Rezensionen 2008

Herbert Rosendorfer, "Monolog in Schwarz" und andere dunkle Erzählungen 
Langen Müller, 2007

„Monlog in Schwarz“, zählt zu Rosendorfers phantastischen Reisen jüngeren Datums. Hat er seine Leserinnen und Leser in Briefe in die Chinesische Vergangenheit (1985) noch wie bei H.G. Wells in der Zeit reisen lassen, so bereitet Rosendorfer ihnen diesmal den Weg in die Tiefen und Untiefen menschlichen und unmenschlichen Fühlens, Denkens und Verhaltens. Entgegen dem Glauben an den Menschen als vernunftbegabtes, rationales Wesen präsentieren sich die Figuren ganz und gar ungeschönt und nackt. In Anlehnung an seine Vergangenheit als Richter vielleicht legt der erfolgreiche Südtiroler Schriftsteller mit diesem Erzählband ein weiteres Werk vor, das bis an die Grenzen einer vorstellbaren Realität und bisweilen auch darüber hinaus reicht.

Nicht so finster, wie man meinen möchte, aber dunkel, weil Rosendorfer, als fabelhafter Geschichtenerzähler Einblick gewährt in die Hinter- und Abgründe des Menschlich-Allzumenschlichen. Wortwörtlich „hinter’s Licht“ führt der Erzähler seine aufmerksamen Leserinnen und Leser. Wenn seine Geschichten zunächst wirken wie beiläufig erzählt. Der neueste Nachbarsklatsch - möchte man meinen. Weit gefehlt. Tatsächlich sieht man sich bereits nach wenigen Seiten in ein an David Lynch erinnerndes Kaleidoskop von bizarren und scheinbar alltäglichen Begebenheiten verstrickt. Eine Lektüre mit „Zog-Effekt“, erst einmal hineingezogen in die Bodenlosigkeit dieser Figuren gibt es kein Entkommen mehr. Was sich zunächst als banale Alltagssequenzen noch unspektakulärerer Lebensgeschichten präsentiert, ist durchzogen von Skurrilität und dunkelstem Humor. Die in dem Erzählband versammelten fünfzehn unglaublichen Geschichten zeigen alle Schattierungen der Farbe Schwarz – und dass Schwarz eine Farbe mit unterschiedlichen Nuancierungen ist, darüber lässt Rosendorfer keinen Zweifel aufkommen. Detektivische Beobachtungsgabe gepaart mit düsterer Atmosphäre, unvorhersehbare Wendungen und eine Spur Zynismus lassen Rosendorfers Erzählungen zu einem ebenso spannenden wie unterhaltsamen Geschichtenkarussell werden. Sowohl die Originalität der einzelnen Erzählungen, als auch die gut gesetzten Pointen zeichnen diesen Erzählband aus. Auch thematisch bietet Rosendorfer eine ganze Reihe an Einfällen und abwechslungsreichen Szenarien. Sprachlich nicht so reißerisch wie Dan Brown, bleibt der Autor dem Hemingway’schen Eisberg-Prinzip treu, das wahrhaft Monströse bleibt unter der Decke; auch wenn sie mancherorts durchbrochen wird.

So bereits in der ersten Geschichte „Monolog in Schwarz“, in der ein Mann von einer an Paranoia grenzende Angst getrieben wird, sein Nachbar würde ihn von der gegenüberliegenden Wohnung aus unentwegt beobachten. Dass er außerdem Eier mit Schraubenziehern zu öffnen beliebt und ihm die Frage, was denn mit dem Licht im Kühlschrank geschehe, wenn er die Tür schließt, zu einer wahrhaften Existenzfrage zu werden droht, ist nur ein erster Blick darauf, was und wem wir hier begegnen. Wäre den Figuren zu helfen, wüssten sie, dass die Antwort auf all ihre Fragen (frei nach Douglas Adams) „42“ lautet? Zumindest würden sich die LeserInnen nicht darüber wundern. Ein Mix aus Geisterbahn und Spiegelkabinett mit Blick auf die Bewohner einer Irrenanstalt – so oder so ähnlich könnte die Beschreibung dieser Rosendorfer’schen Parallelwelt menschlicher Abgründe lauten. Was geschieht, wenn Menschen sich ihrer dunklen Seite zuwenden, ohne Bedacht auf mögliche Konsequenzen zu nehmen? Statt gesund- wird dann voodoo-gleich totgebetet, wie in „Der Totbeter“ oder Nachbars „Lumpis“ allnächtliches Bellen führt zu einer verheerenden Explosion, wie „Die Hunde-Vernichtung“ zeigt.

Unter dem Deckmantel des Gewöhnlichen blitzt die menschliche Natur hervor, wie sie mit weniger Humor vielleicht aber nicht weniger scharfsinnig von Literaten wie Edgar Allan Poe („Das verräterische Herz“), E.T.A. Hoffmann („Der Sandmann“) und nicht zuletzt von Howard Phillips Lovecraft (Geschichte und Chronologie des Necronomicons) bereits beschrieben wurde. Rosendorfer erinnert mit diesem Erzählband an dieses traditionsreiche Genre des Schauerromans - allerdings mit etwas neuzeitlichem „South-Park-Flair“.

Kerstin Mayr

Nach oben scrollen