Rezension 2009

Alois Hotschnig, Im Sitzen läuft es sich besser davon. Erzählungen
Köln: Verlag Kiepenheuer und Witsch 2009

Endlicher Ernst

Zu Zeiten, da David Foster Wallaces „Unendlicher Spaß“ in Deutsch postum auf 1552 Seiten ausgewalzt und mit Musils „Mann ohne Eigenschaften“ (FAZ) oder Manns „Zauberberg“ (Der Spiegel) verglichen wird, erscheint auch Alois Hotschnigs schmaler Band mit sechs Erzählungen auf knapp 140 Seiten. Drei Jahre nach seiner letzten Sammlung „Die Kinder beruhigte das nicht“ zeigt Hotschnig damit zwar nicht, „dass Literatur mehr kann, als Geschichten erzählen“ (FAS), aber immerhin, dass sie auch das kann, nämlich eben Geschichten erzählen. Es ist keine Turbo-Literatur, die nach vor treibt, sondern in einer Art Schubumkehr Tempo drosselt, um dort genau hinzuschauen, worüber das Rasante hinwegsieht: eine Welt des Leerlaufs, deren unwerte Protagonisten auf der Stelle treten.

Es ist eine paradoxe Welt der statischen Mobilität, mit Menschen, die im Sitzen nichts und auch im Stehen nichts versäumen, eine Welt als Wartezimmer, ganz so, wie es der letzte Satz der letzten Erzählung sagt: „Im Sitzen läuft es sich besser davon.“ (Nebenbei: Welcher Autor findet so wunderbare Titel für seine Erzählungen wie Alois Hotschnig? Höchstens Max Goldt.) Fluchtbewegung heißt hier: „Er steht in den Rosen. Er steht in den Rosen und steht.“ Wenn es so einem besser geht, folgt daraus: „Dann trippelt er auf dem Stand und kommt nicht vom Fleck ... Dann steht er nur noch und steht.“ Räumliche Bewegung bedeutet zeitliche Dehnung: „Im vierten Stock dauern die Tage noch länger, wo sie schon im zweiten nicht aufhören wollen.“ Eine Reise machen, sich selbst auf den Weg machen, abhauen: Hier endet es absurd im Lebensmittelgeschäft als „von den Regalen herunter ins Meer springen“.

Absurde Gespräche über Zustände:
„Ich soll mich umgebracht haben? Das hätte mir meine Ärztin aber gesagt. Warum sollte ich das denn getan haben? Klaus.
Ich kann dir das doch nicht sagen, Ludwig. Du hast dich umgebracht. Du wirst deine Gründe haben. Es heißt, du hast dich erschossen.
Ich habe mich erschossen. Das erklärt, warum sich keiner mehr blicken lässt. Ich habe keinen Kontakt mehr, weißt du.“

Ludwig kontaktlos, Herr Hauser ortlos:
„Herr Hauser, bei uns Ärzten sind Sie am falschen Ort, soll der Arzt zu ihm gesagt haben, Sie sind vollkommen gesund. Das hat ihn doch ziemlich gekränkt. Seitdem ist er auf der Suche nach dem richtigen Ort, wie er sagt.“

Und die, die mit einem reden, verständnislos:
„Wenn es Paul nicht gut geht, weil er gesund ist, wie du sagst, dann müsste es ihm doch gut gehen jetzt, wo es ihm schlecht geht, weil ihm nichts fehlt. Oder verstehe ich da etwas nicht?“

Für diese unspektakuläre regressive Welt, für die wir anderen harte Namen bereithalten – Demenz, Depression, Alzheimer, Parkinson – und der wir mit Heim und Dreigang-Menüs, mit phantastischen Hemmern – Effectin, Madopar, Motilium, Adamon – begegnen, für sie hat Alois Hotschnig hier einen virtuos-armen Wortschatz entwickelt, eine Prosa povera. Zumeist wird montiert, zuweilen aphoristisch zugespitzt. Dann auch anekdotisch erzählt, wie in der Geschichte von der heilenden Kraft der Bisse des Hundes Karl. Was man nicht über dieses Buch sagen kann: „Wer es gelesen hat, ist danach ein anderer“, wie DIE ZEIT von Wallace gemeint hat. Sondern: Wer dieses Buch gelesen hat, wird ganz auf sich selbst zurückgeworfen. Aber er kennt diese Anderen besser.

Bernhard Sandbichler

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