Rezensionen 2008

Norbert Florineth (Hg.), Bild Schrift Laas
Lana: Tappeiner, 2007 

Alles Erzählen ist Übertreibung 

Im Vorwort schreibt der Herausgeber Norbert Florineth von den Grenzen, die überall im Buch Bild Schrift Laas sichtbar werden, Grenzen, die auch den Großteil der Texte und Bilder beschäftigen. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich diese Grenzen aber auch als Verbindungslinien, die wie Adern durch den Stein, einmal schwächer, einmal stärker, sich kreuzend oder verschwindend in Bild und Schrift verlaufen. Florineth wirft in seinem Vorwort Fragen auf, die zum Nachdenken anregen, Fragen, die sich nicht zuletzt in der Auseinandersetzung mit der Literatur Franz Tumlers herauskristallisiert haben. Da geht es um das Wort und die Wahrheit und das Bild bzw. die Gestalt. Das Wort gehört im Buch den Dichtern, den Chronisten, den Zeitzeugen, den Archivaren und den Biographen. In der Zusammenstellung erinnert die Bild-Schrift an das Lesebuch Hugo von Hofmannsthal, herausgegeben 1922/23, dieser führt belletristische und nicht belletristische Literatur näher zusammen, fügt Reiseberichte an Gedichte, Biographien an Romanauszüge. Bildnerische Arbeiten stellt Florineth den Texten gegenüber, klare Fotos Jakob Tappeiners von Laas, den Bergen und den Steinen, Bilder und Skulpturen von Joseph Brunner, Therese Eisenmann, Jörg Hofer, Michael Höllrigl, Luis Stefan Stecher, Hans Strimmer, Martin Strimmer, und Reinhold Tappeiner. Dem ausgesprochen schönen und sinnlich-sinnenden Buch wäre nur hinzuzufügen, dass die ein oder andere heutige Stimme das Buch besser abgerundet hätte. Hinter der Auswahl der Texte und Bilder steht ein Mensch, der an die Kraft des Wortes und an die Kraft des Bildes glaubt.
Den Ausgangspunkt der Betrachtungen Florineths bildet eine Urkunde von 1323, in der Laas und die vier Kirchen St. Johann, St. Markus, St. Martin und St. Sisinius erstmals erwähnt werden. Woher kommt man? Wohin kann man gehen? Welche Namen geben wir den Dingen und vor allem den Menschen, die uns umgeben? Johannes Ulrich von Federspiel schreibt in seinem Legendenspiel von Hirlanda, einer edlen Frau, die von ihrem Mann unschuldig verstoßen im Wald als Hirtin lebt. Toni Bernhart hat sich intensiv mit dem aus Frankreich kommenden und 1791 in Laas aufgeführten Spiel auseinandergesetzt. Von ihm stammt auch die Edition des Textes, die 1999 im Folio-Verlag erschien. Bernhart ist im Buch mit lasamarmo vertreten, ein Volksstück, das die Figuren unbarmherzig immer an die Grenzen ihrer Sprache, die Grenzen des Erzählens stoßen lässt. Die Helden sind bei Bernhart ebenso traurig wie andere Helden des Buches, wie der alte, graue Bär auf den ganz Laas Jagd macht und der schließlich von einem tapferen Laaser Jäger mit bloßen Händen bezwungen wird, oder wie Franz Tappeiner, der zwar aufgeschlossener als Beda Weber ist, aber trotzdem nicht in die Frankfurter Paulskirche entsandt wird, oder die Laaser, die sich gegen die Herrn des Deutschen Ordens in Schlanders auflehnen und schließlich exkommuniziert werden. Dass auch Bilder traurige Helden sein können, beweist der dreiteilige Altar, den Jörg Hofer 1977 gemalt hat und der ein ebenso verhülltes Dasein fristet, wie es die Fresken seines Lehrers Max Weiler in der Theresienkirche der Hungerburg in Innsbruck taten.
Der Blick, den der Herausgeber auf Laas lenkt, zeichnet sich durch Liebe zum Detail aus, es ist ein Gefühl für Struktur. Die Bilder stellen zum Beispiel einen Steinknoten neben einen Strohknoten. Die Gletscherspalten und -brüche im Sommer gleichen den Marmorschnittflächen im Marmorbruch. Schneeweiß, grau durchzogen mit Linien leuchten sie aus der Wand herunter. Helmuth Moser geht steinkundig in Dreiundzwanzig Stunden Laasertal auf die Beschaffenheit der Vinschgauer Bergwelt ein. Das Alte – der Berg – verbindet sich mit den Menschen im Tal – zumindest bis zu einem gewissen Grad. Er bietet Baumaterial, das beständig ist, er bietet Arbeit. Andererseits gibt es auch hier eine Grenze, eine alte und eine neue Welt. Franz Tumler erzählt darüber in Besuch in der alten Heimat. Er zeichnet Linien nach in Geschichte aus Südtirol oder Aufschreibung aus Trient. Zur Sprache kommt auch die Verbindung und Grenze zwischen Italienisch und Deutsch. Was ist davon Heimat, welches Wort gebiert das Gefühl? Dem Gesichteten in Worte Gepackten widmen sich Thomas Kling in den Gedichten Mahlbezirk und zur krone, alla corona, laas, Luis Stefan Stecher in seinen Korrnrliadr oder N.C. Kaser in den Gedichten Laas für Marijke oder maridl, damit bleibt der Gasthof Krone in Laas in der Literatur festgeschrieben. Wenn Kaser von Hermann von Gilm und seinem Gedicht Allerseelen zu Norbert Florineth sagt „Lass den Kitsch“, so spricht er von einer Welt, die es nicht gibt, vielleicht nie gab. Es ist Sage, ein Gesagtes, das mit dem Aussprechen Gültigkeit erlangt, das Kaser ebenso wie Tumler und die anderen Autoren beschäftigt. Es ist Übertreibung wie jedes Erzählen – so Franz Tumler.

Barbara Hoiß 

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