Rezension 2010

Boško Tomašević, Erneute Vergeblichkeit. Gedichte
Edition Neue Wege, 2009

Lyrik lebe vom Vergessen, sagt Hilde Domin in Wozu Lyrik heute? (1968), so wie Prosa vom Erinnern lebe: „Sie lebt von der Essenz statt vom Detail“. Vergessen werden im lyrischen Sprechen der Zufall der unmittelbaren, der „ersten“ Realität, die harten Fakten, die handfesten Begebenheiten, die unmittelbaren politischen und die historischen Wirklichkeiten, die Fragmente der Wirklichkeiten.
Bewahrt werden die inwendige Seite der Dinge und der Worte, ihre nach innen gerichtete Offenheit, ihr „Atemspielraum“, wie Hilde Domin sagt, ihre Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit, ihre Dunkelheit, die eine einladende ist, mehr als es die plakative Wirklichkeit der Welt, die gleißende Helligkeit des schneeigen Alaskas (S. 22) je sein könnte. Bewahrt wird also eine „zweite“ Realität, die unter einer fragmentierten Oberfläche liegende innere Realität. Zur ersten, zur eingeschränkten Wirklichkeit zählen die biographischen Fakten des Autors Boško Tomašević, seine Erfahrungen des Exils, eines serbischen Autors, der zur Zeit in Österreich lebt, seine Betroffenheit durch die politische Wirklichkeit, seine Alltagsrealität als Lyriker inmitten einer aus sprachlichen und inhaltlichen Gründen verständnislos reagierenden Umwelt. Zur zweiten, zur geweiteten, mehrschichtigen, nicht so offenbaren und also dunklen Realität zählen seine Erfahrungen des unendlich sich wiederholenden Suchens: nach dem zutreffenden, dem poetischen Wort, nach dem metaphysischen Ziel, nach dem Ausgang, der in sich den Startpunkt und den Endpunkt vereint, nach den Erinnerungen, nach ihrer Farbe, ihrem Geruch und ihrer emotionalen Intensität. Es ist diese zweite Realität, von der die Gedichte in seinem neuen Band Erneute Vergeblichkeit handeln.
Auf dem Cover steht zum Autor: „Zwischen 1994 und 2008 entstand eine weitere dichterische Matrix, die sog. Dichtung der Erfahrung, die in dem bisher unveröffentlichten Zyklus Erneute Vergeblichkeit eine Radikalisierung erfährt.“ Nicht gesagt wird auf dem Cover, welcher Impetus es denn sei, der die Worte immer wieder aufbrechen, sie suchen lässt, sie immer wieder, erneut, einen Anlauf machen lässt, und dies im Bewusstsein der Vergeblichkeit ihres Tuns. Ist Hilde Domins Antwort noch gültig?: „Indem das Gedicht dem Menschen hilft, er selbst zu sein, indem es ihm hilft, die eigene Erfahrung zu benennen und mitzuteilen, hilft es ihm, der Wirklichkeit Herr zu werden, die ihn auszulöschen droht. Denn sobald wir unsere Erfahrungen, und noch die unerträglichsten, genau benennen, leben wir sie von ihrem anderen Ende her, von dem menschlichen und nicht dem verdinglichten: als ob wir frei wären, sie anzunehmen oder abzulehnen. ... Ein Sprungbrett ist da, von dem gesprungen werden kann, wo sonst gestoßen würde. Atemraum für etwas wie Entscheidung.“ (Wozu Lyrik heute?) Hilde Domins Antwort ist eine Lesart, ein Lichtkegel auf dem Dunkel der Worte, eine Lesehilfe, mehr nicht. Aber eine sehr wertvolle.
Wie klingen Tomaševićs Verse im Originalton, auf Serbisch? Für Leser, die des Serbischen nicht mächtig sind, klingen die ins Deutsche übertragenen Verse so, als ob sie nicht melodisch sein wollten, als wollten sei keine Gesänge sein, sondern Litaneien, Mantras, manchmal Stoßgebete, in zirkulären Bewegungen sich artikulierende Meditationen, Reflexionen, Obsessionen, Fragen, so wiederkehrend wie die Perlen eines Rosenkranzes. Und so tröstlich. So wie die Schönheit eines Mantras sich einstellt bei der einhundertsten Wiederholung, so entfaltet sich die Schönheit dieser Verse in ihrer Obsessivität, ihren Wiederholungen, ihren spiegelverkehrten Variationen, in ihrer melodiösen Eintönigkeit, ihrem Dialogcharakter, in ihren Atempausen und abrupten Enden. Sprachlich fallen die vielen Substantivierungen auf (das Undurchsichtige, das Nirgendwo, die Mitleidigkeit des Todes), die zahlreichen Abstrakta (das Sein, das Sagen, das Ende, die Rückkehr, die Ankunft, das Treiben, das Dauern, das Nichts, das Schweigen, das Verschiedene/das Gleiche, die Leere, die Vergeblichkeit, Gott...). Die Konkreta vereinen sich zaghaft zu Bildketten wie Haus-Schwelle-Eltern oder Steppe-Fluss-Vögel und Nachtmahl-Brot-Wein-Kruzifix-Grab-Sarg. Ungewöhnlich und berührend sind die sprachlichen Bilder dort, wo Konkretes mit Abstraktem vebunden wird (die Rose meiner Einsamkeiten, der Himmel meiner Lasten, der kobaltene Körper meiner Heimat, in den großen Nächten schweigen Erlöserfische...) Mit Gebetstexten teilen viele Gedichte nicht nur die spirituelle Dimension, sondern vor allem ihren immanenten metaphysischen Dialogcharakter, der sich als intertextueller Dialog artikuliert: mit der großen, europäischen Dichtung (in wörtlichen Zitaten z.B. von Hilde Domin, Thomas Bernhard, Samuel Beckett, Paul Celan, Adam Zagajewski ..., in Variationen auf Themen z.B. von Samuel Beckett ...), mit der europäischen Geschichte (Lascaux, Holocaust ...), vor allem aber, wiederkehrend, mit der Tradition des christlichen Glaubens, mit ihrer ikonischen Sprache (so zitieren z.B. der Titel und der erste Vers eines Gedichts Psalm 103, v. 15-16 Wie Gras, er blüht wie die Blume des Feldes S. 8; das sündlose Brot S. 22, ... heiterer Himmel über dem alten Golgotha drei Kreuze/ und zwei Räuber echte Bösewichte mit spitzen/ Lanzen ... S. 20).
Drei ausgewählte Gedichte seien hier etwas näher beleuchtet.

ES SOLL WEITERGEHEN ES SOLL EIN ENDE NEHMEN (S.4)

1   Es soll weitergehen es soll ein Ende nehmen
2   in der Fortsetzung im Wunsch im Durst in der Ernte
3   das lange Feuchte soll weitergehen
4   das lange Feuchte soll ein Ende nehmen
5   im anderen Geschlecht soll es sich vollenden
6   die Säfte bis hin zum Kruzifix
7   es soll weitergehen es soll
8   ein Ende nehmen in diesem Mund
9   in diesen Augen wo der Dorn wild
10  „in die Blume meines Weizens“1 wächst
11  der Schnitt meines Zornes
12  soll weitergehen soll ein Ende nehmen.

1Thomas Bernhard: „In hora mortis“

 
Es wird nicht gesagt, was es ist, das weitergehen, das ein Ende nehmen soll. Aber es muss widersprüchlicher Natur sein, ein Paradoxon, und als solches hervorragend geeignet, den Geist, das Wunschdenken zu besetzen. Ein intensiver Wunsch wird in der Art einer Litanei formelhaft wiederholt: der erste Vers wiederholt den Titel, es folgen Asyndeta, in denen die Qualität des Wunsches angedeutet wird (Vers 3: das lange Feuchte soll weitergehen...), die das Angedeutete sogleich widerrufen (Vers 4: das lange Feuchte soll ein Ende nehmen...), die eine Richtung und etwas wie Erfüllung suggerieren, die Auflösung des Paradoxons (Vers 6/7: im anderen Geschlecht soll es sich vollenden/ die Säfte bis hin zum Kruzifix...). Der intensive Optativ nähert sich dem Imperativ an. Die Vollendung wird intensiv herbeigesehnt, aber wie kann sich das lange Feuchte, wie können sich die Säfte vollenden bis hin zum Kruzifix? Man stutzt über der Wahl der Präposition: liegt die Vollendung nicht im Kruzifix? Zweifel kommen auf: vollzieht sich die Vollendung auf dem Weg zum Kruzifix? Ist das Kruzifix das Ziel einer vorher erreichten Vollendung? Der folgende Vers 7 beginnt voller Hoffnung es soll weitergehen... und endet abrupt ... es soll. Eine Zäsur, eine Atempause. Dann das Kippen in die Negation im Vers 8: ein Ende nehmen in diesem Mund. Offen bleibt, in wessen Mund: in dem des Kruzifixes, des lyrischen Ichs? In wessen Augen wächst der Dorn wild „in die Blume meines Weizens“? Ist das Zitat, ist „In hora mortis“ die Antwort? Ist der Weizen eine Chiffre für das Leben? Treibt in der Stunde des Todes der Tod seinen Dorn wild in die Blume des Lebens? Ist also das lange Feuchte das Leben, so wie der Tod Staub ist? Oder wächst in die Blume des Lebens mein Zorn, der Schnitt meines Zornes (Vers 11)? Vollzieht das lyrische Ich willentlich einen Schnitt, ist es ein bewusster Schlussstrich? Oder ist es der Schnitt des Zorns, der weitergehen, der ein Ende nehmen soll ...(Vers 12)? Die syntaktische Verknüpfung ist mehrdeutig, der Sinn polyvalent. Mögliche Bedeutungen tauchen auf und werden sogleich zurückgenommen. In den Wünschen und ihrer sofortigen Negation, in angedeuteten Emotionen und ihrer raschen Konterkarieung erweist sich das lange Feuchte als unfassbar, undenkbar, nicht nennbar. Es bleibt ein Paradoxon, das im ersten und im letzten Vers das Gedicht rahmt. Mit dem Ausklingen des Paradoxons ... soll ein Ende nehmen endet auch das Gedicht. In der Zusammenführung von Form und Inhalt kommt das Paradoxon zur Ruhe. Dem Gedicht als ästhetischer Einheit gelingt, was die Worte negieren: Der Auf- und Abklang des Immergleichen, die Litanei der ubiquitären Widersprüche, das Leben und der Tod werden zusammengeführt, werden eins. In der Benennung des Widerspruchs gelingt seine Aufhebung. Das Gedicht besticht durch die Intensität und zugleich Unaufdringlichkeit des Tons, durch seine formale Stringenz und verhaltene Eleganz.
Als Beispiel für die „dichterische Matrix der Erfahrung“ sei hier zitiert

ÜBERALL IST DAS ICH (S. 28)

Wohin mich meine Seele führt
überall ist Regen überall ist Prag
überall Taufbecken Chorstühle
ein Sämling des Seins überall ist das „Ich“
überall abendlicher Abend aus einem Riss
weinen meine Eltern
lautlos über Zackenpflaster
führt mich die Seele.

Hier artikuliert das lyrische Ich seine Lebenserfahrung in konkret anschaulichen Bildern, die Sprache ist nahezu einfach, der Ton still und berührend. Wohin auch immer das lyrische Ich geht, trägt es seine Lebenserfahrungen mit sich, seine Erinnerungen, seine Identitäten, seine Sehnsucht. Und seinen Schmerz. Überall öffnet sich plötzlich ein Riss, durch den die in Zeit und Raum vermeintlich zurückgelassenen Erfahrungen das Ich wieder einholen. Doch ist es keine Flucht, auch kein planloses Irren. Die Seele ist es, die das Ich führt, lautlos, unbemerkt. Wer ist die Seele?
Das ist es auch, was in diesen Gedichten immer wieder aufhorchen lässt. Auch in ihnen ist ein Riss spürbar, durch den etwas dringt, was bis eben noch unerwartet war: ein Innehalten, ein Gewahrwerden, eine Art Hoffnung, inmitten des vergeblichen Suchens eine Art Rast:

RAST VON DER STILLE (S. 32)

Auf des Hauses Schwelle fiel Schnee.
Die Wege abgeschnitten. Hier werden wir liegen
lange so nahe der Stille wie
Stroh in der Krippe zu Bethlehem war
so nahe werden wir Seinem Wesen sein
wie unser Leben es von uns niemals verlangte.

Am Ende, besser: inmitten unserer Suche, unserer spiralförmig sich auf das Zentrum hin zu bewegenden Suche fällt plötzlich Schnee, die Wege abgeschnitten. Unsere Suche ist zu Ende, sie endet in der Stille, besser: so nahe der Stille wie Stroh in der Krippe zu Bethlehem war. Unser Wesen wird einfach und demütig sein wie das Stroh, das den Heiland in seiner Armut empfing. Hier wird als Einheit erfahrbar sein, was im Leben nicht möglich war: die äußerste Reduktion und der größte Glanz, das Erreichen der Stille. Es ist ein äußerstes Abverlangen und die äußerste Rast.
Diese Worte sind hinreichend/ zum Lernen der Stille nach der Stille, so beginnt das Gedicht Worte dafür (S. 10). Sie könnten das poetologische Programm dieses schmalen Gedichtbands sein. Boško Tomaševićs fragendes Umkreisen des Letzten transportiert in die sprachliche Struktur der Texte die Erfahrung der Stille und des Schweigens: als Fragen, die ohne Antwort bleiben, als Zitate, als Dialoge mit Dichtern, die in die letzte Stille bereits vorausgegangen sind, als persistierende, besser vielleicht: als meditierende Wiederholung und Variation der Wiederholung, als fast völliger Verzicht auf Satzzeichen und also als das Zulassen sehr vieler grammatikalischer und semantischer Bezugsmöglichkeiten, als Vorliebe für Paradoxa, als Wiederkehr des Motivs „Schweigen“, „Gottes schweigende Präsens“: ... in den großen Nächten schweigen Erlöserfische/ schweigt dein Auge und Gott in der Finsternis... (Schau durch unklare Dinge, S. 10), immer näher rückt der letzte Abend/ Gespräch und Schweigen Heiligkeit des Lichtes .... (Letzte Bilder und Verzweiflung, S. 40). Die Stille zählt die Wirklichkeit nicht auf, sie erklärt sie nicht. Sie deckt sie. Sie lässt ihr das Dunkle.
Die Edition Neue Wege bietet uns Tomaševićs Gedichte in der Originalfassung auf Serbisch sowie in der meisterlichen deutschen Übersetzung von Helmut Weinberger. Weinberger, Slawist an der Universität Innsbruck und empathischer Übersetzer auch früherer Prosa und Lyrik von Tomašević, ist dem Autor trotz wechselnder Verlage treu geblieben. Seine Übersetzung schafft es, auch Leser, die des Serbischen nicht mächtig sind, davon zu überzeugen, dass sie eine sehr gelungene sein muss, da sie sich selbst vergessen macht.

Eleonore De Felip

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