Rezension 2009

Felix MittererDer Patriot. Ein-Mann-Stück 
Innsbruck: Haymon 2008 (tb 7) 

Mit dem Stück „Der Patriot“ hat sich Felix Mitterer  eines Themas angenommen, das für die politische Gegenwart in Österreich allergrößte Brisanz besitzt. Zwar ist der Briefbomben-Attentäter Franz Fuchs, dessen Fall Gegenstand des Stückes ist, tot und die reale Kriminalgeschichte abgeschlossen, die ideologischen (und wohl auch psychopathologischen) Komponenten des Falles aber sind in einer Zeit, in der die Freiheitliche Partei und das BZÖ großen Zulauf bekommen, keineswegs ad acta zu legen. Mitterers vorrangiges Anliegen ist es denn auch, Einblick in die fanatisch-paranoide Weltanschauung seiner Figur wie auch in zugrunde liegende Gefühle wie Hass, Rache, Versagen und Verzweiflung zu geben.
     Vier Jahre lang terrorisierte der Briefbomben-Attentäter das Land mit Anschlägen gegen Ausländer sowie Personen und Institutionen, die sich in Migrationsfragen engagierten. Laut Bekennerschreiben handelte es sich nicht um einen Einzeltäter, sondern um den Terror einer ganzen Gruppierung, der sogenannten Bajuwarischen Befreiungsarmee (BBA). Im März 1999 wurde aber nur ein Mann von einem Schwurgericht in Graz schuldig erklärt. Franz Fuchs hatte jene Gruppierung nur vorgetäuscht, in Wahrheit aber im Alleingang 6 Briefbombenserien initiiert und Sprengstoffattentate verübt, welche insgesamt 35 Verletzte und 4 Todesopfer forderten. Wie aus dem Nachwort des damals involvierten Gutachters, des Psychiaters Reinhard Haller hervorgeht, war Fuchs ein „Alleskönner“, „Ideologe, Planer und Frontsoldat in einem und ebenso Elektroniker, Chemiker und Bombenbauer“, außerdem „Historiker und Logistiker“ (S. 81). Am Ende hat er es, wie Haller schreibt, sogar fertig gebracht, sich ohne Hände (welche ihm im Zuge seiner Verhaftung durch eine Bombe abgerissen worden waren) in der „bestüberwachten Zelle unseres Landes mit Hilfe eines Stromkabels an einem Wasserkasten zu erhängen.“ (S. 81)
     Mitterers Stück - unter der Regie von Werner Schneyder uraufgeführt am 13. November 2008 im stadtTheater walfischgasse in Wien mit Thomas Kamper als Franz Fuchs - ist ein Monolog, arbeitet jedoch intensiv mit impliziter Dialogizität. Der Angeklagte „spricht“ mit dem Untersuchungsrichter Nauta, dem Vernehmungsbeamten Sturm und dem Gerichtsgutachter Haller, doch die Gesprächspartner sind nicht da, sie „befinden sich sozusagen im Publikum“ (S. 5, Regieanweisung). Diese an der realen Vernehmung des Franz Fuchs sich orientierenden Szenen (Mitterer konnte die Vernehmungsprotokolle verwenden) wechseln sich mit echten inneren Monologen ab: Hier ist die Figur allein und damit den inneren Stimmen, den eigenen Ängsten und Phantasien ausgeliefert. Auch das Gerichtsgutachten Reinhard Hallers stand Mitterer zur Verfügung und hat wohl wesentlich dazu beigetragen, dass der Autor einen, wie es im Klappentext heißt, „beklemmend intimen Einblick in die Gedankenwelt des berühmtesten Verbrechers der österreichischen Kriminalgeschichte“ geben konnte.
     Es ist tatsächlich faszinierend, welch präzises Bild des Menschen und Verbrechers Franz Fuchs vor den Augen der Zuschauer entsteht. Mitterer schafft es, sich einerseits an die äußeren Fakten und Tatbestände zu halten und die Strategien, die Fuchs bei den Vernehmungen angewandt hat, zu erfassen. Der Angeklagte hat offenbar alles getan, um die Kontrolle über seine Gesprächspartner zu bewahren, in Verkehrung der bestehenden Abhängigkeitsverhältnisse hat er immer wieder die Gesprächsführung an sich gerissen, sich als Autoritätsperson und Führungsfigur aufgespielt und mit den Druckmitteln Zeitverschwendung und Aussageverweigerung gearbeitet. Das Omnipotenzgefühl eines beschädigten Charakters mit letztlich geringem Selbstwert wird dadurch besonders deutlich. Andererseits werden uns die inneren Abgründe eines Menschen, der voller Hass und für zweifelhafte Ideale zu morden bereit ist, vorgeführt: Er wird zwischen Wutausbrüchen und Angstbildern hin und her gerissen, wird letztlich von dem, was er anderen antut, gejagt, gequält. Alles, so hat man den Eindruck, was Fuchs verbrochen hat, hat ihn letztlich auch selbst bestraft. Motiviert war sein Handeln von tiefen Ressentiments gegenüber Ausländern und von einem für politische Attentäter wohl typischen Pflicht- bzw. Opfergefühl. So sagt er etwa: „Nein, ich bin nicht stolz auf das, was wir getan haben. Es musste sein.“ (S. 49)
     Stolz wirkt der Angeklagte dennoch, wenn er bemerkt: „Wir haben den Staat aus den Angeln gehoben. Wir haben vier Jahre lang ein ganzes Land in Geiselhaft genommen.“ (S. 49) Andererseits weist er immer wieder einen Teil der Schuld von sich. Die Ermordung von vier Roma in Oberwart durch eine Rohrbombe sei nicht beabsichtigt, sie sei ein Unfall gewesen. Die in einer slowenisch-sprachigen Volksschule in Klagenfurt hinterlegte Bombe („weil es nicht einzusehen ist, dass in einer deutschsprachigen Stadt auf Slowenisch unterrichtet wird“, S. 52) hätte nur „den Elektrokasten zerrissen, vielleicht wären auch ein paar Scheiben zersprungen und das Bild des Bundespräsidenten heruntergefallen.“ (S. 52) Franz Fuchs zeigte sich während der Vernehmungen als ein Mensch, der sich anmaßte, Machtgefühle durch hinterhältige Attacken an Andersdenkenden und Unschuldigen auszuleben, der dies damit zu legitimieren versuchte, dass er der „Überfremdung“ in Österreich Einhalt gebieten musste, der sich zuletzt aber vor der Verantwortung weg ducken wollte.
     In der Summe sind es die Ambivalenzen im Charakter des Angeklagten, die Mitterer ausspielt und die sein Stück spannend und überzeugend machen: Mitterer zeigt die Verbrechen in ihrer ganzen Absurdität und Grausamkeit, doch wird der Täter auch als Mensch mit menschlichen Reaktionen und Gefühlen des Versagens vorgeführt.  Die Figur ist einerseits hochintelligent, sie wirkt phasenweise vernünftig, fast einsichtig, nur um im nächsten Moment völlig von blindem Fanatismus besetzt zu sein. Der Angeklagte hat während der Vernehmungen scheinbar alles im Griff, andererseits ist er ganz ungeschickt. So zum Beispiel, wenn sich Fuchs verspricht und sich damit hinsichtlich der Morde in Oberwart selbst als Täter überführt. Kontrolle und Macht stehen in dieser Figur Feigheit, aber auch Verzweiflung gegenüber. Es geht bei den Verbrechen scheinbar um einen politischen Auftrag (Haider müsse sich von der BBA distanzieren, „wir sind trotzdem sein verlängerter Arm“, S. 32), andererseits sagt der Täter: „Politik ist mir an sich egal […]“ (S. 32). Es sind vor allem Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit, aber auch eine große geistige Verworrenheit, die diesen Charakter bestimmen.
     Mit „Der Patriot“ ist Mitterer eine schwierige Gratwanderung gelungen. Er hat sich der Schwarz-Weiß-Malerei enthalten, es geht ihm nicht darum, ein Monster vorzuführen, zugleich aber beschönigt er nichts und liefert mit seinem Stück ein abgründig-interessantes Psychogramm.  Mehr als das aber besticht der Text durch Genauigkeit im Hinblick auf die damaligen Ereignisse und die politischen Hintergründe. Über die Tatsache, dass einzelne Passagen etwas aufgesetzt wirken - etwa wenn in einer der „irrealen“ Szenen eine Parallelität zwischen der „Bajuwarischen Befreiungsarmee“ und dem grausamen Kampf der Bayern gegen die Tiroler Bauern hergestellt wird und Fuchs (weinend) das abgegriffenste aller Hofer-Zitate bemüht - kann man mit einigem guten Willen denn auch hinwegsehen.

Erika Wimmer

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