Rezension 2009

Anna Maria Leitgeb, Der Boden unter den Füßen. Roman
Bozen: Edition Raetia, 2009, 232 Seiten
 

 
Regionale Zeitgeschichte als Stoff in Anna Maria Leitgebs Der Boden unter den Füßen.

Südtirol – Amerika 1938-1945: Für das Südtiroler Bauernmädchen Moidi, 15, ist das Erlernen eines Berufs nicht vorgesehen, sie arbeitet, wie es üblich ist, am elterlichen Hof, wo Vater, Arbeit und Gebet regieren. Moidi ist mit ihrem Los zufrieden, solange sie nur donnerstags zur Kirchenchorprobe gehen darf. Dort kann sie dem Dorflehrer nahe sein, der die Verliebtheit des Mädchens rücksichtslos ausnützt und es nach einer kurzen Affäre schwanger fallenlässt. Dieser Vorfall katapultiert das Mädchen aus seiner gewohnten Welt, denn der Vater lässt sich weder von seiner Frau, die in der von Kirche und patriarchalen Strukturen bestimmten bäuerlichen Welt ohnehin keine Stimme hat, noch vom Pfarrer beschwichtigen und verstößt seine Tochter. Auch rundum, aber kaum bemerkt von Moidi bricht die Welt zusammen. Schon längst hat die Faschisierung das Bergdorf erfasst: Unterrichtet wird von einer Italienerin in italienischer Sprache, während der deutschsprachige Dorflehrer von Hof zu Hof zieht, um gegen ein paar Lebensmittel den Kindern heimlich Unterricht in deutscher Sprache zu erteilen; Eltern werden gezwungen, ihre Kinder in der faschistischen Jugendorganisation Ballila anzumelden; die Faschistenuniform ersetzt die traditionelle Tracht, faschistische Aufmärsche das Ausrücken der Blasmusikkapellen; Grabinschriften müssen in Italienisch abgefasst werden, Plätze werden umbenannt, deutsche Denkmäler entfernt; das Hitler-Mussolini-Abkommen spaltet die Dorfbevölkerung in Weggeher und Dableiber. Eine Dorfgemeinschaft gibt es nicht mehr, Propaganda, Agitation, Angst, Unsicherheit und Zwietracht beherrschen das Dorfleben. Da weist ausgerechnet der Pfarrer Moidi einen Ausweg aus ihrer verzweifelten Lage: Er vermittelt sie und das ungeborene Kind an eine ihm bekannte jüdische Familie in Bozen, deren Kinderwunsch sich nicht erfüllt hat. Im jüdischen Haushalt wird aus Moidi Maria, die noch hochschwanger mit Familie Hellmann vor den Nazis nach Amerika flüchtet. Während Frau Hellmann aus Sorge um die zurückgebliebenen Eltern krank wird und einzig Trost in Zev Wolfgang, Marias Sohn, den sie an Kindesstatt annimmt, und in der Hinwendung zum jüdischen Glauben findet, gelingt es Herrn Hellmann und Maria, wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen. Herr Hellmann baut sich eine neue Existenz auf und aus dem Bauernmädchen Maria wird die schicke Städterin Mary: Sie findet im Milchmann Sam einen Verlobten, geht arbeiten, eröffnet ein eigenes Bankkonto und glaubt an eine gemeinsame Zukunft mit Mann und Kind, bis Amerika in den Zweiten Weltkrieg eintritt und bald darauf die Todesnachricht von Sam eintrifft. Die verzweifelte Mary wird zur Erholung auf einen Besuch nach Hause geschickt, der für sie zur Enttäuschung wird. Im Dorf ist sie eine Fremde, die von der Dorfbevölkerung als Exotin bestaunt wird. Die Eltern sind verbraucht, gebrochen und schweigsam. Der Vater beharrt immer noch auf seinen Prinzipien und quittiert Marias Frage, warum er sie verstoßen musste, lakonisch mit Tja, Weibele, Ordnung muss sein (S. 195). Auch in Bozen hat sie wenig Erfolg: Das Eigentum der Familie Hellmann wurde arisiert, die Behörden helfen nicht. Mary reist unverrichteter Dinge nach Amerika zurück, wo sie erfährt, dass sich die Hellmanns ohne eine Adresse zu hinterlassen nach Australien abgesetzt haben; Bekannte der Familie leugnen sie zu kennen und eine Recherche der Behörden ergibt, dass Zev Wolfgang als Frau Hellmanns Sohn gemeldet ist und Maria damit auch keinen Anspruch auf ihn erheben kann. Nun bricht sie endgültig zusammen und wird in die Psychiatrie eingeliefert. Nach ihrer Entlassung kehrt sie Amerika den Rücken und überlegt das Angebot der italienischen Behörden anzunehmen, beim Wiederaufbau des Landes zu helfen und als Englischlehrerin zu arbeiten.
Moidis Geschichte ist die Geschichte eines Mädchens, dem mehr als einmal der Boden unter den Füßen weggezogen wird, das aber immer wieder Fuß fasst. In gewissem Sinn ist ihre Geschichte auch die Geschichte einer zarten Emanzipation: Aus Moidi wird Maria, aus Maria Mary, wobei die äußere Verwandlung schneller und gründlicher vonstatten geht als die innere. Bereits in der Nacht der Ankunft bei den Hellmanns in Bozen schneidet sie ihr langes Haar ab, einerseits um zu zeigen, dass sie nun Städterin ist, andererseits um Buße zu tun und gemäß dem bäuerlichen Kodex einzubekennen, dass sie ihre Ehre verloren hat. Auch die Schmerzen der Geburt wertet sie als Bußübung und exorzistischen Akt, den Geliebten auszutreiben. In Amerika legt sie ihre bäuerliche Tracht ab, kleidet sich städtisch und beginnt sich zu schminken, aber erst als Religion für sie immer mehr an Bedeutung verliert, sieht sie den bäuerlichen Kodex, der ungeschnittenes Haar mit Jungfräulichkeit und intakter Ehre gleichsetzt, als töricht an. Erst jetzt stellt sie die bis dahin akzeptierte Ordnung in Frage und bemerkt die Kehrseiten des katholischen Glaubens, der für sich in Anspruch nimmt, der einzig selig machende zu sein, der die Mutter zwingt, jedes Jahr ein Kind haben zu müssen, oder der Pfarrer verlangte Rechenschaft, der Unkeuschheit als Todsünde anprangert, „gefallene“ Mädchen zu Höllenqualen verdammt und ihren eigenen Vater berechtigt, sie zu verstoßen, um Schande von der Familie abzuwenden (S. 138). Eigentlich erzählt Der Boden unter den Füßen von Verrat, Betrug und Verlust, gebündelt in der Protagonistin Moidi. Als Privatperson leidet sie unter dem Betrug und Verrat des Dorflehrers, der Eltern und der Hellmanns, die sie um die Heimat, die Familienzugehörigkeit und das Kind bringen, als Südtirolerin ist sie Leidtragende der Option und des Krieges.
Anna Maria Leitgeb hat mit Moidi und ihrem Umfeld fiktive Zeitzeugen geschaffen, die den historischen Fakten Fleisch geben. Im Vordergrund steht das Erleben der Zeitereignisse durch mittelbar Betroffene, das die Autorin sorgfältig, gründlich und ausgewogen schildert. Dadurch, dass der Erzähler nicht nur seine Protagonistin Moidi, sondern auch den Bauern, die Bäurin und die italienische Lehrerin sprechen und denken lässt und auch gelegentlich als auktorialer Erzähler wertend in Erscheinung tritt, werden die Ereignisse Faschisierung, Option und Rassismus besonders plastisch und aus verschiedenen Perspektiven geschildert: Auf der einen Seite stehen der zu kurz gekommene Lehrer, der sich parolenschreiend fürs Reich begeistert, die politisch unbedarfte, propagandagläubige Mutter, die Gerüchten Glauben schenkt, der trotzige Bruder, der sich für die NS-Ideologie begeistert und im Feld fallen wird, auf der anderen Seite behauptet sich der Vater, der in Hitler den wortbrüchigen Verräter sieht, Regime und Diktatoren für austauschbar hält und sich bewusst ist, dass Auswandern das Zurücklassen des eigenen und die widerrechtliche Annexion fremden Besitzes bedeutet. Dazwischen positioniert sich der uneinige Klerus, der mehr oder weniger offen für Hitler oder Mussolini votiert. Dazu kommt der alltägliche Rassismus, der sich gegen Ladiner, Italiener, Juden und Farbige wendet, sowohl in Südtirol als auch in Amerika zu registrieren ist und Opfer zu Tätern macht: Die ladinische Mutter, die von den Italienern als eine der Ihren und von den deutschen Südtirolern als Krautwalsche diffamiert wird, hat selber Vorbehalte gegen Juden, und die jüdischen Auswanderer Hellmann bemerken die Diskriminierung der Schwarzen in Amerika nicht. Ein weiteres Thema des Romans ist folgerichtig die Verfolgung und Ermordung von Juden als Teil der Regionalgeschichte. Allerdings überzeugt hier die Autorin erzähltechnisch nicht ganz: Dass sie in Hellmanns Wohnung Juden auf der Flucht sich gegenseitig über Details der Judenverfolgung informieren lässt, wirkt aufgesetzt und unpassend. Ansonsten ist aber die Autorin um Authentizität bemüht. Das gelingt ihr auch auf sprachlicher Ebene besonders in der Schilderung der bäuerlichen Welt (es gibt allerdings kein Glossar, in dem die zahlreichen Südtirolismen und Regionalismen wie z.B. Gitsch, Leps, Marende, Törggelen, Boxelemehl etc. erklärt werden). Leitgebs Sprache ist sehr anschaulich und bilderreich, allerdings sind nicht alle Bilder wirklich stimmig und passend. Ihre kreativen Wortschöpfungen (... lappelte die Kälte gegen Moidis Wangen, S. 46) und die Adaption von Metaphern und Vergleichen (Die Luft war weich wie laue Milch, S. 91, [Moidi] war eine Nussschale in einem Gebirgsbach..., S. 231) sind nicht immer überzeugend, insbesondere wirkt manchmal die durch Kulmination erzeugte Bilderdichte und der Mix verschiedener Bildfelder störend (Auf dem wie von innen her erleuchteten bodenlangen weißen Tuch , das den Altar bedeckte, stand pulsierend das weißliche Auge der Monstranz, und darüberhin splitterten Kerzenflammen kaleidoskopartig auseinander und gaukelten und verdichteten sich gegen beide Seiten des Altars hin zu Wellen und Strudel und wälzten sich schließlich durch den Altarraum und fraßen die Luft auf..., S. 45). Hier wäre eine Entfrachtung wünschenswert, damit die Bilder ihre Wirkung entfalten können und sich nicht gegenseitig behindern. Störend wirken auch die Stilbrüche bedingt durch den Mix der Stilschichten innerhalb eines Satzes („Bringt das Vieh auf den oberen Acker!“, schrie der Vater, wie sie alle durcheinanderstoben und tscheperten mit den Kübeln, S. 42), das unmotivierte Abgleiten in die Umgangssprache im Erzählerbericht (Moidi hatte keine Ahnung von nichts..., S. 105), falsche Präteritumformen (... schuf sie an, S. 49, Der Spiegel hing von einem rostigen Nagel, S. 5) und die häufig verwendete und wohl aus dem Englischen entlehnte Konstruktion „jemanden etwas tun machen“ (z.B. ... [zwei Carabinieri] machten die Männer kuschen und heimgehen, S. 42). Abgesehen von einigen sprachlichen Mängeln ist Anna Maria Leitgebs Roman Der Boden unter den Füßen ein durchaus gelungenes Buch, das inhaltlich und thematisch ansprechend und kurzweilig zu lesen ist. In ihrem Buch beleuchtet sie gesellschaftliche Strukturen und die Rolle der Kirche in den politisch bewegten Jahren 1938-1945 und leistet damit wie Joseph Zoderer mit seiner Erzählung  Wir gingen und Helene Flöss mit ihrem Roman Schnittbögen einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der regionalen Zeitgeschichte.

Ruth Esterhammer

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