Rezension 2010

Hans Augustin, Der im brennenden Dornbusch. Roman
Innsbruck: Skarabaeus 2009, 236 Seiten

 
Gott ist en vogue

Gott ist nicht tot, Gott ist en vogue. So hat man jedenfalls seit letztem Jahr den Eindruck, in dem Gott in der deutschen Literatur wieder Einzug gehalten hat, allen voran in Peter Henischs vielbesprochenen Roman „Der verirrte Messias“. Wer immer schon einmal wissen wollte, was Gott sagen würde, ließe er sich im 21. Jahrhundert dazu hinreißen, uns eine Botschaft zu schicken, der ist mit dem neuesten Buch des Tiroler Schriftstellers Hans Augustin „Der im brennenden Dornbusch“ gut bedient. Wie schon im alten Testament spricht Gott aus einem brennenden Dornbusch mit dem Protagonisten des Buches, sozusagen die Schlüsselstelle, in der die Zentralbotschaft des Romans vermittelt wird: Frieden zwischen Israel und Palästina, Frieden auf Erden. Doch langsam und der Reihe nach.
Der Protagonist mit dem bedeutungsschwangeren Namen Moses Mandelbaum verkörpert eigentlich den Durchschnittsbürger par excellence. Der Ehemann und Vater zweier Kinder  geht, um seine Familie erhalten zu können, mehreren Berufen nach. Hauptberuflich ist er Versicherungsmakler mit mäßigem Erfolg, daneben arbeitet er zweimal die Woche als Reinigungskraft in einem Verlag und hin und wieder als Koch in einem Restaurant, wenn der Chefkoch frei hat oder unpässlich ist. Mit Religion hat er nicht sehr viel am Hut, doch das soll sich im Laufe des Buches ändern.
Eines Tages macht Mandelbaum in seinem Stammcafé eine eigenartige Bekanntschaft. An der Theke steht ein Fremder, der mit ihm das Gespräch sucht. Er scheint ihn zu kennen, jedenfalls weiß er Details von Mandelbaum, die sonst nur ein Freund oder Bekannter wissen kann. Die beiden verabreden sich, um das Gespräch ein paar Tage später fortzusetzen. Das Verblüffende: Der Fremde verlässt das Lokal nicht zu Fuß, sondern indem er vor dem Café seine Arme ausbreitet und mit seinen nur für Mandelbaum sichtbaren Flügeln davonfliegt – ein Engel, der Erzengel Gabriel, wie sich später herausstellen sollte.
Ein paar Tage später treffen sich die beiden wieder zur verabredeten Zeit. Der Engel stellt Mandelbaum ein Erlebnis der besonderen Art in Aussicht. Er solle doch auch die Arme ausbreiten und mit ihm davonfliegen. Gesagt, getan und so macht sich Mandelbaum auf eine „Reise“ und findet sich mir nichts dir nichts in der Konfliktzone zwischen Israel und Palästina wieder.
Er erlebt seltsame Geschichten. So sieht er zum Beispiel Abdullah, der sich von seiner Mutter verabschiedet, um sich in einem Strandcafé in die Luft zu sprengen. Er begegnet Itzak, einem Soldaten, der unabsichtlich den kleinen Sohn eines Palästinensers erschießt, desertiert und Mandelbaum bittet, seiner Mutter einen Brief zu überbringen.
Auf dem Weg nach Tel Aviv, lernt Mandelbaum den Architekten Zvi Katz kennen, der für den Arzt Israel Januschewsky eine Villa bauen soll. Januschewsky ist aber nur ein angenommener Name, der dem Arzt nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Identität verliehen hat. In Wirklichkeit hieß er Adolf Koch und war Sanitätsunteroffizier der SS.
Auf den Hügeln, von denen man auf den See Genezareth blicken kann, hat Mandelbaum dann seine Erscheinung, ganz ähnlich wie in der Geschichte mit dem biblischen Moses. Ein Dornbusch brennt und daraus erklingt die Stimme Gottes. Gott beklagt das Elend seines Volkes. Er wollte es in ein Land führen, in dem Milch und Honig fließen und jetzt fließt Blut. Mandelbaum solle zu Ariel Sharon, der im Krankenhaus im Komma liegt, gehen und ihn bitten, den Mauerbau zu stoppen. Er solle die Mauern, die schon gebaut sind, wieder niederreißen und ein Yoveljahr, ein Jahr der Versöhnung ausrufen.
Mandelbaum macht sich – wie ihm aufgetragen – auf den Weg und seine Mission gelingt. Sharon unterzeichnet ein entsprechendes Dokument, das in der Welt großes Aufsehen erregt und – siehe da – Taten folgen lässt, nämlich den Stopp des Mauerbaus. Es scheint alles gut zu werden, ein sehr frommer Traum vom Autor.
Der Roman changiert zwischen Traum und Wirklichkeit, die Ebenen verschwimmen bis zur Unkenntlichkeit. Der Engel, der Mandelbaum für eine Mission auf der Terrasse dessen Wohnung abholt oder ihn anruft, während Mandelbaum zuhause bei seiner Familie ist, was ist er, Einbildung, Fiktion oder ein von Gott gesandter Bote? Soeben hat Mandelbaum noch vom Fliegen geträumt und wacht neben seiner Frau auf, da findet er sich in Israel wieder und erlebt Geschichten, die sonst nur das Alte Testament zu erzählen wusste. Handelt es sich um eine moderne biblische Geschichte oder um eine multiple Persönlichkeit? Es wird bis zum Schluss nicht klar und jeder Leser und jede Leserin wird wohl seine und ihre eigene Version finden. Manch einen Leser wird das Buch auch ratlos zurücklassen. Es wirkt ambitioniert, der Autor wollte streckenweise viel, eine politisch und historisch hochaktuelle Thematik mit religionsphilosophischen Versatzstücken zu spicken, ist mutig und ist nicht an allen Stellen geglückt. Es gibt aber Hoffnung und Zuversicht, dass Gott vielleicht doch nicht tatenlos auf das Geschehen auf der Erde hinabblickt, sondern eingreift, wenn es zu viel wird. „Und Er sah, dass es gut war.“ 

Petra Paumkirchner

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