Rezensionen 2008

Hans Platzgumer, Weiß. Roman
Innsbruck: Skarabäus Verlag 2008, 300 Seiten 

 
Pagophil 

Eis und Schnee liebend, das sind nicht bloß die in arktische Bedrängnis geratenen Spezien Pinguin, Robbe und Eisbär, nein, pagophil, wie der Fachmann sagt, sind auch zeitgenössische Autoren. Schnee fällt auf Zedern (David Guterson), erfordert Smillas Gespür (Peter Høeg), ist nobelpreiswürdig (Orhan Pamuk). Und das ist nur die Spitze des Eisbergs.

»Wie lange dauert die Polarnacht in der Allerheiligenbucht von Novaja Zemlja? Wie tief ist ein Grab? Wie viele Sitze drehen sich an einem Kettenkarussell? Und diese helle Barriere im Hintergrund – sind das Berge? Ein verschneites Gebirge? Wann begann es zu schneien? Und was verschwand im Schneetreiben? Und dann? Was geschah dann? Und weiter? Und immer weiter...«

Immer weiter, bis zu Hans Platzgumer, der in seinem ersten publizierten Roman eine Welt erfindet, und sie ist weiß. »Aber jetzt keine Farben mehr. Keine Bilder. Keine Vermutungen. Fest steht, dass die Cradle nach dem Ende der hocharktischen Mission noch zwei Tage im Adventfjord vor Anker gelegen war, dann mit Kurs auf die nordnorwegische Küste auslief und den spitzbergischen Archipel für dieses Jahr verließ. Und fest steht vor allem, dass Josef Mazzini in der Grubenstadt zurückblieb...«

Mazzini? Ja, so heißt der verschollene Held in Christoph Ransmayrs Roman Die Schrecken des Eises und der Finsternis, den man angesichts der neuesten Schnee-Lektüre wieder zur Hand nehmen könnte.  Von der Örtlichkeit her sind wir da Platzgumers Protagonisten Sebastian Fehr schon verblüffend nahe, um nicht zu sagen: auf den Fersen. »Was macht einen Menschen blind? ... Wenn einer zu erzählen beginnt, muß er solche und ähnliche und unzählige andere Fragen zu beantworten imstande sein und muß doch nach jeder Antwort immer neue Fragen an sich und die Welt richten. Aber länger, viel länger als er jemals antworten, sprechen und erzählen wird, muß er wohl stillhalten und schweigen und den Menschen bloß zuhören und ihre Lebensläufe, ihre Wohnungen, ihre Wege, Felder und Schlachtfelder, Vorgärten und Müllhalden bloß betrachten, bis er sich endlich erheben und so etwas Ähnliches wie Es war... Es war einmal sagen kann.«

So spricht Altmeister Ransmayr in einem kleinen programmatischen Bändchen mit dem Titel Die Verbeugung des Riesen. Vom Erzählen. Hans Platzgumer hat sich im Wesentlichen daran gehalten, die Eis- und Schneewelt und die Fragen an sie zwar nicht neu erfunden, aber ein ebenso solides wie respektables Erzählstück abgeliefert. Er recherchierte und war selbst dort oben nahe dem Nordpol, in »dieser öden, dürftigen, in Kälte erstarrten Welt«; »jede Invasion des Menschen hat das arktische Basaltgestein zurückgeworfen. Die Österreicher, Norweger, Briten, Amerikaner und Russen«. Warum zieht es bloß diesen Sebastian Fehr, geboren 1965, wohnhaft in Frankfurt am Main, zu den Polarfüchsen? Um ehrlich zu sein: So ganz plausibel wird einem dieser Umstand nicht. Nach einleitenden Vor- und Rückblenden, einer Menge Fachliteraturexzerpten alsdann ist Fehr seinem Ziel, zum Eisblock auf dem Franz-Joseph-Land zu werden, greifbar nahe gekommen: »Der Mann war zusammengebrochen, als er das Weiß vor ihm nhcit mher von Dunkelheit unterscheiden kontne, als die Eismosaike, die auf seienn Netzhäuten imemr neue Gebilde erschaffen hatten, sich in enie neuartige Finsternis verwandelt hatten«.

Mit diesem dérèglement des sens – es handelt sich im Zitat um keine Druckfehler – sind wir allerdings einer Poetik Rimbaud’schen Zuschnitts näher als der Ransmayr’schen. Platzgumers Held erblindet und beginnt – zurück auf Reha in Deutschland – zu schreiben. »Ich gehe zurück.«, steht am Ende seines Schreibheftes – und wir wissen nicht, ob das gelingt, denn damit endet auch der Roman. Es geht uns ein bisschen wie Ransmayrs Chronisten am Schluss: »Ich stehe inmitten meiner papierenen Meere, allein mit allen Möglichkeiten einer Geschichte, ein Chronist, dem der Trost des Endes fehlt.« Tatsächlich gibt es den Trost, ins papierene Meer zu langen, dorthin, wo Eis und Schnee treiben. Und das ist nicht der schlechteste Trost.

Bernhard Sandbichler

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