Rezension 2009

Sonja Steger, keine details  
Innsbruck: Skarabäus Verlag, 2009

Bedeutsam für die Atmosphäre eines Bildes ist die Abstufung der Lichter. Und einmal mehr gilt für die Lyrik, was auch für die bildende Kunst, Malerei und Fotografie gilt:  Mal mehr, mal weniger Licht, fällt auf die von der Autorin beleuchteten „taten, orte, worte, zeiten“.
     „keine details“, proklamiert der Titel des erst kürzlich erschienenen Gedichtbandes der Südtiroler Autorin Sonja Steger. Verleitet der Titel zunächst dazu, zu glauben, die Gedichte seien eben nicht von der Genauigkeit des dichterischen Blicks durchdrungen oder sie enthielten keine durch schärfste Beobachtung geprägten Bilder, so wird bei der Lektüre rasch klar, dass der Titel um das Adjektiv „unnötig“ erweitert werden könnte: keine unnötigen „details“ zeigt uns die Autorin, alles hat Gewicht. So präsentiert uns Sonja Steger „details“, poetische Bilder in reduzierter, knapper Form. Miniaturen, die sich auf die (Netz)Haut legen. Kleine Mosaike, die sich zu ganzen Städten, und Landstrichen zusammenfinden. Sie entwirft, verwirft aber auch Sehnsuchtsbilder, die den Fensterblick der Romantik evozieren. Der sehnsuchtsvolle Blick in die Natur bricht sich aber an Überlandleitungen, grauen Stadthimmeln und Fischleichen im Fluss. Es zeigt sich den LeserInnen ein urbaner Lebensraum, in dem zwar noch ein tiefer Wunsch nach Ursprünglichkeit und Natur treibt, für den zwischen Häuserfronten, Schuttkegeln und Geröllanschwemmungen jedoch kein Raum mehr bleibt - den nur die Dichterin noch in der Sprache lebendig hält. Sich aufmalen, davonfliegen, landen für einen Moment bloß, ein Augenschlag und weiterfliegen, dann den Ballast des eben Erlebten abwerfen – ein Streifzug, zu dem diese Gedichte einladen.
     Die Texte „orte“ führen die LeserInnen von Mals über den Reschenpass ins Ötztal, nach Sonnenberg, aber auch nach Salzburg und die Toskana. Auf dem Weg strömen die Bilder, die den Text-WanderInnen begegnen, ungefiltert in die Augen. Mit jedem Schritt, jedem Blick macht sich das lyrische Ich zu eigen, was es berührt und sieht. Landschaft und Natur werden Teil seiner selbst, so wie es seinerseits Teil der Umgebung wird.

gehend wurzeln bilden
landzuwachs in innenwelt
verinnerlichter sonnenberg
[…]

So vermischen sich Gehender und Begangenes, der Blick ins Außen wird mehr und mehr ins Innere gezogen, ohne introspektiv zu werden. Vielmehr zeigt sich, wie der Blick des lyrischen Ichs in der ewig gleichen Bewegung immer enger wird und sich schließlich in einem Brennpunkt sammelt.

bis zur erschöpfung gehen
mikroskopierte landschaft
erde
moos
stein
starrer blick zu boden
streut geröllaugen
auf das gesicht es weges
(sonnenberg II)

     Anders verhält es sich in Gedichten wie „ötztal“ oder „reschen“, in denen sich „das Leben […] tot an[fühlt]“, die Natur zurückgedrängt wird und nur mehr als vermietetes Stück Land erscheint. So zeigen sich schließlich in „haide“ die Menschen als Spiegelbild der urbanisierten Natur. Ihre Bräuche und Riten, die dem Natürlich-Kreatürlichen am nächsten standen, sind verkommen zu bloßen Gesten, zu Spielerei und Gaukelei. Die Menschen sind Schausteller und zu Händlern für ihr einst ureigenstes Bedürfnis nach Gott, nach Halt und Gemeinschaft geworden. Sie sind Zeugen und Zeichen einer säkularisierten Religion, des Ausverkaufs traditioneller Zeremonien, der Vermarktung von Brauchtum, Kultur und letztlich des Verlustes ihrer Identität. Kommerzialisierter Glaube hält sich an den Werbebannern, die ehemals Schärpen und priesterliche Talare waren.

im haus der zelebranten der macht
erschlägt der prunk aus jahrhunderten
[…]
Eine wellness-festung
[…]
motivationstrainer für manager
knien auf kirchenbänken

Übertüncht von Schmuck und Zier, lässt doch nichts darüber hinwegtäuschen, was nicht zu übersehen ist. Da erscheint es nicht weiter verwunderlich, dass in dem Gedicht „sexten“ Grabinschriften als das einzig „lebendige Wort“ erscheinen, weil sie - den Tod eines Menschen bezeugend - zu seinem alleinigen Lebenszeugen werden. Und langsam verlässt der Blick der Autorin die „orte“ und wendet sich den „worte(n)“ zu.
Aber auch die Orte der Sprache, die Worte erweisen sich als bodenlos, haltlos bloße Instrumente der „dauerheuchelei“. „alles viel zu wirklich“ – heißt es – und doch setzt Steger dem unermüdlich das Wort der (Ver-)Dichterin entgegen. Gehen äußere Bezugssysteme verloren, wird der Ruf nach einem Du lauter. So sind unter dem Untertitel „für“ all jene Dus zu finden, denen das lyrische Ich begegnet und in Worten begegnen möchte. Sind es gerade diese Gedichte, die Helmut Schönauer in seiner Rezension zu dem vorliegenden Gedichtsband kritisiert, sollte dabei nicht übersehen werden, dass ohne Bezugspunkte - seien es Orte, Worte, Zeiten oder aber Personen - ein Großteil an Dichtung nicht entstanden wäre und auch in Zukunft nicht entstehen würde. Das „du reizt die netzhaut“ wie die Feder. Das Verlangen nach Ausdruck, der Wunsch zu ordnen, was nicht zuordenbar scheint, sich dem zu nähern, was unnahbar ist, und das zu würdigen, was längst vergessen wurde – all das ist Dichtung, all das ist es, was Dichtung lebendig macht und immer wieder neu entstehen lässt.
     Was dann noch bleibt ist „stille“. Und so endet auch Stegers Band. „nie genug“, heißt es, aber aus der Distanz, welche die Dichtung erreicht, nachdem sie sich der Welt, den Menschen und den Dingen darin genähert hat, erscheint alles in einem neuen Licht. Lösungen bieten Gedichte niemals, wohl aber die Möglichkeit, einen neuen Standpunkt einzunehmen, sich den Dingen von einer anderen Seite zu nähern. In eine Stille treten - Gedichte schreiben, Gedichte lesen - , um aus ihr mit Mut und Kraft erneut herauszutreten – so könnte der Aufruf Stegers verstanden werden, mit dem dieser Band schließt.

dreh dir einen strick aus stille
und häng dein wort daran

Kerstin Mayr

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