Rezension 2010

Birgit Unterholzner, Flora Beriot. Roman
Innsbruck: edition laurin 2010

Mit Birgit Unterholzners Romandebüt, erschienen in der „edition laurin“, gelingt dem neuen Innsbrucker Verlag ein beachtlicher Einstieg. Flora Beriot, die titelgebende Protagonistin, ist Goldschmiedin in Florenz, Tochter von Gabriella und Jakob Beriot, einem berühmten verstorbenen Maler. Auf die Spuren dieses Malers begibt sich Vincent Merz, der vorgibt, ein Buch über Kinder prominenter Menschen schreiben zu wollen, und deshalb Kontakt zu Flora aufnimmt. Was die Autorin in dieser Prosa entwickelt, ist die Familiengeschichte Flora Beriots, ihre Beziehung zum Vater, zur Mutter, zu ihrem Handwerk und zu Vincent, dem Zuhörer.
„Immer seltener vermag ich zu arbeiten. Leblose Materie zu Schmuckwaren fassen. Geringe soziale Kontakte. Was hätte ich außer Goldschmiedin werden können? Geschichtenerzählerin? Vielleicht. Aber es gibt genug Geschichtenerzähler und am Ende kommt es darauf an, wer am glaubwürdigsten erzählt.“ Durch wechselnde Perspektiven wird der Text bereichert, doch vorherrschend bleibt die von Flora: „‚Ich bin voller Geschichten. Gabriella fütterte mich damit.‘“ Das Erzählen der Lebensgeschichte, das Sich-Einlassen auf die Interview-Situation ist Pakt mit dem recherchierenden Vincent. Alles ist in Schwebe, denn Floras Wissensstand, ihre Befindlichkeit strukturiert den Ablauf des Geschehens, ihr Erzählen entfaltet den Plot. Ihre Aussagen sind als direkte Rede markiert und im Präteritum geschrieben. Im Präsens stehen dagegen Floras Beobachtungen, Eindrücke, Empfindungen und Gedanken zur aktuellen Situation, in ihrem Atelier, in der Anwesenheit Vincents. Dazu kommen Kindheitserinnerungen und die aktuelle Interviewsituation, die teilweise Züge eines therapeutischen Gesprächs annimmt. So fügt die Autorin unterschiedliche Splitter zu einem Mosaik zusammen, dessen Stil unaufdringlich, sanft, aber ganz präzise ist. Poetisch aufgeladene Metaphern wie „‚Meine Erinnerung an diese Zeit fühlt sich an wie ein schrecklich nasses Geräusch‘“ und realistische, naturalistische, auf konkreten Beobachtungen fußende Passagen ergeben Empfindungssätze, die das Innenleben der Protagonistin darlegen und Gegenstände sinnlich erfahrbar werden lassen.
Vincent Merz’ Geschichte wird in der zweiten Hälfte des Romans erzählt, seine Herkunft aus einem süddeutschen Dorf, heimlich von einer 16-jährigen Mutter geboren. „Es ist unglaublich, jeder trägt einen unsichtbaren Sack, gefüllt mit Vergangenheit. Dem einen wiegt Geschichte, als schleppe er Pflastersteine, dem anderen, als flögen darin Schmetterlinge.“ Die verschränkten Geschichten von Flora, Vincent und Gabriella kulminieren bei einem Neapelbesuch, wo sie sich anlässlich einer Ausstellung von Porträts Jakob Beriots im Museo lunatico einfinden.
Am Ende entfaltet sich die ganze Schönheit der Konstruktion: Zu Beginn erfährt man Jakobs / Gabriellas Geschichte(n) aus der Perspektive Floras, die die Geschichten ihrer Mutter wiedergibt, ohne zu verstehen, wie sehr diese Erzählungen zurechtgerückte Wahrheiten, erfundene Wirklichkeiten sind. Im Verlauf des Romans erzählt Vincent diese Geschichten noch einmal, anders, nämlich so, wie Gabriella sie ihm vermittelt hat. „Mit siebenunddreißig Jahren finde ich heraus, dass meine Vergangenheit zu einem beachtlichen Teil aus Verheimlichungen und Erfindungen besteht“, muss Flora schlussendlich feststellen.
Die Wahrheit, die Birgit Unterholzners Figuren suchen, ist eine durchs Erzählen vermittelte und zugleich ernüchternde. Ein beachtliches Debüt und ein Lehrstück darüber, was gekonntes Erzählen vermag.

Florian Braitenthaller

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