Rezensionen 2008

Hellmut von Cube, Mein Leben bei den Trollen
Mit einem Vorwort von Herbert Rosendorfer
Bozen: Edition Raetia 2008

Wer noch am eigenen Leib erfahren hat, wie in den 1960er Jahren die bundesdeutschen Touristen die Eingeborenen bestaunt, manchmal auch etwas von oben herab angesehen haben, der wird sich prinzipiell schwer damit tun, sich von einem deutschen Schriftsteller als ein auf menschliche Größe zusammengeschrumpfter Troll bezeichnen und beschreiben zu lassen.
So tut es aber Hellmut von Cube (1907-1979) in dem jetzt wieder aufgelegten Buch, das erstmals bereits 1961 erschien und in Deutschland aber auch in Südtirol (von Josef Rampold) mit Vergnügen gelesen wurde. Obwohl der Wohnort der Trolle unerwähnt blieb, auch ihre Namen und jene der Orte ringsum verändert wurden, war den Schnalstalern bei Erscheinen gleich klar, dass von ihnen die Rede war, speziell vom Finailhof und dessen Bewohnern. Und zweifellos ist verständlich, dass sie nach Kenntnis dieses Buches mit dem Autor, der bei ihnen den Urlaub verbracht hatte, nichts mehr zu tun haben wollten.
Herbert Rosendorfer redet in seinem Vorwort von einem liebevollen Staunen eines von außen Kommenden, "welches Staunen von den Bestaunten nicht immer wohlwollend aufgefasst, sondern als Kritik verstanden und damit vollkommen missverstanden wurde." Und er hat noch eins draufgesetzt, indem er die Trolle auch gleich noch klobig auf den Umschlag gezeichnet hat.
Das Problem liegt aber wohl eher darin, dass den Bergbauern im Grunde das Menschsein abgesprochen wird. Da nützt es in der Folge auch wenig, wenn ihnen übersinnliche, magische Fähigkeiten zugesprochen werden. Es geht um die gleiche Augenhöhe, und die kann nie erreicht werden, wenn einem das 'zivilisierte' Gegenüber vermittelt, ein steinzeitlicher Höhlenbewohner zu sein. Da braucht es dann nicht Wunder zu nehmen, wenn sich diese Menschen verschlossen zeigen, wenn sie misstrauisch und übellaunig, eben wie Trolle, reagieren. Und auf einen derartigen Eingang in die deutsche Literatur, wie er im Nachwort positiv hervorgehoben wird, können die Finailer, überhaupt alle Bergbauern, gern verzichten.
Irgendwie wird man den Verdacht nicht los, dass Cube den Vergleich mit den Trollen überhaupt nur gewählt hat, weil "trollisch" so verdammt ähnlich wie tirolisch klingt und bei der Lektüre merkt man immer wieder, dass er dieses Bild nur mit äußerster Mühe aufrecht erhalten kann. Etwa dann, wenn er vom Besuch des Geistlichen auf dem Hof erzählt. Die Erklärung, warum die Trolle eine derartige Hochachtung vor ihm empfinden, ist einfach nicht schlüssig, denn der Glaube der Trolle in ihren nordischen Höhlen und Wäldern, falls sie überhaupt einen solchen gehabt haben, ist mit dem Katholischen eben nicht so ohne weiteres vergleichbar. Die Italiener werden übrigens als Phäaken, also als Volk von Genießern bezeichnet. Aber auch dieses Bild hinkt, denn das Volk aus der griechischen Sage hätte sicher ein friedliches Zusammenleben mit den Trollen zustande gebracht. Fast zur Gänze verschwindet hinter den oft krampfhaft witzig und satirisch sein wollenden Zeilen die Härte, mit der es auf einem Bergbauernhof zugeht. Denn der kleine Hirtentroll im Regen mag zwar mit seinem durchnässten Gewand wie eine Vogelscheuche aussehen, aber witzig ist das eigentlich nicht und er lässt in Wahrheit den Regen keinesfalls mit Gleichmut an sich herunter rinnen, sondern er hat einfach nur furchtbar zu kalt. Karoline, die ledige Schwester des Bauern, die schielt, hinkt, Schnaps trinkt und ihr 'versäumtes' Leben mit dem Lesen von Heimatromanen sublimiert ist eigentlich eine tragische Figur und nicht geeignet für einen Bauernschwank, in dem man sich beim Lesen dieses Buches über weite Strecken zu befinden vermeint. Dass Cube mit seinem feuilletonistischen Stil manches überzeichnet, wäre an sich nicht das Problem. Aber es ist der Blick – mehr von oben als von außen –, eben dieses zweifelhafte Staunen, dass die Bergbauern lesen und rechnen können, ja sogar mit den neuesten Errungenschaften der Technik sehr gut zurechtkommen, etwa einen Motor reparieren und ein E-Werk betreiben können, obwohl ansonsten im Haus noch kein fließendes Wasser vorhanden und das Örtchen daher noch ein Plumpsklo ist.
Mit solchen prinzipiellen Vorbehalten wird es dann allerdings schwer, dem Büchlein auch gute Seiten abzugewinnen, die es zweifellos hat. Der Schafhandel ist dafür ein köstliches Beispiel. Es sollte nur nicht zu sehr, wie im Vor- und Nachwort angeregt, als Dokument gelesen werden.

Anton Unterkircher

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