Rezension 2010

Erika WimmerDie dunklen Ränder der Jahre  
Wien und Bozen: Folio 2009


Mit Erika Wimmers Roman „Die dunklen Ränder der Jahre“ tauchen wir ein in zwei Biografien, die einander bedingen, bewusst wie unbewusst miteinander auf das Engste verwoben sind und die  schlussendlich einander nur für einen ganz kurzen Augenblick berühren.
Da ist ein alter Mann in Südfrankreich, geplagt von den Gespenstern seiner Vergangenheit, der von der Autorin Schritt für Schritt einen Namen bekommt, in eine Landschaft, eine lange Ehe und ein langes Arbeitsleben eingebettet wird. Doch hinter all dem steckt ein anderer Name, andere Landschaften, eine andere, wenn auch nur kurze, im wahrsten Sinne des Wortes flüchtige Beziehung.
Da ist eine Frau - sie weiß es, dass sie seine Tochter ist - mit all den Verwerfungen ihres Lebens, knapp davor, ihr Lebensziel zu erreichen, all ihr Streben, all ihre Erwartungen auf den Punkt zu bringen.
Erika Wimmer setzt die Lebensgeschichten von Jeanluc Cornu, alias Lukas Peer, und seiner Tochter Theresa in behutsamer, kontrapunktischer Erzählstruktur, mit großem psychologischen Einfühlungsvermögen und überzeugender sprachlicher Souveränität in den Kontext historischer Bedingungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Lukas Peer hat sich, als junger Mann aus bürgerlichem Elternhaus, der Einberufung in den Zweiten Weltkrieg entzogen, hat auf seiner Flucht vor den Nazischergen einen Mord begangen, sich kurzfristig in Tirol, in Rinn bei Innsbruck, versteckt und konnte, ausgestattet mit falschen Papieren,  in Südfrankreich im Laufe der folgenden Jahrzehnte als Jeanluc Cornu ein durchaus respektables neues Leben aufbauen.
Das Kind, das er während seines Aufenthaltes in Tirol zeugte, und das er in seinem Bewusstsein nur als unerheblichen Aspekt eines größeren „Missverständnisses“, gar einer „Abwegigkeit“ der entstandenen Situation einordnet, wächst in einem, für landesübliche Verhältnisse ungewohnten sozialdemokratischen Haus auf und schneidert sich in seiner Fantasie eine Vaterfigur, die so gar nicht der häuslichen Ideologie entspricht. Es wird lange dauern, bis Theresa die wahren Beweggründe und den Handlungshintergrund des Vaters erfährt, doch ihr Bestreben ist es, Zeit ihres Lebens, diesen Vater zu finden, in der Erwartung nach „einer Umarmung, ein paar Tränen der Rührung. Er wird sie lieben und damit ist sie frei.“
Vater und Tochter sind über eine Zeitspanne von fast fünfzig Jahren unabhängig voneinander damit beschäftigt, ihre privaten Dämonen, Fixierungen und Schuldgefühle, die Brüche in ihrer beider Leben im Zaum zu halten oder zu überspielen, und das „richtige Leben“ gegen das Vorgestellte oder Vorgeschriebene abzuwägen.
In der überwiegend epischen Struktur der Darstellung, in den äußerst sparsam eingesetzten Dialogen  spiegelt sich die grundlegende Sprachlosigkeit der Figuren, ihre selbstauferlegte und gut eingeübte Schweigsamkeit bezüglich ihrer großen Lebensthemen und Konflikte. Weder Cornus Frau Danielle noch einer der Männer, die Therese in unterschiedlich loser Beziehung nahestehen, konnten daran je etwas ändern.
Die realiter kurze Zeitspanne, in der Erika Wimmer ihren Roman angelegt hat, dehnt sich für beide Protagonisten zu einer intensiven, in die Tiefe der Erinnerung gehenden Reflexion über die entscheidenden Ereignisse ihrer Lebenslinien aus. Theresa steht nun unmittelbar davor, den verzweifelt gesuchten Vater zu sehen; er hat vor, sich der Konfrontation mit einer Österreicherin, die wohl gekommen ist, um ihn „abzuholen“, zu entziehen und bereitet sich auf eine neue Flucht, den Selbstmord vor.
Cornu und Theresa sind in der Enge ihrer Gedankenwelten als tragisch Scheiternde zu sehen, die aus ihren vorgefassten, schon fast wahnhaften und irrealen Gedankenwelten nicht entlassen werden, vielleicht auch nicht entlassen werden wollen.

Für die Leser und Leserinnen ergibt sich aus der Sprachkunst der Autorin ein spannendes Spiel mit den Erwartungen an das Fortschreiten der Erzählung. Manche Informationen sind wie Pinselstriche gesetzt, die erst im Nachhinein ein Bild ergeben. Besonders starke und düstere Töne finden sich in der Darstellung des Mutterhauses, des heimatlichen Umfelds von Theresa, des „Heimatschlamms“, so „klebrig, (...) Aber seltsamerweise gerade deswegen gut“.
Den doch sehr existentialistischen Grundton ihres Romans durchbricht Erika Wimmer immer wieder durch kleine Ausflüge in leichtfüßige Episoden, in denen Nebenfiguren die eng abgesteckten Grenzen der beiden Hauptpersonen relativieren.
Dabei darf nicht übersehen werden, dass es neben Cornu und Theresa eine weitere, sehr dominante, nicht im herkömmlichen Sinne als Romanfigur zu verstehende Protagonistin in diesem Werk gibt: Die vor Hitze flirrende Sommerlandschaft rund um Montpellier. Sie hält den Roman in Atem, ihr gilt die uneingeschränkte Liebe der Autorin.

Christa Kofler

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