Rezension 2009

Sabine Groschup. Tim und die Blumen
Wien: Czernin Verlags GmbH 2009

Kunstkiller Test

Seit Jahren boomen Krimis in den Buchläden, und immer schon waren Krimis als Genreliteratur reizvoll für avantgardistische Ansätze. Zwei historische Marksteine, was österreichische Literatur betrifft: H.C. Artmanns Die Jagd nach Dr. U. oder ein einsamer Spiegel, in dem sich der Tag reflektiert und – weil diese Feststellung auch fürs Kino gilt: Niki Lists Müllers Büro. Die Materie ist aus diesem Grund aber auch schon etwas abgegrast, und als Neuling auf der Krimi-Spielwiese muss man sich schon was einfallen lassen. Im besten Fall was Neues.

Nehmen wir einmal an, man kennt Hergés abenteuerlichen Comic-Reporter Tim; »Tim und die Picaros« oder »Tim und die Alpha-Kunst« – das könnte durchaus anregend sein. Aber »Tim und die Blumen«? Sabine Groschup, geboren 1959 in Innsbruck, Künstlerin, Filmemacherin und Autorin in Wien und Berlin, lässt uns diesbezüglich ins Leere laufen. Ihr Tim gleicht zwar, wie wir zu Beginn erfahren, »diesem Tim mit seinem Struppi«, heißt aber Minko, ist Mitte 30 und Fotograf und dödelt hundelos und eher unbedarft durch den Plot ihres neuen, nach »Teufels Küche« und »Alicia und die Geister« dritten Romans. Die Blumen, das sind hier Frauen, die Namen wie Orkide, Hortensia oder eben Fiore haben. »Wir tragen sie in unserem Herzen«, meint der italienische Polizist Giacinto am Schluss des Romans – »und trank einen großen Schluck. ›Unsere Blumen!‹«

Aha, im Herzen also. Irgendwie geht es im Roman ja auch um Körperteile. Denn irgendwo gegen Ende, als sich die dunkle Mordsgeschichte lichtet, stellt Hortensia fest: »Er ist ein Monster! Mein Vater ist ein Monster! Ich verstehe noch immer nicht ganz, warum er das tut. […] Er sammelt für sich ästhetisch wertvolle Körperteile, die er dann symbolträchtig verarbeitet: Kowalskys schön geformte Füße, außerordentlich strahlend blaue Augen, die ultramarin in der Sonne leuchteten.« Damit ist die Katze aus dem Sack: Ein gefährlicher Serienkiller geht um, ein Künstler-Spinner. Warum er tut, was er tut – wir erfahren es nicht ernstlich. Und Tim, der nur irgendwie zufällig in den Dunstkreis Giacintos und seines Personals geraten ist, ist froh, dass er selbst »nichts besonders auffällig Schönes« an sich hat. Irgendetwas freilich scheint es mit seinen Schultern auf sich zu haben. Der Buchrücken zitiert die erwähnte Szene, und Tims Reaktion ist: »Tim schüttelte sich, vor allem seine Schultern, und dachte wieder einmal traurig an Orkide, die ermordet wurde, weil sie im falschen Moment am falschen Ort war.« Gleich anfangs trifft Tim »ein harter kumpelhafter Schlag von hinten auf das Schulterblatt«. Von hinten? Tatsächlich wäre es ganz schön auffällig, diesen Schlag von vorne zu bekommen. An anderer Stelle zuckt der Held die Schulter, also: nicht die Schultern, nicht die Achseln, nein: eine Schulter. Das (wie auch das Schulterschütteln) versuche ich mir vorzustellen. Ganz zum Schluss wird es anatomisch wieder normal, Giacinto, der italienische Polizist, der Tim anfangs von hinten auf das Schulterblatt gehauen hat, klopft, bevor er seinen blumigen Schlusssatz sagt, dem titelgebenden Tim einfach auf die Schulter, ohne dass präzisiert würde, ob von hinten oder vorne.

Der Mörder heißt übrigens Oliver Fink, was bei Figuren, die hier mit Namen wie Ferdinand Goodpastor oder Sonja Mutu aufwarten, noch angeht. Altmeister Georges Simenon hat die Namen seiner Figuren Telefonbüchern entnommen, aber vermutlich ist realistisches Handwerkszeug in Bezug auf diesen Roman der falsche Parameter. Stilistische Unbeholfenheit und gestelzte Dialoge könnten ja durchaus gewollt passiert sein. »Die Morde verlören dann auch ihren Sinn«, überlegt Tim gegen das Ende hin. Wenn sie nicht irgendwie mit Kunst zu tun hätten, muss man ergänzen. Und linearer Erzählrealismus verlöre auch seinen Sinn, wenn er nicht irgendwie mit Kunst zu tun hätte.

Bernhard Sandbichler

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