Rezensionen 2008

Irene Prugger, Schuhe für Ruth  
Innsbruck: Haymon, 2008


«Brauchen wir Broccoli?»


2003 hat Irene Prugger den Band «Nackte Helden und andere Geschichten von Frauen» veröffentlicht, 2005 den Roman «Frauen im Schlafrock». Auch in ihrem neuen Roman steckt die Frau im Titel und sie heißt Ruth. Das mit den Frauen ist keine strickmusterhafte Marotte à la Gabi Hauptmann (dort in Form von «Mann», also «Suche impotenten Mann fürs Leben», «Nur ein toter Mann ist ein guter Mann», «Eine Handvoll Männlichkeit», «Ran an den Mann» usw.), aber auch kein Margit Schreinerscher Geschlechterkampf in Wortform («Haus, Frauen, Sex»). In den «Nackten Helden» experimentiert Prugger mit weiblichen Erzählperspektiven, der darauf folgende Roman erzählte konsequent aus dem Blickwinkel der Hauptfigur Anna, einer durchaus aparten, etwas verquasten jungen Frau von 27 Jahren, die zwar Intellektuelle mit Hochschulreife ist, aber dem ideologisch-korrekten Klischee der intellektuellen Frau nicht nach dem Mund spricht. Ruth ist altersmäßig etwas darüber, bildungsmäßig etwas darunter.

Im Gegensatz zu Anna hat sie Kinder, die Zwillinge Vanessa und Florian, und ist damit überfordert. Sozialbeamtinnen beäugen das Familiengeschehen, von Amts wegen tapst Nadine, Bewegungscoach und Ernährungsberaterin, in Ruths Privatsphäre: Diese Familie ist zu dick. Was ihr freilich fehlt, ist der Vater bzw. der Mann. Mit Florian, dem Seemann, hat Ruth Pech gehabt: «Wenn sie eines Tages über eine Reling gekippt, ins Wasser gestürzt und ohnmächtig geworden wäre, hätte es sich bezahlt gemacht, ihn als Mann zu haben. Aber sie blickten immer nur vom Balkon aufs Häusermeer.» Florian packt seinen Seesack für drei Wochen und kommt erst Jahre später zurück, und dann mit dem Satz «Brauchen wir Broccoli?». Postkarten schickt er vom Meer; später hält Ruth andere an, solche Postkarten zu schreiben, damit die maritime Idylle für ihre beiden Kinder aufrecht bleibt. «Gott, der Vater, zahlt keine Alimente». Ist es da ein Wunder, wenn Ruth aus dem Leben verschwinden will?

«Lange bevor Ruth sich fragte, wie man Menschen und Dinge verschwinden lässt, fragte sie sich, wie es wäre, selbst zu verschwinden.» So setzt die Handlung ein, aber dieses Verschwinden  wird Ruth nicht gelingen, weder landet sie im Wasser, noch kann sie sich wegzaubern wie ein Magier. Mit der Glotze gelingt der einkommensschwachen Bibliothekskraft hin und wieder eine Ausflucht. «Dann breiteten Wünsche und Sehnsüchte sich aus und fläzten zwischen den Möbeln herum wie arrogante Bekannte.»: In so schöne Satzform gießt Irene Prugger dann ihre traurige TV-Welt. Und überhaupt diese «Lebensplage»! Auch die lässt sich wunderbar formulieren: «Ruth sah zum Fenster. Ein Tag zum Auswringen, heftiger Wind, dann wieder Regen in Schnüren. Dass er nicht in Schnee überging, lag an der resignierten Haltung des Winters. Er hatte in diesen ersten Jännertagen schon wiederholt sein weißes Tuch zurückgezogen, als gelte es, eine Überraschung zu präsentieren, aber zum Vorschein war bloß die alte Stadt mit den alten Straßen gekommen, Häusergiebel, die sich unter Wolken duckten und regulierte Bäche, die das Auftauen nicht lohnten.» Derart lyrisch-bravouröse Register kann diese Autorin auf einem Manual anspielen, um auf dem andern romantisch-ironisch dagegenzuhalten: «Poesie half allerdings auch nicht weiter. Für Ruth verlief das Leben hier uninspiriert, nicht nur deshalb, weil es an Geld fehlte.»

Irene Prugger spielt in diesem neuen Roman keineswegs die Klaviatur des Frauenlebens als Jammertal hinauf- und hinab. Tatsächlich hält dieses Leben nicht bloß Bitteres, sondern auch Süßes für Ruth bereit. Woraus sich ein stimmiger, pointiert kommentierter Plot entspinnt. Und von dem soll hier nichts weiter verraten werden. Nur noch das mit den Schuhen: Also Ruth war von Kindheit an «süchtig nach dem Geruch neuer Schuhe», eine Soraya in Kleinformat, die immer wieder gern zum Objekt der Begierde langt und am Ende mit einem gestohlenen Paar neues Terrain betritt. Süßes Leben! 

Bernhard Sandbichler

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