Rezension 2009

Maria E. BrunnerIndien. Ein Geruch
Folio 2009

Reisende zwischen Welten, dieser Titel könnte als programmatischer Überbegriff für Brunners Schreiben insgesamt stehen, stellen doch Landschaften und deren Bewohner ein zentrales Moment in ihren Büchern dar. So etwa in ihrem Romandebüt „Berge Meere Menschen“, in dem die Protagonistin zwischen der engen Südtiroler Bergwelt und der süditalienische Ebene und Weite hin- und herpendelt. Das Durchschreiten, das Durchfahren von Landschaften, das Sein in und zwischen diesen unterschiedlichen Welten setzt Brunner in ihrem zweiten Buch „Was wissen die Katzen von Pantelleria“ fort. Der geografische Radius weitet sich aus, Reisen auf den Balkan, Süditalien, Deutschland und Südtirol werden hierin festgehalten, wobei sich der literarische Blick auf Leben, Kultur und Mythos richtet.

Mit Maria Brunners drittem Buch „Indien. Ein Geruch“, das ebenso wie die beiden anderen im Folio Verlag erschienen ist wird man an einen Kontinent herangeführt, der all seine exotischen und sinnlichen Reize verloren hat. Bilder von märchenhaften Stätten und Wesen, hervorgerufen durch die Lektüre wie etwa des „Ramajana“ oder der „Märchen aus Tausend und einer Nacht“, finden hier keinen Platz mehr.

In zehn literarischen Bildern wird man mit einem Land konfrontiert, das mit westlichen Maßstäben nicht gemessen werden darf, das mit westlichem Denken nur schwer verstanden werden kann – der so genannte „Kulturschock“ bleibt selbst beim Lesen nicht aus.
Man findet sich ein im indischen Alltag, im Chaos, im Schmutz und Lärm, umgeben von Armut, menschlichem Elend und Leid. Der rote Faden der Gerüche, der als Metapher für Verfall, Untergang, Morbidität, aber auch für Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Rückständigkeit gelesen werden kann, zieht sich konstant durch das Buch. Das Atmen scheint einem hier nicht leicht zu fallen.

Die Orte und Schauplätze wechseln, man dringt tiefer vor in das indische Leben, taucht ein in eine fremde, teilweise unbegreifliche Kultur, die gezeichnet ist von Buntheit, Grausamkeit, Obskurität. In diesem für europäische oder westliche Verhältnisse dichten, um nicht zu sagen undurchdringlichen Dschungel, wo sich traditionelles Denken und Handeln mit modernen und westlichen Lebensvorstellungen vermischen, fokussiert Brunner immer wieder weibliche Existenzen und deren Lebensumstände in einer vorwiegend männlichen Gesellschaftsstruktur. Dabei wird auf das Schicksal „wertloser“ Mädchen und Frauen, die zur Prostitution gezwungen sind, aufmerksam gemacht. Ebenso trifft man auch auf die Lebensvorstellungen von aus der Oberschicht stammenden indischen Frauen, die sich in vielerlei Hinsicht von europäischen Haltungen unterscheiden.

In klarer Sprache hält Maria Brunner ihre Eindrücke fest. Poesie und kritisch-distanzierter Blick schließen sich nicht aus. Das Buch zieht die Leserin, den Leser in seinen Bann, man liest es bis zur letzten Seite in einem Zug zu Ende. Warum? Vielleicht weil die befremdlichen und aufstörenden Momente die dieses Buch enthält, den Leser zurückführen an seinen Platz des Reflektierens, zurückführen zu seiner Kultur und Identität.
Dem Text ist ein Bildteil mit einem guten Dutzend Fotografien von Arnold Mario Dall’O ist beigestellt. 

Verena Gollner 

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