Rezensionen 2008

Heinz D. Heisl, Abriss. Roman
Berlin: Dittrich Verlag, 2008 

Schamaufstand in der Sitzbadewanne 

Der Held von „Abriss“ hat eine schwierige Reise anzutreten und ein leidiges Kapitel seiner Biografie abzuschließen. Er muss zurück in die Stadt seiner Kindheit (unschwer als Hall zu erkennen). Er muss ohnehin immer wieder und immer weiter zurück, muss ausholen, um seine Gegenwart erklären zu können. Er muss also zurück, weil er sein Erbe anzutreten hat, er weiß, wie er das zu tun hat und lässt das Elternhaus abreißen, um somit einen Schlussstrich ziehen und endlich alles Gemeinsame planieren zu können.
Das Haus am Rande der Stadt, aufgebaut auf Mülldeponiegrund. Der Vater, der „Matrosenkappenmann“ ein „Müllplatzbaustellenbesitzer“ und in Summe eine Lebens- und Liebesruine. Die Mutter nicht minder. „Das Leben sei ihr verleidet.“ (S. 146) Und der Sohn für alles verantwortlich und überdies undankbar. Strafen, Beleidigungen und Unverständnis schlagen dem sensitiven Zögling entgegen. Selbstmordsehnsüchte, Höhenangst und Drang nach Abgrund sind dessen ungehörte Antwort darauf. Denn: „Du gehörst zu jener Sorte Mensch, welcher man nicht zuhört und wenn doch, dann flüchtig, ein zuhören also bloß vorgebend, dachte er.“ (S. 201) Und ständig dominiert ihn das Gefühl, er müsse „Aus sich herausrennen.“ (S. 210)

Es regnet viel in den Geschichten die in Bremen, Bochum, Paris, New York aber vorwiegend in Hall spielen. „Der Regen beruhigt.“ (S. 185) Und Beruhigung und Aufarbeitung hat der geschundene Held notwendig. Wie schon in seinem Text „Vom Gefühl. Eine Grobheit“ (2006) entdeckt Heisls Held eine Bar für sich als Reflexionsstube und zwar diesmal nicht in Tokio, sondern in New York, die Broome Street Bar (located in the heart of Soho).
„Wollte er es ...? Wollte er es nicht ...? Dieses sich Erinnern. Diese Bilder des Erinnerns. Konturen, die sich an sich selbst schärfen. Zurückliegendes aufquellen lassen. Wollte er dieses Erinnern zulassen? Sollte er die Erinnerungsgedanken beiseite drängen? Sich bedrängen lassen? Na was denn ... Na was ...“ (S. 198)

Was? Persönliche Erinnerungsarbeit mit eindringlichen Kindheitsepisoden, Spitzbubenstreichen und erschütternden Erziehungseskapaden der Eltern. Da werden viele schmerzliche Erinnerungen  ausgegraben aber auch berührend melancholische Alltagsgeschichten. Da vergleichen Schüler ihre Zahnstellung anhand der Bissmuster in Schokolade, ekeln sich vor und erregen sich gleichzeitig an Erotikfotos. Da richtet sich des Helden Glied in der Sitzbadewanne angesichts des Auftauchens von Annemarie trotzig auf. Da begegnet man undichten Absaugschläuchen von Gülletankwagen. Da werden erste Geschlechtsgegenchecks vor- und diverse interessante Körperdetails genauer unter die Lupe genommen. Da werden die Schennachs, die spießigen Schreckensnachbarn vorgeführt: „Und die Schennachs lachten alle diejenigen aus, welche keine Fremdenzimmer mit fließendem Kalt- und Warmwasser anbieten konnten.“ (S. 194) Und da wird viel Lokalkolorit gefärbt mit des Helden Sichtweise präsentiert.

Der Ich-Erzähler ist Musiker, war Orchestermusiker am Bochumer Stadttheater und musikalisch durch und durch ist auch der Text. Musikalisch, rhythmisch und gewohnt sprachoriginell. Ein wahrer Heisl halt.
„Die Wörter füllten das Haus. Die Geräusche füllten die Zimmer des Hauses. Eins nach dem anderen. Bis unter das Dach. Ja ... Sogar aus den Schornsteinen stiegen dicke Wortschwaden. Die Wände begannen sich zu wölben. Verbogen sich. Schienen jeden Augenblick bersten zu wollen. Das kleinste der Geräusche wurde zu einem Wort; irgendwann würde dieses Haus an irgendeiner Stelle nachgeben, um sich in einem lang gezogenen Schrei letztendlich aufzulösen.“ (S. 224)
Doch Worte genügten nicht, da mussten Bagger her und die lässt der Erzähler auffahren, um endlich Ruhe haben zu können.
„Abriss“ ist eine berührende, streckenweise komische, mitunter ausführlich abschweifende, aber immer sprachstilistisch angenehm hochtrabende Angelegenheit. Eine starke Abrechnung.

Markus Köhle

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