Rezension 2009

Barbara Hundeggerschreibennichtschreiben. Lyrik
Skarabaeus Verlag 2009
 
 
Die Zwei Alfabete der BaHu

Das Alfabet als grundlegendes Ordnungssystem unserer Sprache – Barbara Hundegger hat in ihrem soeben erschienenen Gedichtband „schreibennichtschreiben“ darauf zurückgegriffen, auf die reine Sprachmaterialität, auf das Gerüst. Wo fängt was an? Wo hört es auf? Von Z zu A kommend, rollt die Autorin von hinten nach vorne auf, nicht nur gegen den Strich also, sondern geht vom Letzten zum Ersten, kommt vom Hintersten zum Vordersten. Eine Ordnung auf den Kopf gestellt.
„SNS – facetten eines widerständigen alfabets“ , so lautet der Titel des ersten mit „intro“  überschriebenen Teils. Keine Short Messages, die Assoziation liegt nahe, sondern Short Notices einer, die die Entscheidung getroffen hat, das freie Schreiben zur Grundlage ihrer Existenz zu machen.
In klaren Notaten breitet sie das Koordinatensystem aus, in dem eine wie aufgespannt scheint, in den Widersprüchen und Widerständen, die sich sowohl im Eigenen auftun wie auch in der Gesellschaft. Es sind Reflexionen über die Existenz als Schriftstellerin, ganz real und konkret verankert im Bemühen, aus dem Schreiben heraus zu leben. Reflexionen zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, zu den fehlenden oder auch beschämenden Grundbedingungen, aber auch Konsequenzen, die die Entscheidung zu dieser Form der Existenz im Zwischenmenschlichen, im Privaten mit sich führt. Da finden sich Spuren von Debatten, Diskussionen, Anklagen, Selbstzweifeln, Ironie – aber auch von Ausgeliefertsein, Glück und Einsamkeiten.
Was wie ein lockeres Aneinanderreihen scheint, wird zum stringenten Durchspielen eines Koordinatensystems, in dem das lyrische Ich  wie „aufgespreizt“ erscheint. Doch was heißt hier „lyrisches Ich“: Es sind Notate aus dem Leben und Denken von Barbara Hundegger, die die drei großen P: persönlich – politisch – poetisch, im Schreiben verknüpft. Es ist ihre Poetologie, die Gesellschaftliches nie außer Acht lässt, da das Persönliche in ihm eingeschrieben ist und umgekehrt. Und so entsteht nicht nur das Bild der Widerstände, sondern auch jenes des Widerstehens, der Widerständigkeiten. Widerstände und Widerstehen als ein vertrackt in sich verdrehter Zopf, der durchzogen ist von der Liebe zum Wort als auch von der Liebe des Wortes. Eine äußerst wichtige Unterscheidung, die in einem der ersten Notate ausgesprochen wird: „denkst du den wörtern in dingen, stimmen, stillen, in taten nach“, und etwas weiter: „lässt du halt doch immer wieder die wörter nachdenken“. Sowohl in Sprache fassen wollen als auch in der Sprache gefasst sein, den Wörtern, ihrem widerspenstigen Eigenleben ausgesetzt sein. In dieser Mehrfachbindung ist das eigene Leben und Schreiben verankert.
Die Notate führen hin zu den Gedichten, in denen es um das Fundament geht: schreibennichtschreiben. Keine Frage jedoch, vielmehr eine Endlosschleife, das eine im anderen verzahnt. Sie, die Gedichte, bilden eine Art poetische Bestandsaufnahme, sie schreiben über das Schreiben am Limit, aus einer „Krise“ heraus im Sinn des Wortes von Roland Barthes: unterscheiden, trennen – die eigenen Positionen reflektieren und hinterfragen.
In diesem Sinne ist „schreibennichtschreiben“ wohl  das bisher grundlegendste Werk von Barbara Hundegger und eben auch das persönlichste, im oben definierten Sinn. Und gerade deshalb wohl legt die Autorin dem Band ein strukturell äußerst strenges, ja grammatisches Korsett an. Wiederum ein Alfabet, von hinten nach vorne aufgereiht.
Auf der linken Seite des Zyklus „schreibennichtschreiben“ finden sich alle vier Seiten Wendungen, alfabetisch geordnet von hinten nach vorne, inhaltlich verfremdete Wendungen, alle im Partizip Perfekt, wie zum Beispiel „verläufe genommen“, „ufer erschwommen“, „nächte bereitet“, „neigen geleert“, „drähte gekappt“, „deckungen aufgegeben“. Sie lesen sich wie eine Biografie, ein Rückblick, und sind selbst in Gedichtform angelegt. Je drei dieser Wendungen sind grafisch hervorgehoben und bilden den Titel der drei darauf folgenden Gedichte, bevor wiederum ein lexikalisches begriffliches Gedicht folgt. In diesen drei Gedichten werden die Wendungen in die Infinitivform gesetzt,  „verläufe genommen“ wird zu „verläufe nehmen“, „ufer erschwommen“ wird zu „ufer erschwimmen“. Damit werden sie ins Aktiv gesetzt und in die Gegenwart geholt. Sie erscheinen wie Momente, die dem Strom des Vergangenen und des Vergessens entrissen werden. Und in ihnen, in diesen Gedichten, eröffnen sich all die „zwischenzeichenreiche“, lässt Barbara Hundegger der „sprachschatzader“ freien Lauf. Innerhalb der strengen Struktur explodiert und implodiert die Sprache, wird der Gier nach den Wörtern, aber eben auch der Gier der Wörter freier Lauf gelassen, werden sie rhythmisch vorangetrieben. Die Gier der Wörter und die Begierde nach den Wörtern. Körperlichkeit und Abstraktion fallen in eins.
Die Inhalte erwachsen dabei aus dem Grund eines Lebens, das sich der Wahrnehmung durch das Wort verschrieben hat, oder, um es mit den Worten von Herta Müller auszudrücken: „Jede Verzweiflung, jede Angst macht im Kopf Bilder. Das tötet nicht die Wahrnehmung ab. Wahrnehmung kann Halt geben. Das ist ein Prinzip.“ Ein Prinzip, das sich immer in der Ambivalenz zwischen „Wörter denken“ und „die Wörter denken lassen“ bewegt, ein Kampf auch. Mit den Wörtern, gegen sie. Verbündete. Und das als Berührung, als Emotion bei der Leserin „ankommt“.

Barbara Hundegger stellt sich diesem Buch dem Grund dessen, worauf ihr Leben aufbaut, in all seinen Facetten, Lieben, Gegensätzen und Widersprüchen. Es ist somit ihr bisher intimstes, ihr strengstes und berührendstes Werk zugleich.
Und durch den gesamten Text zieht sich die Antwort, zumindest für die Leserin,  ist sie doch  eine große Liebeserklärung an das Schreiben, das dem Leben zu- aber auch entgegenschreibt, denn: „die gier, die gier des textes nach dir“. Da gibt es kein Entrinnen, nur ein waches sich Hingeben.

Anna Rottensteiner

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