Rezension 2009 

Markus KöhleBruchharsch 
Innsbruck: Skarabäus 2009

„Bruchharsch“ verweigert sich einer einfachen Kategorisierung. Die drei Teile, „firn“, „harsch“ und „sulz“, unterscheiden sich voneinander fundamental und stellen damit die Vielseitigkeit Köhle’schen Schreibens unter Beweis. Setzt sich der erste Teil vorwiegend aus einer Ansammlung disparatester Texte zusammen, präsentiert der zweite eine dialogische Struktur, während der dritte sich konventionellen Erzählschemata annähert.

„firn“ beginnt als fleurale Dichtkunst, ein lockeres, luftiges, aufgrund der fleuralen Deskriptionen beinahe duftendes Schreiben. Hier bringt sich ein ICH in Beziehung: zur Welt und zu anderen, hier stiftet Sprache ein Beziehungsgeflecht – auch zur Tradition: eine Dichtung, die die Reflexion über ihr Metier ins Dichten integriert, dabei aber durchaus selbstbewusst-ironisch verfährt. „Rezept: Als Dichter musst du aus dem Sozialen Ästhetisches rauspicken und dies dann klischeefrei hochwürgen. Ein Dichter ist also Umweltpicker und Wahrheitswürger. Besser als Hühnerficker und Spießbürger.“ Was folgt, sind Gedankenströme, Erinnerungen, Kommentare, Kalauer, Selbstgespräche. „Wer Lausbubenstreichkäse verschmiert, muss kein Radaubesetzer sein.“ Das Spiel mit zusammengesetzten Mehrsinnwörtern droht überhandzunehmen. „Schwachsinn, ich weiß.“, kontert das Ich selbst am Ende einer Aufzählung parodierender Liebesvergleiche. Selbsterkenntnis ist dem Autor nicht abzusprechen, und er setzt sie geschickt ein. Ebenso den Nonsens, denn der von Köhle produzierte Unsinn hat einen schönen Klang und einen stimmigen Ton. „Heute geht’s ganz gut Hut ab und zu muss man an den Wänden rütteln.“:  So reihen sich persiflierte Sprichwörter und Sinnsätze an verballhornte Lebensweisheiten.

Eine weitere stilbildende Ebene stellen Zitate dar: Rilke, Schwab, Schuh, Wittgenstein, Heidegger, Céline, Sontag, Beckett, Chamfort, Kant, Deleuze/Guattari, Rimbaud. Es darf vermutet werden, dass die zitierten Autoren Bezugspunkte darstellen, als Gefährten der schreibenden Zunft, auch wenn sich die Texte dann doch nicht mit dem Zitierten befassen. Die Zitate selbst, so wie sie in das Textgeflecht eingefügt sind, stehen isoliert und vereinsamt da, wie Inseln in einem See von Wörtern, da findet keine Auseinandersetzung mit den zitierten Autoren und deren Gedanken statt. Aber so präsentiert sich „firn“ insgesamt: Textbausteine werden gesammelt und montiert, wobei der Text rhythmisch zu lesen ist.

Der zweite Teil („harsch“) ist formal „dialogisch“ aufgebaut, ein Zwiegespräch, aber es ist deshalb nicht leicht verständlich, trotz Zuruf: „– Drück dich nicht vor Ausdrucksklarheit, bemüh dich, verstanden zu werden.“ In diesen „Zwiegesprächen“ stellt einer Fragen, auf die sinnfreie „Antworten“ folgen. „Ich habe ein Galgenhumorgen in mir. Wenn man so will, könnte man auch Dummheiterkeit sagen.“ Quelle für den zu produzierenden Sprachsondermüll ist alles, wo Sprache anzutreffen ist: Reklame, TV, Zeitungen, Prozessberichte, Splitter aktueller Politik, Namen, Wissen aller Art, biologische, philosophische, religiöse, literarische Kenntnisse: Aus all dem werden Wörter extrahiert, zerlegt, neu angeordnet und ein „Dialog“ konstruiert, der aber nicht wirklich ein Dialog ist, sondern eine Montage zweier oder mehrerer oder (un)endlicher Monologe. Köhle lässt eine Sprachmüllmaschine arbeiten, die durchaus mit aufblitzenden Einsichten aufwarten kann.

Der dritte Teil („sulz“) präsentiert sich völlig anders. Mit den hier aufgenommenen Erzählungen führt Köhle seine eigene Art Erzählkunst vor. Amüsant-deprimierend zu lesen etwa die Leiden eines werdenden Autors, der sich um Publikationsmöglichkeiten bewirbt, als Kreuzwegstationen inszeniert. Mit dem letzten Satz des Buches schlägt Köhle eine beliebte postmoderne Volte, indem er das Ich von „Todesdienst“ das Buch „Bruchharsch“ schreiben lässt. Immerhin: Köhles Schreiben fügt sich parodierend, teils widerstrebend, letztlich doch selbstbewusst in die Tradition literarischen Schreibens ein und setzt sie auf eigenwillige, amüsante, originelle und konstruktive Weise fort. „Ich bin Freelancer des Geistes. Ich bin für das Protowirsche und das Metabarsche oder auch für das Kryptowirsche und das Semibarsche. Hauptsache halbwegs hermetisch.“

Florian Braitenthaller

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