Rezensionen 2008

Magdalena Kauz: der hut, das wasser, die liebe. Erzählung
Kyrene Verlag 2008 

Magdalena Kauz’ Erzählung lässt sich als zeitgenössische und literarische Annäherung an das Thema „Paare“ lesen. Als moderne Variante der märchen-haften Suche nach dem Glück. Selbstverwirklichung, Rebirthing, Kinderwunsch, Berufstätigkeit, Liebe, Single-Dasein  – alles scheint möglich zu sein, irgendwie, und gerade deshalb: Wenn alles möglich ist, was will man wirklich?
Die Ich-Erzählerin, eine namenlose Frau, ist erfolgreiche Hutmacherin mit eigenem Atelier. Sie kreiert „Hüte mit bunten Federn, die traurige Frauen lustiger aussehen lassen.“ Sie liebt das Organische, Pflanzen, Tiere; eine Maus ist nur ihr bekannte Mitbewohnerin im Atelier, die ihr Reich, so imaginiert die Ich-Erzählerin, mit Fäden und Knöpfen ausschmückt. Der Partner der Ich-Erzählerin ist Architekt, er liebt klare Linien und Formen und hasst Grün in jeglichen Varianten, was wiederum ihre Lieblingsfarbe ist. Ein Paar, unterschiedlich und dennoch zusammen. Bis sich bei ihr der Verdacht einschleicht, er betrüge sie.
Da ist das alte Bauernpaar, das in seiner alltäglichen Eintracht in der Ich-Erzählerin ein vages Gefühl nach Glück weckt. Modern und selbst-reflexiv wie sie ist, enttarnt sie es selbst sofort als Illusion.
Da ist das Paar, das sie auf ihrer Reise, auf der sie sich Klarheit über ihre Beziehung verschaffen will, vom Fenster ihres Hotels aus beobachtet. Der Künstler, der ihr von seinen Paar-Verhältnissen erzählt. Die Erinnerungen an die Paar-Konstellation von Mutter und Vater.
„Mal aus der Subjektiven, mal sehe ich mich selber von außen.“ An dieser Schnittlinie entlang bewegt sich die Bewegung der Erzählung. Quadrate und Rechtecke – Ausschnitte der Welt, eingefangen in geometrisch exakte Formen, durchziehen dabei die ästhetische Konstruktion der Erzählung, sei es das Quadrat des Atelierfensters oder das Rechteck des Fernsehers, durch die die Welt zur Ich-Erzählerin dringt. Eine Konstruktion, die am Brotberuf der Autorin geschult ist: als Filmemacherin wesentliche Bilder in ihrer Konzentriertheit festzuhalten und dort, wo es nötig ist, Schnitte zu setzen und neu zusammenzufügen. Reflexive Sequenzen, Träume, Beobachtungen und Erzähltes fügen sich so zu einem Mosaik zusammen, das von der Prägnanz und Kürze des Ausdrucks lebt, in dem ein Steinchen der Bedeutung des Anderen eine neue Variante oder Variation hinzufügt. Distanz und Engführung halten sich dabei die Waage.
Soweit erhellen sich die ersten beiden titelgebenden Wörter: der Hut, konkret der Beruf der Ich-Erzählerin, der aber auch Metapher für den Schutz des Kopfes gelesen werden kann, und die Liebe: thematische Klammer der Erzählung. Was aber hat es mit dem Wasser auf sich? Gegen Ende der Erzählung macht sich die Erzählerin in einen verwunschenen Wald auf und trifft dort bei einer Quelle den „Wassertrinker“, dessen Lebensinhalt in der leidenschaftlichen Verkostung von Wasser besteht. Ihm begegnet sie wieder, nachdem sie sich, nach Hause zurückgekehrt, von ihrem Lebenspartner trennt und ein neues Leben beginnt: vor dem Bild „The End and the Beginning“ des amerikanischen Künstlers Eric Fischl. Wasser als ursprüngliches Element, dessen Qualität sich in ein absolutes „Schlecht“ oder ein ebenso fragloses „Gut“ einteilen lässt. Ist dasselbe bei der Liebe möglich?
Eine Frage, die sich die Ich-Erzählerin stellt, auf die aber wohl jeder selbst seine Antwort finden muss. 

Anna Rottensteiner

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