Rezension 2009

Ulrich Ladurner, Solferino. Kleine Geschichte eines großen Schauplatzes
St. Pölten und Salzburg: Residenz Verlag 2009. 140 Seiten

„Süß ist es, sich in der Welt der Vorfahren herumzutummeln, Worte und Taten der Alten erinnernd durchzugehen“, steht im Egesippus. Und weil der schulmeisterlich gebildete Adalbert Stifter zur Mitte des 19. Jahrhunderts so empfindet, zitiert er aus dieser historischen Schrift: „Diese Dinge empfindend erschien es mir nicht zwecklos, den Spruch des Egesippus an die Spitze eines Gedenkbuches zu stellen, das von meinem Urgroßvater und seiner Mappe handelt.“
Ulrich Ladurner, der als Auslandsredakteur für die Hamburger ZEIT aus dem Irak und Iran, aus Afghanistan und Pakistan berichtet, empfindet gut 150 Jahre später Ähnliches. Entscheidender Anstoß zum Schreiben ist bei ihm freilich nicht biedere Selbsttherapie, und schon gar nicht geht es um eine süße Vergangenheit. Es geht um Krieg; jenen Krieg, der zur „Lösung der italienischen Frage“ vor genau 150 Jahren angezettelt wurde und in der legendären Schlacht von Solferino am 24. Juni 1859 gipfelte; es geht um den Moment, der die Agonie der Habsburger einleitet und den Joseph Roth nicht umsonst an den Beginn seines „Radetzkymarsch“ stellt; es geht schließlich auch um den Menschenfreund Henri Dunant, der mit entsetztem Blick das Grauen der Kriegsopfer protokolliert und inmitten der helfenden Zivilbevölkerung die Idee des Roten Kreuzes gebiert.

„Es gibt“ also, wie Ladurner feststellt, „viele gute Gründe, über Solferino zu schreiben.“ Aber Ausgangspunkt war wie bei Stifter ein Urgroßvater. Er war kein „weitberühmter Doktor und Heilkünstler gewesen, sonst auch ein gar eulenspiegliger Herr, und wie sie sagen, in manchen Dingen ein Ketzer“ wie der Stiftersche; sondern er war Schuster in Südtirol, war als Soldat in der Schlacht von Solferino, und später ist er zum Dorfschreiber aufgestiegen, nach dem Krieg, über den er wohl geschwiegen hat, ebenso geschwiegen wie der Großvater über den Ersten und der Vater des Autors über den Zweiten Weltkrieg. Nichts vom Urgroßvater ist geblieben außer seinem Tagebuch vom Krieg in gut lesbarer Kurrentschrift. „Vielleicht hat mein Urgroßvater später, als er älter war, seinen Kindern von diesem Krieg erzählt. Ich weiß es nicht, doch ist es möglich. Wenn er es getan hat, dann könnten seine Worte weitergewandert sein durch die Zeit, von seinem Mund zum Mund meines Großvaters zum Mund meines Vaters. Doch so ist es nicht gewesen. Kein Mund hat mir etwas von diesem Schrecken erzählt, nur sein Tagebuch.“

Mit einfachen Mitteln schildert dieser Soldat, das Schöne wie das Schreckliche, ohne große Dramaturgie. Sparsam und voll Pietät zitiert Ladurner aus den Aufzeichnungen, erzählt wo notwendig Familiengeschichte, montiert ausgewählte Literatur und erstellt „die Schritte meines Urgroßvaters möglichst genau nachvollziehend“ eine „historische Reisereportage“. In Ton und Motivation ist das Buch Ingrid Strobls „Anna und das Anderle“ nicht unähnlich. Es endet auf dem Solferiner Golgatha, dem dortigen Ossarium, das die Gebeine der Kriegstoten sorgsam nach Schädeln und Rumpfknochen ordnet. Diese Schädelstätte im beschaulichen Örtchen nahe dem Gardasee ist ein schauerlicher Erinnerungsort. Krieg ist keine schöne Sache. Das ruft uns dieses sehr persönlich gehaltene Büchlein ohne heldenhafte Überhöhung in Erinnerung. Was den Ladurners bleibt, ist das in rissiges Leder gebundene Tagebuch: „Es hat einen sehr weiten Weg durch Raum und Zeit zurückgelegt. Ich hoffe, dass seine Reise weitergeht.“

Bernhard Sandbichler

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