Rezension 2010

Christoph W. BauerDer Buchdrucker der Medici . Erzählung
Innsbruck–Wien: Haymon Verlag 2009. 150 Seiten

Hin und wieder trifft es sich, dass die Göttinnen und Götter umgehen und dies und jenes unter den Menschen tun – nicht nur bei den alten Griechen und Römern, sondern auch noch in unseren Tagen. Die alte Mnemosyne hat so dem alten Michael Wagner, dem Gründer der Wagner’schen, ein Buch in die Hand gedrückt. Es ist die Geschichte vom Buchdrucker der Medici, eine Hommage an den in Deubach bei Augsburg geborenen Druckergesellen, der nach Innsbruck walzt und dort sein Glück macht. Der Autor Christoph W. Bauer hat sie verfasst. Am 11. Oktober 1639, liest man darin, ist Wagner „am Ziel“: Er hat in Maria Gäch seine goldene Witwe gefunden. Im März stirbt ihr Mann, der Innsbrucker Buchdrucker und -händler, im August teilt sie mit Wagner Tisch und Bett, im Oktober stellt Claudia de’ Medici die Gewerbekonzession aus.
     In seiner Erzählung, in der „alles so gewesen sein könnte“, schießt Bauer weit über dieses Ziel hinaus. Es ist ihm – um ein wenig im fußballerischen Bild zu bleiben, das diesem Autor ja keinesfalls fremd ist – lediglich Anstoß zu einem Historienspiel, dessen Erzählball in eleganten Passes und Flanken, munteren Dribblings und Volleys strategisch vollendet übers Feld zieht.
     „Welch schönes Endziel für des Mannes Streben: Das Werk, gegründet durch der Vater Hand, stark übers Wechselspiel des Glücks zu heben, bis, was einst Hoffnung war, Erfüllung fand“ – nach Lobhudelei, wie sie Angelika von Hörmann zur Übernahme von Druckerei und Buchhandlung durch Eckart Schumacher 1898 verfasste, nach panegyrischen Versen, die Bauer seinen Michael Wagner gerührt lesen lässt, klingt das hier alles nicht. Bauers Protagonist erlebt sich auf diesen Seiten über dreieinhalb Jahrhunderte und kommentiert dabei das Historienspiel von Druck- und Schreibkunst, Verlag und Buchhandel, Haus und Stadt in angemessener soziologischer Schärfe. So entsteht ein Panorama in acht Abteilungen (je mit Schwabacher-Initiale), durch das sich immer wieder Wagners Spuren ziehen, ganz so wie es in der kürzesten, der letzten Abteilung heißt: „Er bleibt. Und wer immer die Buchhandlung betritt, wird damit rechnen müssen, ihn anzutreffen, den Buchdrucker der Medici, Michael Wagner.“
     Der kundige, so gar nicht putzige, jedoch immer wieder augenzwinkernde Blick des Chroniqeurs führt uns vor, dass nichts einfach nur so ist, sondern irgendwoher kommt. Das eben ist die vornehme Aufgabe der Geschichtsschreibung, die Bauer hier leichtfüßig, aber nie leichtfertig betreibt. Selbstverständlich hat der Autor Archivalien recherchiert, Druck- und Verlagsprodukte der Wagner’schen gelesen und Gespräche geführt. Das so Erzählte hat Hand und Fuß, vornehmlich aber auch einen schriftstellerischen Kopf, der es fein gesponnen und spannend zugleich präsentiert. Wie seine literarischen Vorgänger, „Im Alphabet der Häuser“ aus 2007 und „Graubart Boulevard“ aus 2008, mag auch dieses Buch zwar kein buchhändlerischer Schnelldreher sein; dass es als Longseller in den Regalen seiner Stammbuchhandlung und darüber hinaus bleibt, ist ihm aber jedenfalls zu wünschen.

Bernhard Sandbichler

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