Rezensionen 2008

Manfred Schild, Abgetaucht
Fischer Bühnenverlag, 2008 
 

Anlässlich der Übersetzung von Manfred Schilds Abgetaucht (Fischer Bühnenverlag) ins Tschechische 
 

Am 18.4.2008 wurde Manfred Schilds Theaterstück Abgetaucht in tschechischer Übersetzung in Bratislava vorgestellt – ein guter Anlass für eine Besprechung und eine kleine Werkschau des Dramatikers.
Der Autor wurde 1968 in Innsbruck geboren, studierte Regie am Salzburger Mozarteum, war Regieassistent und Regisseur am Tiroler Landestheater und ist designierter Leiter des Innsbrucker Kellertheaters.
Schild verfasste Theaterstücke, Hörspiele und - gemeinsam mit Thomas Gassner - den Roman Schrott & Korn. Seine Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet (u.a. durch das Förderstipendium des Landes Tirol für Literatur und den Preis der Stadt Innsbruck für dramatische Dichtung).
In seinem ersten Bühnenstück Zwischen Morgen und Mir (1D, 1H, UA frei) geht es um zwei Leute, die die Entdeckung machen, dass sie HIV-positiv sind, und um ihre Reaktionen auf diesen Sachverhalt.
Morgen mein Meister (1 D) wurde 1998 im Theater im Pub in Bruneck uraufgeführt. Beatrix bereitet sich auf ein entscheidendes Treffen mit dem Consulting-Berater ihres Chefs vor. Sie hat die herrschende Machbarkeits-Ideologie und die Werte der Yuppie-Kultur so verinnerlicht, dass ihr angesichts ihres Versagens vor den an sie gestellten Anforderungen nur der Weg in den Selbstmord bleibt.
Schilds Decamerone (4D, 4 H, UA frei) ist eine sehr freie und höchst originelle Boccaccio-Adaptation mit Liedern, zu denen Christian Wegscheider die Musik geschrieben hat. Der Dramatiker ersetzt die ursprüngliche Rahmenhandlung von der onesta brigata, die sich aus Furcht vor der Pest in ein Landhaus zurückzieht, durch eine Art Faust-Geschichte: Ein Boccaccio-Forscher wird nachts im Park von einer wunderschönen Frau am Selbstmord gehindert. Sie ist eine Allegorie seiner eigenen Lebenszeit und führt ihm das Werk, über das er sich habilitiert hat, vor. Die ausgewählten Geschichten sind so verknüpft, dass sich größere Handlungsbögen ergeben und dass jeder Schauspieler mehrere Rollen spielen kann. Am Ende findet ein Gericht über einen das (unmenschliche) Gesetz verkörpernden Richter statt, der während des Schluß-Vaudevilles (zum Thema Carpe diem) von der Lebenszeit abgeschminkt wird und sich als der Dozent der Rahmenhandlung entpuppt.
Im Gegensatz zu den anderen Stücken des Autors scheint die Komödie Wallstreet, Windel, Werkzeugkiste (UA Westbahntheater Innsbruck, 2007) nicht im Verzeichnis des Bühnenverlags Fischer auf. Es ist eine Monologie für einen männlichen Schauspieler und zwei Musiker, die auch die Rolle des Chors übernehmen. Der Plot ist die Geschichte eines „neuen Vaters“, die auf sehr unterhaltsame, aber auch besinnliche und keineswegs clichéhafte Weise erzählt wird.
Schilds bislang bestes Stück ist Sitzfleisch (1D 4 H bzw. 2H,  UA Tiroler Dramatikerfestival und Bierstindl Innsbruck, 2007). Es handelt von einem Wettsitzen auf Gartenmöbeln, das aus Marketing-Gründen stattfindet. Das „Comic in unlustigen Zeiten“ rechnet mit der Leistungsgesellschaft und Auswüchsen der Gewinnorientierung ab, und das mit unvergleichlicher Situationskomik und einer sprachlichen Brillanz, die den Autor aus meiner Sicht zur Nummer eins unter den ortsansässigen Dramatikern macht.

Das Bühnenstück Abgetaucht (1 D, 2 H) basiert auf dem 2001 im Innsbrucker Treibhaus vorgestellten Drama Zweifelhaft. Es wurde in seiner endgültigen Fassung 2003 in Bielefeld uraufgeführt. Abgetaucht spielt in der Herrentoilette eines großen Industrieunternehmens, in der ein Mann und eine Frau aufeinandertreffen. Beide befinden sich in einer existentiellen Krisensituation. Er ist der Chef der Firma, die er selbst aufgebaut hat, (57) und leidet offensichtlich unter Burn-Out; sie ist eine Blumenverkäuferin, eine grundsätzlich vernünftige, pragmatische Person, der soeben das Pech widerfahren ist, ihren Ehemann in flagranti mit einer anderen zu ertappen. Die dritte Figur ist der Wachmann Otto, ein Boxer, der seine Lizenz verloren, aber dann ein bürgerliches Auskommen gefunden hat, und insgeheim davon träumt, die Rolle eines Retters der Welt zu spielen. Die Titelmelodie des US-Agententhrillers Mission Impossible (Brian de Palma, nach der Fernseh-Krimi-Serie Kobra übernehmen Sie), die er mehrmals pfeift, hat die Funktion eines Leitmotivs.
Formal bewirkt Ottos Auftritt einen Bruch mit der bisherigen Erzählstrategie und eine Absage an den Naturalismus: Er hält lange Monologe, die im Gegensatz zu jenen der anderen Figuren an keinen Zuhörer gerichtet sind, und spricht eine Kunst-Sprache. Ein real existierender Ex-Boxer und Nachtwächter würde wohl kaum zwischen Metaphorik und Fäkalsprache angesiedelte Aussagen wie die folgende machen: „Ich spül mich jetzt durchs Klo, und im Klärwerk sollen die klären, was mit einem Stück Scheisse wie mir geschehen soll.“ (45)
Sein Auftritt ist außerdem der Auftakt für einen Genre-Wechsel. Über das Stück, das bisher nach dem Schema Schicksalshafte-Begegnung-macht-aus-zwei-vom-Leben-Geschlagenen-ein-geläutertes-neues-Paar ablief, legt sich unmerklich die Folie des Genres Agentenfilm, von dem Schild verschiedene Motive übernimmt: So stellt sich heraus, dass Erich in Wirklichkeit Georg heißt, und seine Erschöpfungs-Depression nimmt urplötzlich die Züge einer dämonischen Besessenheit an: Erich beschließt überraschend, eine Aussteiger-Utopie zu verwirklichen, der er seine 374 Angestellten zu opfern gedenkt, was Otto im letzten Moment verhindert, indem er ihn erschießt. Die gefährlichen Pläne des Unternehmers sind in seinem Laptop gespeichert. (Auch in Mission Impossible spielt ein Laptop als Aufbewahrungsort geheimen Wissens eine Rolle.) Dergleichen so umzusetzen, dass der Film (oder das Genre) im Spiel als solches erkennbar oder persifliert wird, ist zweifellos eine reizvolle Aufgabe für einen Regisseur.
Die in Abgetaucht angeschnittenen Themen kommen auch in Schilds anderen Werken zur Sprache. Eines ist die Einsamkeit des einzelnen in Paarbeziehungen, Familien oder inmitten seiner Arbeitskollegen. Ein anderes ist die – in den Augen seiner Figuren - zunehmende Verkomplizierung der Welt: „Da denk ich dann daran [...] wie Menschen wie Sie an einer Welt herumschrauben, die ich nicht mehr verstehe,“  sagt Otto, (64) und selbst der Unternehmer Erich meint: „Und irgendwie stehe ich da jeden Tag dazwischen mit einem Kopf, in den das alles nicht mehr hineinpasst, der dieses Tempo nicht mehr denken kann.“ Schilds Hauptthema ist die Entmenschlichung der Welt, an der bei ihm einseitig die Mächtigen schuld sind, meistens Wirtschaftsbosse wie Erich/Georg, der Meister, die Leute von Globl Mogl (Sitzfleisch). Während die beiden letztgenannten nur die Fäden im Hintergrund ziehen, wird dem grausamen Vater in Boccaccios Herzmäre eine Ehefrau zur Seite gestellt, wodurch das inzestuöse Motiv, das den Mord am Liebhaber der Tochter bei dem Renaissancedichter verständlicher macht, wegfällt. Der Unternehmer Erich gibt sich zwar kurzfristig jovial; aber als sich ihm die anderen nicht blind unterordnen, mutieren sie augenblicklich zu Wichsern (62), Neandertalern (64), Versagern (67) etc. „Weil ihr nichts seid ohne mich. Also leck mir gefälligst die Stiefel und halt’s Maul.“ (67) Schlecht kommt auch der ursprünglich nur sich selbst schädigende Intellektuelle in der Rahmenhandlung des Decamerone weg, der dann im Stück zu einem unmenschlichen, lebensfeindlichen Richter mutiert.
Schilds Lösung ist weder der Widerstand des einzelnen noch Solidarisierung zwecks gemeinsamen Handelns. Sie ist eine schildkrötenhafte Hartnäckigkeit im Verfolgen von Zielen, wobei vermieden wird, an den Strukturen des Systems Anstoß zu nehmen und Carpe diem bzw. kurzfristige Grenzüberschreitung – nicht als ethische Grundhaltung, sondern als eine Form von Eskapismus:

Otto: „Wenn du aufrecht keine fünf Schritte weiter kommst, dann musst Du dich eben umdrehen und Arsch voran drei weiterzuckeln“ (58)
Hanna: „Da fährt dir ein Gedanke in alle Knochen: Ich verliere mein Leben. Aber du stirbst nicht, sondern spürst nur, wie wertvoll dir dein Leben ist und wie gern du es lebst, weil sonst hättest du ja nicht Angst haben müssen, es zu verlieren. Und wenn du dieses Urgefühl wieder spürst, dann kannst du wochenlang weiter in der Tretmühle treten, weil du weißt: ich finde mein Leben schön.“ (27)

Das ist, philosophisch gesehen, ebenso unhaltbar, wie in der Praxis richtig. Und: Weisheit klingt immer etwas banal. 

 
Sylvia Tschörner

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