Rezension 2009

Heinz D. Heisl, Greiner
Berlin: Dittrich-Verlag 2009

„Du hättest dich niemals darauf einlassen dürfen. Nie und nimmer. Ich atmete durch. Atmen. Atmen. Nie hättest du schreiben sollen. Niemals auch nur eine Zeile. Einatmen. Ausatmen.“ Ein beinahe 60-jähriger Mann, ehemaliger Komponist und Schriftsteller, sitzt einen ganzen Tag lang im „Excelsior Caffé“ in Tokyo und lässt seinen Gedanken freien Lauf. Wie seinerzeit Thomas Bernhards Schriftsteller in „Holzfällen“ gibt sich in Heinz D. Heisls Roman „Greiner“ die Figur des Konrad Greiner dem Beobachten und Sinnieren hin. Seine Erinnerungen und Reflexionen sind durchmischt mit vom jeweiligen Standort aus getätigten Beobachtungen japanischen Alltagslebens: im Lokal, auf der Straße, von der ihn nur die spiegelnde Glasscheibe des Lokals trennt. Wie bei Bernhard ist die Sprache rhythmisiert, sind die Sätze kunstvoll und kompliziert ineinander verschachtelt, werden die Dinge schonungslos beim Namen genannt, wird die Verdorbenheit und Schlechtigkeit der Menschheit im Allgemeinen und des Erzählers im Besonderen zur Sprache gebracht. Was dem einen Wien, ist dem anderen Innsbruck. So ähnlich ist Heisl dem Bernhard’schen Duktus des Formulierens, dass sich beim Lesen die Frage aufdrängt, was es mit dieser Ähnlichkeit auf sich haben mag. Schöpfen beide Autoren aus den Quellen einer musikalischen Schreiblust, die ihnen einen verwechselbaren Stil aufdrängt?

Greiner ist eine Kunstfigur, eine literarische Gestalt, die sich Bernhard’scher Topoi bedient, stilistisch wie inhaltlich: ausgefeilte Satzperioden, lautlich-musikalisch organisierte Textgewebe, Konzentration auf Komposition und Stil, die Kenntnis der Musik, die Liebe zur Philosophie, alles, was bei Thomas Bernhard vorkommt, entfaltet Heisl mittels Greiner vor unseren Augen und erschafft so eine Figur, die sich aus biografischen Elementen Bernhards ebenso zusammensetzt wie aus Charakteren in dessen Romanen. Dabei handelt es sich keineswegs um eine Parodie. „Scheiße, ein Wort, welches ich niemals schreiben würde, nein…, nein…, Scheiißße, neiin, sonna koto da, niemals, dachte ich, würde ich Scheiße schreiben. Und sollte ich das, was ich soeben denke, aufschreiben, dachte ich weiter, und alles momentan Gedachte und Notierte publizieren lassen, so würde man – nachdem man es gelesen, oder sagen wir, überflogen hätte – zu sagen wissen, dass man das Ganze bereits kenne, solches hätte ja der… und, na ja…, jener also, und, genau so…, und zur Genüge, gütiger Gott, zur Genüge.“

Greiner ist am Ende, sein Existieren ist ein melancholisches Herumtasten. Trotz des Erfolgs, den er sowohl mit seinen Kompositionen wie mit seinem Schreiben verbuchen konnte, traut er seinen Hervorbringungen nicht, hält sie vielmehr für wertlos und hat sich vorgenommen, nichts mehr zu schreiben. Die Konstruktion ist eines Thomas Bernhard würdig: Denn der Text, den wir lesen, ist der von einem Autor namens Heisl geschriebene, jedoch von einer Figur namens Greiner gesprochene bzw. gedachte Text, den genau dieser, Greiner, niemals zur Veröffentlichung freigeben wollte. Fazit: Indem der Autor den inneren Monolog Greiners publiziert, betrügt er seine Figur.

Der Text hat etwas Katholisch-Litaneihaftes, einen Rhythmus, der immer wieder durch kurze Einsprengsel von japanischen Wörtern unterbrochen wird, was ihm eine spröde Fremdheit verleiht, zu der aber auch griechische, lateinische, polnische, englische Sätze beitragen. „Der Komplizenschaft eines Schreiber- und Schreiberinnengesindels und Verleger- und Verlegerinnengesindels ausgeliefert habe ich mich, dachte ich auf dem Hocker, und dachte, dass die Geistesnatur aller Verlegenden, wie auch die Geistesnatur aller Schreibenden, und also naturgemäß auch die meine, die eigene Geistesnatur eine bis ins Letzte hinein verdorbene Geistesnatur sei, eine Geistesverluderung.“ Greiner liebt es, Wortungetüme, monströse Wortkonglomerate zu kreieren („Bergwaldfelsgratgipfelabhänge“), vergisst aber nie zu gendern. Es ist ein radikales, schonungs- und rücksichtsloses, detailgetreues Beschreiben und Beobachten, bis hin zu sexuellen Handlungen, rein deskriptiv. Die Erinnerungen an seine Biografie, seine Familie beschäftigen Greiner, vor allem die Erniedrigungen, die Qualen seiner Vergangenheit. „Wie meinte doch B: ‚Im Grunde existiert nur, was uns gequält hat.‘ Die Wohnung in Saggen habe ich dann gekauft, um meine Ruhe zu haben und um mich, wie ich heute weiß, einem anderen Betrieb und einer anderen mit diesem Betrieb verbundenen Verzweiflung entgegenzuschreiben.“

Heinz D. Heisl lässt mit Greiner 20 Jahre nach dem Tode Thomas Bernhards eine bernhardeske Kunstfigur erstehen, und wirft mit ihr einen „bernhardesken“ Blick auf das aktuelle Zeit- und Literatur(betriebs)geschehen. „Greiner“: Das ist eine letztlich gelungene Hommage, die sich auf sehr schmalem Grat bewegt und bis zum letzten Satz nicht abstürzt. Trotz einer scheinbar durchschaubaren Offensichtlichkeit birgt dieser Text ein Geheimnis, das er nicht freigibt. Bis zum Schluss.

Florian Braitenthaller

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