Rezensionen 2008

Walter Klier, Leutnant Pepi zieht in den Krieg
Das Tagebuch des Josef Prochaska. Roman
Innsbruck/Hohenems: Limbus Verlag, 2008
  

"Eine unförmige Missgeburt?", fragte sich Walter Kempowski angesichts der Ausmaße seines "Echolot"-Projekts: Tausenden aus den Jahren 1941 bis 1945 verlieh er literarische Präsenz, indem er aus ihren Briefen oder Tagebuchnotizen zitierte und diese Zitate mit zusätzlichen Zeitdokumenten collagierte. Dem Chor der fremden Stimmen aus der Vergangenheit seine eigene hinzuzufügen, dagegen hatte sich der Autor bis zuletzt (Band 10 von „Das Echolot. Abgesang '45. Ein kollektives Tagebuch“  erschien 2005) verwehrt. "Sehr schwierig, das liegt mir gar nicht", notierte er im November 1992 ins eigene Tagebuch. "Hildegard meint, ich spreche wie ein Bauer, wenn ich mich theoretisch über etwas verbreite."

Das erste Missverständnis, wenn man von Walter Kliers Buch sprechen will, ist nun diese Verbindung zu Walter Kempowski. Ein „österreichisches Echolot“ nennt es der Verlag, aber das ist es nun einfach wirklich nicht. Der deutsche Kollege hat die Vergangenheit archivalisch und literarisch denn doch wesentlich intensiver beackert. Bei Klier finden sich aber vornehmlich Tagebucheinträge und Feldpost seines Großvaters Josef Prochaska, man erfährt einiges „auch über die anderen [Verwandten und Nichtverwandten], Heintschi, den Papa, die Mama, Kati, die Meisterköchin, Tanti Fini und Tante Dini und den nichtsnutzigen Rudi und die Tante Elsa mit dem aufgeplatzten Ärmel, …“ Das mag an sich seine Berechtigung haben, eine Unterscheidung ist aber doch angebracht.

Auch dass sich Klier nicht wie Kempowski zurücknimmt, sondern kommentierend einmischt, macht deutlich, dass nur bedingtes Vertrauen ins krude Ausgangsmaterial gelegt wird. Gegebenenfalls sekundieren den Stimmen der Vor- und des Nachfahren darüber hinaus historische Quellen bzw. von Historikern verfasste Zeitgeschichte. Ob das so notwendig ist, wo ein kurzer Blick auf Wikipedia den gleichen Zweck erfüllt? Und der englische Historiker und Publizist Gordon Brook-Shepherd liest sich zur Gänze allemal besser denn als Zitatenschnipsel.

Schließlich handelt es sich bei „Pepis Feldpost“ keinesfalls um „einen Roman …, der eigentlich schon fertig war“, wie in der Vorbemerkung zu lesen ist. Auch das vor Teil 3 angebrachte Kempowski-Zitat („Einen Roman schreiben über den Krieg? Wie kann man denn einen Roman über diesen Krieg schreiben?“) enthebt einen Autor nicht seiner behaupteten Tätigkeit. Das ist das zweite Missverständnis. Natürlich kann man einen Roman über den Krieg schreiben. Sich im Titel an Vorbilder bloß anzulehnen, ist allerdings ein bisschen dürftig. „Schwejk zieht in den Krieg“ heißt es bei Hašek (als Kapitelüberschrift), „Leutnant Pepi zieht in den Krieg“ bei Walter Klier.

„Eine große Zeit erfordert große Menschen. Es gibt verkannte, bescheidene Helden, ohne den Ruhm und die Geschichte eines Napoleon.“, schreibt Jaroslav Hašek im Vorwort zu „Den Abenteuern des braven Soldaten Schwejk“. Josef Prochaska war zwar ebenfalls ein braver Soldat, kommt sich aber schon einmal „wie der Napoleon auf Helena vor“ (lt. Eintrag vom 17. Mai 1918); dass zum Ende des Krieges hin „meine Eingabe zum Eisernen Kronenorden nicht durchging“, schmerzt ihn, zumal dies die „zukünftige Laufbahn als Staatsbeamter schwer trifft“. Am 23. Mai 1918 schreibt Pepi an den „lieben Papa“: „Die Mehlspeise kam nicht; die Nichtfertigstellung durch Kati ist durch nichts gerechtfertigt.“ Ich erlaube mir, auch hier einen kleinen Vergleich zum Schwejk anzustellen: „Die Kochkunst lernt man am besten im Krieg kennen, besonders an der Front. Ich erlaube mir, einen kleinen Vergleich anzustellen. Im Frieden haben wir von sogenannten Eissuppen gehört, das sind Suppen, in die man Eis gibt und die in Norddeutschland, Dänemark und Schweden sehr beliebt sind. Und seht ihr, der Krieg ist gekommen, und heuer im Winter in den Karpaten haben die Soldaten so viel gefrorene Suppen gehabt, dass sie nicht einmal gegessen haben, und es ist doch eine Spezialität.“

Dass  Hašeks Schwejk von anderer Würze als Pepi Prochaska ist, soll weder dessen Kriegsprofil noch die Bedeutsamkeit seiner nachgelassenen Kriegsschriften schmälern! Aber es könnte doch sein, dass man als Nichtverwandter zum Lesen das eine dem anderen vorzieht.

Bernhard Sandbichler

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