. Ruhig, linear und mit eindringlicher Genauigkeit schildert er das unauffällige Leben des aus bescheidenen Verhältnissen stammenden italienischen Arbeiters Aldo, dessen Größe und Würde sich erst allmählich offenbart: im Vollzug einer lebenslangen, stabilen, von – wie es heißt – „Wohlwollen und Verantwortungsgefühl“ geprägten Lebensgemeinschaft mit einem anderen Mann, mit Theo Linn, dem deutschsprachigen Südtiroler, dem Akademiker, dem Lehrer, dem aufgeklärten Humanisten. Doch auch in dieser für so manche unbegreiflichen, von manchen beneideten Beziehung verbirgt sich ein gewisses Maß an Dunkelheit, und das Wunder, das den zwei Männern gelingt, würde an Bedeutung verlieren, hätte es nicht seinen Widerpart in der Traurigkeit. Dieser wendet sich der Erzähler in gleichem Maße zu wie dem erstaunlichen Gelingen einer de-facto-Männerehe vor einem denkbar ungünstigen politisch-sozialen und familiären Hintergrund.

So erfährt man in immer neuen Details von Aldos sensibler Persönlichkeit, von seinem Interesse für Blumen, Heilkräuter, Kochrezepte, von seinem Bemühen, das ärmliche Haus seiner Eltern zu verschönern, von seiner stillen Geschicklichkeit. Als sein nach Bozen ausgewanderter Bruder durch einen Unfall seine Frau verliert, wird auch Aldo von seinen Eltern nach Bozen geschickt, um für seinen verwitweten Bruder und dessen Kinder den Haushalt zu übernehmen. Als die Kehrseite von Aldos gutmütiger Hilfsbereitschaft zeigt sich bald seine ängstliche Passivität, die wie ein Schatten viele seiner Lebenssituationen verdunkeln wird. Jung, einsam, von seiner eigenen Familie ausgebeutet, verloren in einer fremden Stadt, macht sich Aldo auf die Suche nach Männerfreunden. Wir werden Zeugen seiner Streifzüge durch die Schattenseiten der Stadt, in die Pissoirs des Bahnhofs, in die dunklen Winkel der Parks und der Talferwiesen, mit seinen Augen nehmen wir teil am Erlernen einer unbekannten Topographie der Stadt, die Männerbekanntschaften möglich macht, die anderswo nicht möglich sind, wir erfahren von seinem Ekel, seinen erotischen Erfolgen, von der Tristesse, die ihn erfasst. Und endlich von der Wende, die sein Leben nimmt, als er Theo begegnet, von der geregelten Arbeit, die er findet, von der Ruhe, die eintritt, von der sich festigenden emotionellen Sicherheit. Theo nimmt ihn in seine Wohnung auf, die zwei Männer geben einander, was sie haben: ihre Fürsorge, ihre Nähe.

Nun richtet sich die Kamera gleichermaßen auf das Paar und auf die Mechanismen, die es einerseits festigen und andererseits belasten. Sie beleuchtet Aldos mit den Jahren zunehmende Gereiztheiten, seine feindseligen Ausfälle gegen Frauen und Süditaliener, seine charakterliche Passivität, seine Neigung zur Opferrolle, sein bockiges, Theo verletzendes Desinteresse an Südtirols Geschichte und politischer Realität, sein lebenslanges Versäumnis, einen Deutschkurs zu besuchen, und immer wieder seine Sprachlosigkeit, die eine tiefergreifende ist als seine Weigerung, Deutsch zu lernen. Und Theos Traurigkeit, das für beide immer bedrohlich werdende intellektuelle Gefälle sowie die mit den Jahren zunehmenden Belastungen durch Krankheit, Alter und Tod. Wiederholt droht der Beziehung das Scheitern. Immer wieder gelingt es jedoch den zwei Männern, sich bewusst für ihr Fortbestehen zu entscheiden.

Hochinteressant ist der Roman als Studie eines kollektiven Schattens. Sachlich, detailliert, schonungslos genau wird die zur Schattenexistenz gezwungene Homo-Szene beschrieben, ihre Praktiken, die der Verständigung dienenden Codes, die Treffpunkte und der Insider-Jargon, die ständige Angst, die Demütigungen durch Klerus und Presse, Polizei und private Razzien, der Zwang zum aufreibenden Doppelleben. Man erfährt aber auch von Restaurants, in deren Separees Treffen unter sich möglich sind, von Urlaubszielen, wo homophile Paare sich nicht mehr verstecken müssen, von berühmten Männerpaaren, von den ersten öffentlichen Initiativen Homosexueller, von Aids.

Der lange als Lyriker bekannte Autor Rabensteiner integriert nun zum zweiten Mal in sein literarisches Sprechen die in seinen lyrischen Jahren genrebedingt stumm gebliebenen Register: langatmiges Erzählen, unermüdliches, akribisches Benennen realistischer Einzelheiten, die detailbesessene Schilderung von Alltagssituationen als Erzählprinzip. Die tragende Idee des Romans – die gelungene Lebensgemeinschaft zweier sehr unterschiedlicher Männer in einer schwierigen Provinzstadt – hätte in einer Novelle knapper und vielleicht prägnanter erzählt werden können, bei Rabensteiner darf sie sich über 627 Seiten erstrecken. Rabensteiner gestattet seinem Erzähler eine ungewohnte emotionelle Nähe zu seiner Hauptfigur, aus ihr heraus wird auch die auffallende Gewichtung mancher Aspekte verständlich: Es ist Aldos Perspektive, die hier eingenommen wird, sein waches Interesse für gutes Essen, für die männliche Attraktivität, für erotische Handlungen, seine Furcht vor Frauen … es ist seine Sprache, die hier widergespiegelt wird. Vielleicht liegt die Schwäche des Romans in der Zuneigung des Erzählers, die ihn streckenweise zum narrativen Übermaß verführt. Als Dokument einer Männerliebe, als ungewöhnlicher Eheroman, als kluge Milieustudie wird er die Leser überraschen und überzeugen. Man muss sich halt Zeit dafür nehmen.

Eleonore de Felip

Nach oben scrollen