Rezensionen 2008

Elmar Drexel, Die silberne Gasse
Hohenems: Edition Portus-Bucher, 2007 

„Die Erfahrungen der frühen Jugend lebten zwar in mir fort, aber irgendwo sehr gut versteckt, auf dem vollgestellten, verstaubten Dachboden der Erinnerung, wo man selten hinkommt“, schreibt Andrzej Szczypiorski einmal über seine Jugenderinnerungen. Und: Was auf dem Dachboden gelagert wird, existiert dort „unbemerkt, schweigend über die Jahre, nicht benötigt.“ Genau über dieses Thema wagt sich Elmar Drexel, bekannt als Theaterleiter, Regisseur und Schauspieler, in seinem ersten schmalen und bibliophilen Erzählband: drei Erinnerungen an verschiedene Lebensstationen eines draufgängerischen Er-Erzählers.
Mit Karina taucht der Leser in die Studienzeit des Erzählers ein, die atmosphärisch an Norbert Gstreins Anderntags denken lässt. Anlass ist das spurlose Verschwinden seiner Freundin Karina, einer schönen Germanistikstudentin, deren Lebenskonzept sich grundsätzlich von dem des Erzählers unterscheidet. Während er in seinen Liebesbeziehungen Freiheit und Sex sucht, träumt sie von Romantik und Eigenheim. Sollte sie sich das Leben genommen haben?
Das gebrochene Herz erzählt die Geschichte eines jungen Herzpatienten, der sich einer Operation durch seinen ehemaligen, zunächst geliebten, später gehassten Schulkollegen Gustav T. unterziehen muss. Ausgerechnet jener Mann, der schon in der Pubertät sein Herz zum Pochen und Bersten brachte, soll dieses nun heilen. Dies lässt unvermeidlich Jugenderinnerungen an das ausgeprägte Ich- und Selbstbewusstsein Gustavs hochsteigen, das dem Erzähler in ebenso ausgeprägtem Maße fehlt.
In der Silbernen Gasse schließlich steht der Erzähler etwas unbeholfen einer Erbschaft gegenüber, dem großelterlichen Landhaus samt Innenleben, einem Erbe, mit dem er nicht viel anzufangen weiß. Außer, dass das Erbe Kindheitserinnerungen heraufbeschwört, an turbulente Familientreffen mit einer alles dominierenden Großmutter und deren sechs bienenfleißigen Töchtern („Aufgemerkt wurde derjenige, der vergaß, selbst der liebe Gott, wenn er sich nicht an ein Geschäft hielt, das man mit ihm abgeschlossen hatte“), an geschäftige Theaterabende („die Wohnung seiner Eltern war der Beginn dieses Theaters“) oder an die Rodeltage mit dem Großvater: „Ein frischer Luftzug ließ ihn frösteln. Er blickte auf die Seite zur Straße und wieder fielen ihm die Winterbilder ins Gedächtnis. Die Rodelschlange, wenn sie auf dem Bauch liegend, die Rodeln mit den Füßen eingehängt, mit viel Geschrei den Bichl hinunterschlingerten. Der hohl klingende und knirschende Schnee, wenn ihn der Großvater über den Holzsteg, der den Inn überspannte, zum Bahnhof brachte. Am liebsten kehrte er von einem Rodeltag nach Hause, wenn es schon dunkel wurde und die Straßenlaternen ihr warmes helles Licht auf die verschneite Gasse warfen.“ Mit braunen Vorhängen wollen die Großeltern sich und ihre Habseligkeiten angeblich vor der Sonne schützen, doch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es mehr zu verbergen gilt. Ein dumpfes Leben nämlich, zwischen Holzspreißln, Apfelkiachln und Bleistiften, die so lange gespitzt werden, bis sie wirklich nicht mehr zu gebrauchen sind; Als-ob-Realitäten sollen einen Status nach außen hin vermitteln. Die silberne Gasse ist denn auch eine Aneinanderreihung von Redensarten und Familienanekdoten (der Onkel „pflegte die Frage, was er denn trinken wolle – Bier, Wein, Cognac oder Schnaps – lachend zu beantworten ‚Genau in dieser Reihenfolge!’“), die Einblick in ein Stück Innsbrucker Zeitgeschichte geben.
Das Gedächtnis dieses Erzählers erinnert an Szczypiorskis Dachboden: unordentlich, vernachlässigt und verstreut liegen die Gegenstände dort herum. Wie das Gerümpel existieren seine Erinnerungen in einem Zwischenzustand, aus dem sie entweder ins Dunkel vollständigen Vergessens absinken oder ins Licht der Wiedererinnerung heraufgeholt werden. Von ein paar Stamperln Schnaps angeheizt und aus Wut auf die knauserige, herrische Großmutter, die selbst noch verbietet, von den Himbeeren zu naschen, weil jedes Jahr „heuer eh so wenig sind“, verwüstet er, der sich seit seiner frühesten Kindheit in der Kunst des Sich-in-Luft-Auflösens geübt hat, das gesamte Haus – und ist erlöst. 

Birgit Holzner

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