Rezension 2010

Josef Oberhollenzer, Der Traumklauber. Eine Erzählung in 52 Träumen
Wien–Bozen: Folio Verlag 2010

Der nicht mit dem Wolf tanzt

Josef Oberhollenzer ist ruppig und widerständig, was Sprachpflege anlangt. Er pflegt nämlich nur seine eigene Sprache. Wolf Schneider ist da ganz anders, um nicht zu sagen das Gegenteil. Der pflegt die Sprache der anderen, ist »Sprachpapst« (Bastian Sick) und »Lehrmeister der guten Sprache« (FAZ). Gibt es ein kleinstes gemeinsames Vielfaches zwischen diesen beiden? Nun, ein verlegerischer Zufall will es, dass neue Bücher von beiden im letzten Frühling erschienen sind. Josef Oberhollenzers »Der Traumklauber. Eine Erzählung in 52 Träumen« ist – unschwer festzustellen – ein Stück Literatur. Mithin Geschriebenes. Mithin kein Geschwätz. Über Geschwätz und Geschriebenes liest man in Wolf Schneiders »Deutsch für junge Profis. Wie man gut und lebendig schreibt« (Rowohlt Berlin 2010):
»Wo nicht das schiere Geschwätz regiert, da wollen wir unsere akademisch-bürokratischen Ideale pflegen. Nichts in allem Geschriebenen ist eben seltener als diese drei:
   - der klare Wille zur fairen Information,
   - die Kenntnis der Mittel, die es dafür anzuwenden gilt,
   - die Bereitschaft, in die Anwendung dieser Mittel Ehrgeiz und Zeit zu investieren.«
Diese drei, ich finde sie im »Traumklauber«. Was durchaus als Lob gedacht ist. Freilich: Ich möchte mit dieser Feststellung keineswegs »unsere akademisch-bürokratischen Ideale pflegen«. Ich möchte mir lieber anschauen, wie denn Josef Oberhollenzer diese Trias auf den »Traumklauber« anwendet.

Zunächst zur »fairen Information«.
Was ist das denn?
Naja, also wenn man dem Schriftsteller Peter Handke vertrauen wollte: »Träume sind der Ursprung der Literatur.« So bekennt er in einem Interview. Lässt Oberhollenzer also seinen traumlosen Traumklauber gehörte, gejagte, gesammelte fremde Träume erzählen, so erhalten wir Leser quasi Informationen aus dem Ursprung der Fiktion. Birnbaumtraum, Katzentraum, Strudelteigtraum, Realitytraum, Traumtraum, Traumfälschung, usw. 52 Traumkomposita insgesamt. Und Traumliteratur, unbestritten, ist etwas vom reiz- und geistvollsten überhaupt. Denken wir an einen romantischen Träumer der Weltliteratur, Joseph von Eichendorff. Den verkehrt Oberhollenzers »nullträumer« gehörig: »Auf jeden Fall habe man ihm schon eine schiere unzahl von flugträumen erzählt; kaum sei vom träumen die rede gewesen, sei vom fliegen die rede gewesen, kaum erzähle einer einen traum, erzähle er einen flug. Unendlich langweilig, unendlich erbärmlich diese vervielfachung, diese wiederholung, dieses wieder und wieder, dieses und, und, und: eine massenpsychose, nächtens, im schlaf.« Also »Mondnacht« zum Beispiel: »Und meine Seele spannte/Weit ihre Flügel aus,/Flog durch die stillen Lande,/Als flöge sie nach Haus.« So Eichendorff 1837. Und Oberhollenzer? »so wunderbar, ach, so schön! O wie unendlich leicht (wie vogelschwer) schwebte ein jeder in den lüften so dahin – – und stürzte dann ab; stürzten am ende immer ab und wachten auf. Ja, so –; wie Ikaros, so?« Diese Nächte mit ihren Träumen des 21. Jahrhunderts – sie sind kein »abklatsch« von damals. »vielfältigkeit und pracht« der Träume, ja, die gibt es, aber »das träumen sei politisch geworden«, meint der Traumklauber einmal. Nur zum Beispiel.

Dann zur »Kenntnis der Mittel, die es dafür anzuwenden gilt«.
Hören wir einmal hin:
»Er selbst, wenn er geträumt hätte, habe er gedacht, hätte es gewußt.« Da haben wir den Eichendorffschen Konjunktiv wieder. Aber der ist der indirekten Traumerzählung geschuldet, nicht der Möglichkeit. Schön ist, wie sich diese Konjunktiv-Sätze entschachteln, wie ein Traum, den man langsam entschlüsselt. Das ist Prinzip in Oberhollenzers Prosa, die sich über zahlreiche Zeilen windet und die man lesend aufdröselt wie eine russische Puppe, in der eine russische Puppe ist, in der eine russische Puppe ist und so weiter.

Schließlich zu »Ehrgeiz und Zeit«.
Die hat dieser Autor auf sein Geschriebenes ebenfalls verwandt. Allerding  ganz anders als im Sinn des Erfinders des eingangs erwähnten Dreischritts. Wolf Schneider verkündet in seinem Buch folgenden Rat an »Schreiber, die gelesen werden wollen«: Zwischen 160 bis 350 Zeichen lang dürfe er sein, der erste Satz. Für Oberhollenzer (zugegeben, der schreibt nicht wie ein Journalist für den Tag) gilt das nun gar nicht. Bei ihm kann es schon einmal vorkommen, dass sich der erste Satz über 2.900 Zeichen zieht. Was noch lange nicht heißt, das dieser Autor schlecht und tot schreibt. Vielmehr trifft man sich dann doch bei jenem Qualitätskriterium, das auch Wolf Schneider als oberstes anerkennt: »Nichts geht über einen aufregenden ersten Satz.« Insofern: Man darf diesem Buch viele Leser wünschen.

Bernhard Sandbichler

Nach oben scrollen