Rezensionen 2008

Hans Haid, Similaun
Innsbruck: Skarabaeus, 2008 

 
Wenn Hans Haid einen längeren Text vorlegt, wissen seine LeserInnen, dass nicht vieles so bleiben wird, wie es bisher war. Aber eben nur “seine” LeserInnen.

Es ist kein Musikantenstadl, den uns Haid hier auftischt. “Similaun” ist eine Gletscheroper, eine gewaltige und gewalttätige Erzählung, die uns kein Happy End beschert und von der wir uns erholen müssen, wie nach einem schlechten Traum.
Also nichts für all die Hobbyeroberer mit der gegerbten Haut und drüber 2cm Sonnenschutz, den Blick weit in die Ferne gerichtet, auf jenen Punkt, an dem das Blauweiß des Himmels mit dem Weißblau der Schneemassen eins wird, und man/frau dann endlich wissen: der Reimmichl hat doch Recht gehabt. Sou schian ischs lei do.

Wer sich durch Haids Erzählung liest, wird in Zukunft eher mit bangen und unsicheren Blicken auf die Berge hinauf schauen, wissend, dass da noch vieles herunter kommen wird, was besser oben bleiben sollte.

Virgil, der lonely man von der Transhumanz (wers nicht weiß, bitte googeln), geistert im hintersten Ötztal herum und sinniert darüber nach, wie dem grässlichen Treiben der Gotteslästerung, Hurerei und Naturzerstörung ein Ende gesetzt werden könnte. Er erscheint uns bereits heillos Verdorbenen als Unberührbarer, als einer aus der Vergangenheit, der selbst sein Heil in einer noch ferneren Zeit suchen muss, da er mit seinen Schafen nicht mehr in der Lage ist, das anrollende Unglück in Form einer gewaltigen und bereits vor ihrer Fertigstellung dem Untergang geweihten Gletschermegastadt abzuwenden.

Hoffnung und Stärkung für diese unlösbare Aufgabe sucht und findet Virgil z.T. bei und in Rusilena. Diese gehört einer alpenländischen Sagenwelt an, die wir “Gebildeten” schon längst nicht mehr in unserem Wissenskanon haben und nur besonders Fleißige und Aufmerksame höchstens noch in den “Dolomitensagen” von Auguste Lechner anzutreffen wissen.

Hans Haid ist es mit seinem “Similaun” zu verdanken, dass er in schöner Parallele zum “anschwellenden Bocksgesang” der Tourismushyper ein Szenario entworfen hat, das dazu dienen könnte, uns an gewisse Gesetzesmäßigkeiten zu erinnern, aus denen es kein Entrinnen gibt, wenn auch noch so viele Ansprachen, Segnungen und andere Versicherungen 1000%ige Garantien abgeben und ewiges Glück durch das Geld an sich und die moderne Technik im Besonderen versprechen.

Die “Langtüttin”, die “wilde Frau”, die ”Disen”, die “Sontga Margriata” und die “Saligen”; der “Malefiz-Bua” und der “wilde Mann”. Was sind das für Gestalten, die hier herbeigeschworen werden? Ihre Gegenüberspieler sind die Touristiker, die machtgeilen Politiker und die alles segnenden Vertreter des Herren auf Erden. Kurzfristige Gewinner in diesem ungleichen Spiel sind die Letzteren. Auf die Dauer aber bleibt es Figuren wie Virgil und seinen Mitspielern aus der Halbwelt der Berge vorbehalten, den Verlauf der Dinge so zu lenken, dass dem großen System dahinter, der Natur der Berge, nicht zuwider gehandelt wird.
Der im hintersten Tal neu zu errichtende Damm der Superlativen ist wie ein Hyperlink ständig im Text präsent und bald weiß man als Leser auch, dass die 96 Millionen Kubikmeter gestauten Wassers eigentlich nur darauf warten können, endlich einmal mit Schwung und Kraft durch das Tal hinauszudonnern. Wie in Longarone, im entfernten Jahr 1963, aber das weiß ja außer Hans Haid kaum noch wer. 2500 Tote, damals.

Die Erfüllung der Dämme ist ihr Bersten. Das Wasser wird gestaut, um dann mit unbändiger Gewalt das verdorbene Tal rein zu spülen und die frevelnden Mammonanbeter und deren Mätressen der gerechten Strafe zuzuführen.

“Der Ferner kommt”, bzw. Dessen unter dem Eis aufgestaute Wasser.
Und dies ist kein SF-Projekt. Haid wiederholt, betont, zitiert und “er”findet: immer wieder ist das Tal von Überschwemmungen heimgesucht worden, und immer fester ist dieses tödliche Wissen von den skupellosen Touristikern mit dem Kitzel des Abenteuers verbunden worden. Zuletzt nach dem Hubschrauberunglück in Sölden.

“Und dann ist es geschehen. Alles ohne Menschenschuld. Ohne nachweisbare Maschinenschuld. Einfach ein Ereignis, zwar schrecklich, aber nicht vermeidbar. Neun Tote und ein wenig Trauer im Tal der Zuhälter und Seilbahnpioniere”.

Etwas mehr Liebe wär einem solchen Buch zu wünschen. Buchdeckel auf, los gehts, keine Verschnaufpause für das Auge, hinten schauts gleich aus: Bibliografisches schnell noch auf die letzte Seite gepappt. Der Flattersatz gibt auf der rechten Seite keine Ruhe, während links alles gradlinig verläuft. Konsequent wäre ein solches Layout, wenn bereits auf dem Umschlag mit dem Text begonnen und am Rücken damit aufgehört würde. Und wenns rechts flattert, sollte es das links auch tun, da man sonst ja bekanntlich leicht abstürzt.

Auf alle Fälle aber eine Pflichtlektüre für all jene, die sich nicht so ganz sicher sind, dass "Skifoan (…) des Leiwandste” is, “wos ma sich nur vur stön konn”. 

Peter Giacomuzzi

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