Rezension 2010

Bernhard Aichner, Die Schöne und der Tod
Innsbruck/Wien: Haymon Taschenbuch 2010. 249 Seiten 

Me too

Nur in angemessener Kürze soll hier ein produktionsästhetisches Phänomen verhandelt werden, das der Ökonom als «Me-too-Produkt» bezeichnet. «Me-too-Produkte» sind Marktfolger-Produkte. Jahrhunderte nach prototypischen Geschichten über kriminelle Schuld und Sühne – Schiller (!), Hoffmann, Poe, Stevenson, Doyle oder Glauser – dachte man sich also etwa bei Suhrkamp «me too» und zog mörderische Seiten auf, eine neue Taschenbuch-Reihe mit Kriminalromanen: «deutsche Erstausgaben und Originalausgaben, erstklassig übersetzt, von international bis regional, vom Thriller bis zum klassischen Whodunit, von zart bis hart». In Verlagsdeutsch auf den Punkt gebracht heißt das dann: «Am Anfang war der Mord». Das hatte man sich bei Haymon schon viel früher gedacht, 1994 nämlich, als man Kurt Lanthalers «Tschonnie-Tschenett»-Romane ins Programm nahm. Dafür dachte man dort erst später, 2008, an ein anderes Me-too-Produkt, Taschenbücher – als einziger Verlag in Österreich, und schön sind sie außerdem geworden. Selbstverständlich gibt es in der neuen TB-Reihe Krimis, zuletzt von Kurt Bracharz und Thomas Askan Vierich. Die Herbstsaison 2010 startet nun mit Bernhard Aichners «Die Schöne und der Tod» als Spitzentitel.
     Die Zeiten, da Krimis in deutschen Landen als triviale Genreliteratur verschrien waren, sind längst vorbei, und es ist überhaupt nicht mehr despektierlich, als Autor sein Geld dort zu verdienen, wo sich seit Jahren ein Gutteil belletristischer LeserInnen tummelt. «Me too», so denkt sich also vielleicht auch Bernhard Aichner, der sich mit drei Romanen, zwei Erzählungsbänden und vier Bühnenstücken bereits einen beachtlichen Namen erarbeitet hat. Er geht die Sache gleich richtig keck an, möchte – so ist einem Interview, auf das man sich von seiner Homepage aus einlinken kann, zu entnehmen – den beiden international erfolgreichsten österreichischen Krimi-Autoren, Alfred Komarek und Wolf Haas, den Rang ablaufen, und sein Protagonist soll auch gleich in Serie gehen. Es ist daher nicht ganz unspannend zu verfolgen, wie und ob das gelingen wird.

Zur Ausgangslage: Aichners Serienhelden sind der Totengräber Max Broll und der ausgediente Fußballstar Baroni, beide Mitte 30. (Ein Pompfünebrer und ein Fußballer als Ermittler? Das mag auf den ersten Blick schräg sein. Aber wenn man bedenkt, dass Akif Pirincçi Katzen, Leonie «me too» Swann Schafe, Carsten Sebastian «me too» Henn Hunde  und ein gewisser Arne «me too» Blum Schweine ermitteln lässt?) Aichners menschliche Ermittler sind irgendwo in einem Dorf des österreichischen  Westens geboren und dort leben sie auch, obwohl sie Wiener Großstadtluft geatmet haben, der eine als Publizistikstudent und Journalist, der andere als gefeierter Fußballprofi. Mitten in ihre bohemienhafte Idylle platzt der Titel gebende Tod der schönen Marga und des jungen Dennis. Das bulimische Fotomodel ist in Wien in den Tod gesprungen, in ihrem Heimatdorf auf Max‘ Friedhof begraben, dann aber aus ihrem Grab entwendet worden. Eine Mediensensation! Und Max‘ Gehilfe Dennis ist erfroren. Obwohl: Weil die Leichenstarre ausbleibt, zeigt sich schließlich, was Max vermutete: Fremdeinwirkung, erschlagen – und erst später scheinbar erfroren aufgefunden. «Du sollst deine Finger davon lassen», sagt Max‘ Stiefmutter Tilda, die die Ermittlungen in dieser Angelegenheit offiziell führt. Aber da ist es eigentlich schon vorbei, in diesem ersten Kapitel, das Aichner mit «Null» überschreibt. Wirklich abhalten hat sie Max nicht können. Der will alles wissen, schließlich steckt er tief drin, weil ihn eine unglückliche Liebe mit  Margas Schwester Emma verbindet. Baroni folgt seinem besessenen Freund Max bis in die Wiener Rotlicht-Szene und taucht für ihn im eisigen Wasser des Dorfsees.
     Aichner, erzähldramaturgisch gewieft, legt einen ziemlich rasanten Show-down hin, ein Kapitel genügt, dann ein sanfter Abspann auf harmonischen zwei Seiten – aus. Dieser Schlussdrive ist gut getimt, und was in den 22 Kapiteln dazwischen erzählt wird, verfolgt man mit Spannung. Wie erzählt wird? Im Stil eines Drehbuchs. Aichner montiert Dialog- und Handlungspassagen, die ohne prosaische Umschweife die Geschehnisse raffen. Sätze werden elliptisch zugespitzt, können schon einmal auf bloße Namen verknappt sein, und ziemlich häufig bleibt der Erzählerblick fasziniert auf einem anaphorischen «wie» hängen: «Wie ihre Stimme plötzlich da war. Wie sie wieder verschwand. Emma.».
     Um bei dieser Stilvorgabe zu bleiben: Wie das alles gut funktioniert. Wie man sich doch noch entschließt, bis zum Schluss zu lesen, obwohl es schon dunkel und spät ist. Wie man sich vorstellen kann, dass in diesem «verschissenen Dorf» (Emma) und diesen Figuren noch mehr Geschichten stecken. Wie man sich das als Leser wünscht. Aichner. You too.

Bernhard Sandbichler

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