Rezension 2009

Alois SchöpfPlatzkonzert. Essay mit Erinnerung
Innsbruck: Limbus Verlag 2009

WORTMARSCH

Alois Schöpf ist seit 40 Jahren bei der Blasmusik und seit 20 Jahren Kapellmeister. Das an den Anfang zu stellen ist wichtig. Denn in der Folge werden mitunter Typisierungen und Klassifizierungen vorgenommen, die man so noch nirgends gelesen hat. Platzkonzert trägt den Titelzusatz Essay mit Erinnerung. Das heißt so viel wie Analysen rund um das Thema Blasmusik und Autobiografisches. Und genau das bekommen die LeserInnen dann auch serviert und zwar – ein Kapellmeister weiß, wie er sein Publikum zu bedienen hat – in gut gemischten Dosen.
Eingangs bedauert Schöpf, dass er durch seine Blasmusikverrücktheit nicht genug Zeit für die Schriftstellerei bzw. – wie er es ausdrückt – für die „der Selbstvermarktung, dem sogenannten Networking und der damit zwangsweise einhergehenden Selbstheroirsierung“ (S. 5 )hat. Ein Blick auf seine gut betreute Homepage (www.aloisschoepf.at) zeigt, dass er doch auch im schriftstellerischen Bereich seit Jahrzehnten sehr produktiv ist.

Schöpf gibt freimütig zu, „katholischer Atheist und leidenschaftlicher Antiesoteriker“ zu sein, was ihn jedoch nicht daran hindert, den kompositorischen Wert von Kirchenmusik zu loben. Schöpf geht es immer um die Musik, vom wie auch immer gearteten ideologischen Hinterbau lässt er sich nicht blenden. Er ist kein Dogmatiker, er ist Blasmusikmaniac. „Ich bin süchtig nach dieser Welt“ (S. 10), Um kurz in diesem Sprachbild zu bleiben. Schöpf ist ein strenger Dealer. Er weist sich frank und frei als durchaus pedantischer Kapellmeister aus, hält die „anstrengenden Zurechtweisungen“ allerdings für notwendig. Milde ist auch der Autor Schöpf nicht. Milde erwartet man sich auch nicht in einem Essay, das darf schon streitbar sein und das ist es vor allem dann, wenn Schöpf seine Schlüsse zieht.

Doch zuerst zum Erinnerungspart. Schöpf – man darf hier durchaus von Schöpf reden und nicht vom Erzähler respektive Erinnerungsessayisten – ist in einem Gasthaus aufgewachsen, in dem die Musik immer schon eine wichtige Rolle gespielt hat. Platzkonzerte waren etwas Besonderes in seiner Kindheit, da er schlicht und einfach länger auf bleiben durfte. Ähnliche Funktion hatten später dann die Musikproben. Das Kind genoss die Musik und wollte schon als Siebenjähriger Opernsänger werden. Für die Liebe zur Klassik waren Radioerlebnisse verantwortlich. Das erste Opernerlebnis erfuhr er via TV. Via Staatsfunk also, der damals noch was taugte, nun aber nur mehr nivelliertes Mittelmaß sende. In die Schriftstellerei schließlich wurde Schöpf von Pater Karl eingeweiht, der an sich auch andere Interessen gehabt hätte. Schöpf weist sich als Sonderling aus, als einer, dessen erste Platten die G-Moll- und die Es-Dur-Sinfonie von Mozart waren und dem die Mädchenwelt verschlossen blieb.

Die Erinnerungspassagen und das Essayistische sind angenehm ineinander verwoben. Erst wird beispielsweise erzählt, wie Schöpf 1957 den Zirkus Krone in Innsbruck besuchte und sich dort quasi auf den ersten Blick in das Saxofon verliebte. Dann folgt eine interessante Abhandlung über die Geschichte dieses  Instruments, das seinen Ausführungen zufolge das „antijesuitischste“ sei. Es entspannt sich im Folgenden ein äußerst amüsanter (ja, natürlich auch angreifbarer) Vergleich zwischen Saxofonisten und Flügelhornisten.  „Das Saxofon ist so perfekt konstruiert wie die menschliche Vernunft.“ Und zwar weil es keinen eigenen Ton habe, und sich „der menschlichen Vernunft vergleichbar, geradezu hurenhaft jeder Klangvorstellung“ (S. 32) anpasse. Das Saxofon sei, so führt er weiter an, das Instrument der „Selbsverwirklicher, die jeden biederen Kapellmeister, der auf konservative Werte sie Solidarität, Verlässlichkeit und die Bereitschaft angewiesen ist, auch Dinge zu tun, die nicht immer Freude bereiten, zum Wahnsinn treiben.“ (S. 34)

Das muss wohl so sein. Ein Blasmusikverrückter darf von seinesgleichen schon in den Wahnsinn getrieben werden, das ist Teil des Systems Musikkapelle und gleicht sich ohnehin intern wieder aus, denn: „Ganz im Gegensatz dazu ist das Flügelhorn eine kastrierte Trompete.“ (S. 35) Die Herren „der Innerlichkeit“ seien „meist fromme oder nachdenkliche Menschen“ und überdies gläubig, Klarinettisten hingegen „beredt.“ (Vgl. S. 41) Der Kapellmeister muss mit all diesen Typen umzugehen wissen, ein schwieriges Dasein: „Der Leitbulle muss erst beweisen, dass er würdig ist, seine musikalische Herde mit Kunst zu begatten.“ (S. 23) Das liest sich gut, ist aber (hoffentlich) nicht ganz ernst zu nehmen. „Ich war zu wenig ironisch“, schreibt Schöpf auf S. 92 über seine Mozart-Verständnisschwierigkeiten in der Jugend. Mittlerweile hat er die hohe Kunst der Ironie im kleinen Finger. Schöpf hat auch einen Hang zu prägnanten Stehsätzen. Um nur ein paar (der gelungenen) zu zitieren: „Beethoven ist bürgerlicher Aufstiegsstress pur.“ (S. 81f.) „Der Marsch ist die Musik des öffentlichen Gehens.“ (S. 113) „Die Glenn Miller Story. Das war Lässigkeit in Reinkultur. (S. 112)
An süffigen Formulierungen scharfer Beobachtungen fehlt es in Platzkonzert nicht. Die Lebensweise in der Zeit des Aufschwungs wird folgendermaßen beschrieben: „Hochrote Köpfe mit geplatzten Äderchen galten als Ausdruck von Vitalität. Fette Bäuche deuteten auf Wohlstand hin wie bei den Buddhisten.“ (S. 15)

Platzkonzert ist außerdem durchaus aufschlussreich. Man erfährt beispielsweise, woraus historisch korrekt Fanfarenorchester bestehen. Was man unter einem „Alla-breve-Schock“ zu verstehen hat. Wie man die Klassik gegen den Jazz verteidigen kann. Warum sich große Komponisten oft an die Machthaber anbiedern mussten, und, und, und. Freilich manchmal poltert Schöpf etwas zu klassikverbandelt altväterisch: „Umso unverzeihlicher ist es, wenn die Jugend durch die Medien, aber auch durch anbiedernde Instrumentalpädagogik und billige Konzertprogramme geradezu systematisch von dieser wunderbaren Welt ferngehalten wird.“ (S. 25) Wo er doch selbst weiß, dass es nichts bringt, die Jugend zu ihrem Glück zu zwingen. „Lehrer wollen alles richtig machen, daher machen sie das meiste falsch.“ (S. 73)
Die Seitenhiebe auf den Bukowina-Jazz (S. 22) kann man kommentarlos überlesen. Auf die Dauer etwas nervend jedoch ist die mehrmalige Wiederholung der sexualtechnischen Untätigkeit des Jünglings während der Schulzeit beziehungsweise das damalige Bedauern und jetzige Verklären der doch mit Literatur- und Musikbefassung besser genutzten Zeit. „Meine Unfähigkeit, mit den Freunden mitzuhalten, erwies sich also, ohne das ich es damals wissen konnte, als Chance, länger frei zu bleiben.“ (S. 129)

Was ebenfalls immer wieder kommt, ist die Behauptung, Städter, Kulturjournalisten etc. würden das Landleben und die dortige Blasmusikkultur denunzieren. Das jedoch sei dem Langzeitkämpfer der Traditionspflege zugestanden. Schöpf zieht überdies einen klaren Strich zwischen Blasmusik und volkstümlicher Musik und erklärt, wie der Siegeszug österreichischer Unterhaltungsmusik zu verstehen sei, nämlich dadurch, „dass hierzulande seit der Gegenreformation das Denken bis in unsere von großkoalitionären Mehrheiten gesegneten Tage herauf unerwünscht und wenn schon nicht verboten, so doch verpönt war.“ (S. 36f.) Schöpf denkt mit, weiß sehr wohl die Vor- und Nachteile beispielsweise des Tourismus (der auch immer wieder Thema ist) aufzuzeigen. „Wir machten Kunst für die Gäste. Und die Gnade, dass wir für sie spielten, hielt der Freude, dass sie uns zuhörten, die Waage.“ (S. 65)
In Summe ist dieses Platzkonzert gelungen. Das Publikum bleibt gerne bis zum Ende, lässt sich nicht durch vereinzelte Unstimmigkeiten verjagen, sondern ist auf die Zugabe gespannt. Und wenn man den Kapellmeister hinterher an der Bar trifft, lädt man ihn vielleicht sogar auf ein Bier ein, um in eine Diskussion über Jazz versus Klassik zu versinken.

Markus Köhle

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