Rezension 2010

Norbert Gstrein, Die ganze Wahrheit. Roman
München: Carl Hanser Verlag, 2010. 304 Seiten

Was heißt, was kann, zu welchem Ende schreibt man Literatur? Fragen, die Gstrein seit seinem ersten Buch schon stellt, stehen in diesem Buch endlich ganz im Zentrum. Welche Möglichkeiten, welche Verantwortung auch hat ein Erzähler, der nicht-gelebtes Leben zu Papier bringt, mit seinen Figuren wie mit seinen Wörtern scheinbar nach Belieben schalten und walten ... spielen kann und doch auch immer wieder sich gezwungen sieht hinzunehmen, dass die Wörter wie die Figuren dazu tendieren, ein eigenes Leben zu entwickeln?
Das alles ist keineswegs neu, das ist vor allem auch in den letzten Büchern Gstreins wiederholt verhandelt worden. Aber es wird in diesem Roman auf eine spielerisch-leichte, ironisch-hintergründige, im besten Sinn des Wortes unterhaltsame Art und Weise zusammengepackt, die ihresgleichen sucht. Noch dazu aus der Perspektive eines Erzählers, der weiß, wovon er redet, und dennoch alles andere ist als Vertrauen erweckend, alles andere als ein glaubwürdiger Berichterstatter. Er ist nämlich Verlagslektor, aber gerade aus dem Verlag hinausgeworfen worden, über den zu schreiben er sich anschickt; angeblich auf der Suche nach der Wahrheit, in Wahrheit aber auf einem Rachefeldzug. Das ist die ganze Wahrheit.
Die Wahrheit des zurückgestoßenen Liebhabers. Kein Wunder, dass er über den inzwischen verstorbenen Verleger Heinrich Glück (der ihn seinerzeit sogar dazu ausersehen hat, seinen Nachlass zu verwalten und seine Biographie zu schreiben) und über dessen Witwe Dagmar (mit der ihn weiß Gott ja doch weit mehr verbunden hat als ihm am Ende lieb ist) nie und nimmer sine ira et studio reden kann, verständlich auch, dass er hin und wieder leicht verweht wirkt wie ein Blatt im Föhn. Außerdem hat er Angst, nicht zuletzt vor dem offenbar ebenso beflissenen wie gerissenen Anwalt der Verlegerin, dem Dr. Mrak. Selbstzensur! Und mit den übrigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Verlags verbindet ihn auch nicht eben das allerbeste Einvernehmen.
Alle Figuren bekommen mithin ihr Fett ab. Der Verleger, der (versteht sich: wird hier doch auf eine feine, halbseidene Gesellschaft ein grelles Licht geworfen) in Hietzing wohnt und in der Schönlaterngasse seinen Betrieb angesiedelt hat, ebenso wie seine Autoren und Autorinnen, namentlich Anabel Falkner, das Wunderkind der Literaturszene (die junge Dichterin, die Selbstmord verübt hat), und die Mitarbeiter/innen des Verlags, insbesondere jedoch Dagmar, die Aufgedonnerte: ihre Art, das Verlagshaus an sich zu reißen, ihre Bemühungen, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit einige Brocken Hebräisch einzustreuen, um ihren grob-klotzigen Philosemitismus zur Schau zu stellen, ihre pseudo-mystischen Anwandlungen, ihre nicht anders als obszön zu nennende Trauerarbeit ... Dagmar Glück ist die geborene Gegenspielerin eines wutentbrannten, wütenden Erzählers.
Der indessen ist ein wenig schon vom Alkohol gezeichnet. Der depravierte Held, wie er im Buch steht. Was immer er über alle anderen Figuren äußert, fällt umgehend auch auf ihn zurück.
Eben daraus, aus dieser vertrackten Erzählstrategie ergibt sich die Spannung des Romans (die immer wieder auch durch subtile Vorausdeutungen geschürt wird), eines Romans, der höchst-unterhaltsam zu lesen ist und doch fast wie en passant zentrale Dimensionen des Verhältnisses zwischen Fiktion und Wirklichkeit auf hohem Niveau thematisiert. Nur ganz nebenbei ist der Roman auch eine Satire auf den Literaturbetrieb: Anspielungen auf Thomas Bernhard, Peter Handke, Josef Winkler (der schon von Wolfgang Bauer als „Poet des Kälberstricks“ bezeichnet worden ist) und andere Repräsentanten des kulturellen und auch des politischen Lebens in Österreich sind nicht zu übersehen; und dass er im Akt des Schreibens auch an den Suhrkamp-Verlag gedacht hat, hat Gstrein frühzeitig (und ganz ohne Not) bekanntlich selbst gestanden.
So wird sein neuester Roman vielfach nur mehr als Schlüsselroman diskutiert (und attackiert). Das hat das Buch, das hat der Autor nicht verdient.

Johann Holzner

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